Veranstaltung

„Berlins schönste Seiten“: Podcast live zum Jubiläum

| Lesedauer: 4 Minuten
Andreas Abel
Janika Gelinek und Sonja Longolius vom Literaturhaus Berlin (links, Mitte) mit Morgenpost-Kulturchef Felix Müller.

Janika Gelinek und Sonja Longolius vom Literaturhaus Berlin (links, Mitte) mit Morgenpost-Kulturchef Felix Müller.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

In der CLB-Galerie diskutierten Janika Gelinek und Sonja Longolius vom Literaturhaus mit Morgenpost-Kulturchef Felix Müller.

Premiere zum Jubiläum: Am Mittwochabend ist die 20. Folge des Literaturpodcasts „Berlins schönste Seiten“, eine Produktion des Literaturhauses Berlin und der Berliner Morgenpost, aufgezeichnet worden — zum ersten Mal live vor Publikum. In der CLB-Galerie am Moritzplatz (Kreuzberg) stellten Janika Gelinek und Sonja Longolius, die Leiterinnen des Literaturhauses, und Felix Müller, Kulturchef der Morgenpost, drei Bücher vor. Anlass war die Ausstellung mit Werbemotiven der Zeitung, die noch bis Sonntag in der Galerie zu sehen ist.

Zum Auftakt sprach Janika Gelinek über den in diesem Herbst erschienenen Roman „Sisi“ von Karen Duve. Sie habe dieses Buch herausgegriffen, weil sie sofort an die Sissi-Filme mit Romy Schneider denken musste und neugierig gewesen sie, wie Duve mit diesem übermächtigen Bild umgeht. Das Ergebnis sei großartig. Die Autorin stellt die österreichische Kaiserin vor allem als leidenschaftliche Reiterin dar -- und als Frau Ende dreissig, die sich geradezu besessen dem Erhalt ihrer Schönheit widmet.

„Nie klappert der Karteikasten“

Der Roman sei gelungen, lautete das Fazit der Literaturhaus-Chefin, sehr lässig geschrieben, oft komisch, mit vielen ironischen Brechungen. Gleichzeitig merke man dem Text eine große Sachkenntnis an, die Duve aber elegant und unangestrengt einwebe: „Nie klappert der Karteikasten.“ Nur eine Einschränkung machte sie: „Wer Pferde, Reiten und Jagden gar nicht mag, für den ist es nicht das richtige Buch.“

Felix Müller hatte sich den ebenfalls erst kürzlich erschienenen Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch „Wir haben es nicht gut gemacht“ für den Podcast ausgesucht. In rund 300 Briefen geht es um die letztlich sehr unglückliche Liebesbeziehung der beiden Literaturgrößen. Beide haben diese Beziehung literarisch verarbeitet – Max Frisch weit mehr als Ingeborg Bachmann. Der Briefwechsel schließe eine Lücke, weil er einiges im Werk der beiden Schriftsteller erklärt, sagte Müller. „Gleichzeitig habe ich mich gefragt, ob man das eigentlich lesen darf.“ Denn Ingeborg Bachmann wollte nicht, dass die Briefe jemals veröffentlicht werden.

Der Briefwechsel bricht überkommene Deutungen auf

Die moralische Frage löste eine Diskussion aus. „Ich hatte beim Lesen das Gefühl, beide wissen, dass sie für eine Öffentlichkeit schreiben“, erwiderte Janika Gelinek. Sie störte sich mehr an der ausführlichen literaturwissenschaftlichen Kommentierung der Briefe („germanistische Tour de Force“). Das Buch sei auch eine wissenschaftliche Arbeit, verteidigte der Morgenpost-Kulturchef das Werk. Der Briefwechsel sei zudem literarisch überzeugend und habe ihm großes Lesevergnügen bereitet. Vor allem aber breche er tradierte Deutungen und Bewertungen auf. Die Frage, ab wann ein Autor zur öffentlichen Person wird und wie weit seine Privatsphäre reicht, wurde auch nach der Podcast-Aufnahme im Publikum diskutiert.

Sonja Longolius stellte „Damals“ („Memories of the Future”) von Siri Hustvedt vor, erschienen 2019. „Das Tolle an unserem Podcast ist, dass wir auch Bücher mitbringen können, die nicht ganz neu sind“, freute sie sich. Hustved sei eine ihrer literarischen Helden. Der Roman handelt von einer jungen Schriftstellerin in New York, Ende der siebziger Jahre. Beide Literaturhaus-Leiterinnen lobten die komplexe und verschachtelte Erzählweise Hustveds, die mehrere Ebenen und Textgattungen umfasse und einen intellektuell herausfordere -- eine überzeugende Reflexion über Biografie und die Frage, wie eigentlich Erinnerung funktioniert.

Die drei Literaturexperten vermitteln in ihrem Podcast auf sehr unterhaltsame Weise, wie und warum sie die ausgewählten Texte fesseln oder gar begeistern. Egal, ob man am Ende eines der vorgestellten Bücher lesen möchte oder nicht, die Lust, wieder ein Buch zu lesen, wecken die drei auf jeden Fall. „Berlins schönste Seiten“ gibt es seit Februar alle zwei Wochen, alle 20 Folgen des Podcasts sind über www.morgenpost.de/podcast zu hören oder als Video-Podcast über www.literaturhaus-berlin.de/mediathek zu sehen.