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Lieferando spendiert Fahrern warme Wäsche und 300 Euro

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Lieferando zahlt seinen Fahrerinnen und Fahrern bis zu 300 Euro Inflationsausgleichsprämie. Die volle Höhe der Zahlung erhalten allerdings nur die Vollzeit-Fahrer. Wie viele das sind, dazu machte die Firma keine Angaben.

Lieferando zahlt seinen Fahrerinnen und Fahrern bis zu 300 Euro Inflationsausgleichsprämie. Die volle Höhe der Zahlung erhalten allerdings nur die Vollzeit-Fahrer. Wie viele das sind, dazu machte die Firma keine Angaben.

Foto: Jan Woitas / dpa

Lieferando-Fahrer bekommen Winterbonus, bis zu 300 Euro Inflationsprämie und Thermowäsche. Die Gewerkschaft sieht „Augenwischerei“.

Berlin.  Hochwertige Thermowäsche, bestehend aus Hose und Langarmshirt sowie verbesserte, warme Handschuhe: Der Lieferdienst Lieferando hat am Montag mitgeteilt, die Ausstattung der Fahrerinnen und Fahrer verbessert zu haben. Nur bei warmer Bekleidung wird es in diesem Winter aber nicht bleiben.

Die Beschäftigten, die bei Lieferando Pizza oder Burger mit dem Fahrrad ausfahren, sollen in den Wintermonaten auch ein kleines Gehaltsplus bekommen: Fahrerinnen und Fahrer sollen dem Unternehmen zufolge einen „extra Winterbonus in Höhe von 50 Cent pro gearbeiteter Stunde zwischen November 2022 bis März 2023“ bekommen. Weitere 50 Cent mehr bezahle Lieferando auch für die Arbeit zu den abendlichen Stoßzeiten von Freitag bis Sonntag. „Somit können Fahrer:innen im Winter bei der Arbeit zu den beliebten Bestellzeiten bis zu einen Euro mehr verdienen“, hieß es von dem Unternehmen, das zum niederländischen Konzern Just Eat Takeaway gehört.

Lieferando-Fahrer verdienen im Schnitt 14 Euro die Stunde

Lieferando zahle seinen Beschäftigten auf dem Rad zudem eine Inflationsausgleichsprämie in Höhe von bis zu 300 Euro, so der Lieferdienst weiter. Die Höhe richte sich nach den vertraglich vereinbarten Arbeitsstunden der Kurierinnen und Kuriere. Wie viele der Beschäftigten in Berlin die volle Höhe der Prämie erhalten, teilte das Unternehmen allerdings nicht mit. Eine Sprecherin machte auf Nachfrage dazu keine näheren Angaben. In der deutschen Hauptstadt sind Schätzungen zufolge etwa 1800 Fahrerinnen und Fahrer für Lieferando tätig. Sie bringen das über eine App bestellte Essen mit dem Fahrrad zu den jeweiligen Kunden.

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Lieferando verwies darauf, dass alle Fahrerinnen und Fahrer „regulär und unbefristet angestellt“ seien, „inklusive Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaubsentgelt und einer umfassenden Versicherung, unter anderem durch die Berufsgenossenschaft Verkehr“, wie es hieß. Die Beschäftigten auf dem Rad verdienen dem Unternehmen zufolge im deutschlandweiten Monatsdurchschnitt mehr als 14 Euro pro Stunde. Garantiert sei ein Stundenlohn von 12 Euro. Dazu kämen variable Lohnbestandteile, wie Boni pro gelieferter Bestellung.

NGG-Kritik: Unter 15 Euro kann nichts laufen

„Wir sind stolz auf die Arbeit unserer fahrenden Kolleg:innen in ganz Deutschland, besonders in der nachfragestarken Winterzeit. Als Team leben wir Fairness und Zusammenhalt, daher freuen wir uns, neben einem verbesserten und erweiterten Equipment, diesjährig zusätzliche Winterboni zu zahlen”, kommentierte Alexander Linden, Regionaldirektor der Takeaway Express GmbH, unter dessen Dach die Marke Lieferando angesiedelt ist.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) bezeichnete die Maßnahmen auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa hingegen als „Augenwischerei“. „Für uns ist ganz klar: Unter 15 Euro die Stunde kann nichts laufen“, sagte Mark Baumeister, NGG-Referatsleiter für das Gastgewerbe. Viele Kuriere hätten nicht einmal ein Dienstfahrrad oder Diensthandy. Die Gewerkschaft fordert Tarifverhandlungen und sei gerade dabei, mehr Mitglieder an den Standorten zu werben. Das Unternehmen entgegnete, die meisten Kuriere seien inzwischen auf Dienstfahrrädern unterwegs. Zudem sei es das Ziel, bis zum Ende des Jahres alle mit Diensthandys auszustatten.

Deutschlandweit arbeitet Lieferando mit 32.000 Restaurants zusammen

Regionale Betriebsräte gibt es bei Lieferando ebenso wie einen bundesweiten Gesamtbetriebsrat. Da sei das Unternehmen trotz weißer Flecken in einigen Regionen inzwischen auf einem guten Weg, sagte Baumeister. Lieferando beschäftigt nach eigenen Angaben mehrere Tausend Fahrer deutschlandweit, mit mehr als 32.000 Restaurants arbeite man zusammen. Offizielle Zahlen zu Berlin veröffentlicht das Unternehmen nicht.

In Berlin hat Lieferando mit dem finnischen Lieferdienst Wolt lediglich einen weiteren ernstzunehmenden Wettbewerber. Eine Morgenpost-Anfrage zu etwaigen Sonderzahlungen ließ das Unternehmen bis Montagnachmittag unbeantwortet. Auch andere Lieferdienste wie Getir, Gorillas oder Flink, die Supermarkt-Produkte bis an die Haustür bringen, hielten sich bislang bei der Frage, ob sie ihren Beschäftigten die steuerfreie Inflationsausgleichsprämie zahlen, zurück. Der zu Rewe gehörende Lieferdienst Flink antwortete zunächst ausweichend.

Bei Flink erhalten die Fahrer keine Inflationsprämie

Selbstverständlich schaue man, jederzeit, ob und wie man den Verdienst für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbessern könne, teilte ein Sprecher mit. Bei Flink verdienten die Fahrer momentan zwölf Euro die Stunde. Alle seien „unbefristet angestellt“. „Für den Winter stellt Flink neben der üblichen Ausrüstung, eine Winterjacke, Handschuhe und einen Schal“, so der Sprecher weiter. Wie viele Mitarbeiter der Q-Commerce-Lieferdienst derzeit in der Stadt hat, verriet er nicht.

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Essenslieferdienste aber auch die Lieferanten von Produkten für den täglichen Bedarf waren vor allem in der Corona-Krise stark gewachsen. Zuletzt kämpften viele der Anbieter allerdings mit den Folgen des rasanten Wachstums. Gorillas zum Beispiel musste einige Hundert Mitarbeiter wieder entlassen. Die Gewerkschaften Verdi und NGG kritisierten in den vergangenen Monaten zum Teil auch lautstark die Arbeitsbedingungen in der Branche. Derzeit laufen auch Verfahren vor Gerichten, weil Firmen unliebsame Mitarbeiter loswerden wollen. Gorillas hatte zum Beispiel versucht, Betriebsratswahlen in Berlin zu verhindern. Als Folge soll nun die Staatsanwaltschaft Berlin eine Schwerpunkteinheit bilden, die sich um das sogenannten Union Busting – also das Bekämpfen von Arbeitnehmervertretern durch Unternehmen – kümmert.