Charité

Wie Corona die Charité noch immer im Griff hat

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Intensivmediziner bei der Arbeit in der Charité. Nicht nur die Intensivstationen sind belastet, auch in den Notaufnahmen steigt der Druck auf das Personal.

Intensivmediziner bei der Arbeit in der Charité. Nicht nur die Intensivstationen sind belastet, auch in den Notaufnahmen steigt der Druck auf das Personal.

Foto: Carl Gierstorfer / dpa

In den Notaufnahmen staut es sich. Eine Mitarbeiterin der Charité schlägt Alarm. Die Belastung wegen der Pandemie sei noch immer groß.

Berlin. Fast einmal wöchentlich überlegt Petra Gastmeier mit Kollegen fachübergreifend im Pandemiestab, wie Ärzte und Pfleger an der Charité weiter mit der Pandemie umgehen. Auch wenn die Corona-Zahlen in diesen Tagen rückläufig sind, belasten viele Covid-19-Patienten noch immer den Alltag an der Berliner Charité. Mit Stand von Donnerstag werden berlinweit 661 Patienten mit einem positiven Coronatest an verschiedenen Kliniken versorgt, davon 62 auf Intensivstationen. Doch nicht nur auf den Intensivstationen ist die Belastung für das Personal besonders hoch, sondern auch in den Notaufnahmen. Erschwerend hinzu kommt ein hoher Krankenstand bei den Mitarbeitern.

„Es ist körperlich wie psychisch eine Daueranspannung“, sagt Gastmeier im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Sie ist Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité und hat die Corona-Abläufe an der Charité maßgeblich mitinitiiert. Während der Hochphase der Pandemie seien noch viele Menschen wegen einer Corona-Erkrankung in die Charité gekommen. „Seit Beginn des Jahres ist das anders“, sagt Gastmeier. Die Corona-Fallzahlen variieren von Tag zu Tag. Inzwischen ist bei vielen der Patienten Corona aber eine Nebendiagnose. Sie sind aus anderen Gründen in die Klinik gekommen. Als Beispiel nennt sie etwa Patienten, die eigentlich wegen eines gebrochenen Beins oder mit einer „akuten Bauchsituation“ an der Charité vorstellig werden – und zudem positiv auf Corona getestet werden.

Gastmeier: „Es sind so viele Schritte, die immer bedacht werden müssen“

Zwar gebe es für Patienten seit zwei Jahren ein Standardverfahren bei der Aufnahme, doch „es sind so viele Schritte, die immer bedacht werden müssen.“ Für die Berliner Morgenpost skizziert Gastmeier die Abläufe an der Notaufnahme und zeigt damit auch, mit welchen Hürden das Krankenhauspersonal auch mehr als zwei Jahre nach Beginn der Pandemie umgehen muss.

Grundsätzlich, sagt die Medizinerin, gelte die Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske an der Charité. „Das ist entscheidend, um eine Ansteckung zu verhindern.“ Wenn Patienten vorstellig werden, wisse man oft nicht, ob sie wirklich infiziert seien. Zusätzlich und noch vor der Behandlung werden die Patienten per PCR-Test auf das Coronavirus getestet. Zusätzlich wird bei vielen Patienten auch ein Schnelltest verwendet. „Dann weiß man oft nach 15 Minuten, woran man ist“, so Gastmeier.

Zeigt der Test ein negatives Ergebnis an, leidet der Patient aber beispielsweise unter Atemwegsbeschwerden, bleibe man sehr vorsichtig. Er werde dann entweder in einem Einzelzimmer oder, wenn nicht anders möglich, in einem Doppelzimmer behandelt. Erst, wenn ein negatives PCR-Testergebnis vorliege, gebe es Entwarnung und der Patient dürfe beispielsweise in seinem Zimmer die Maske ablegen. Doch bis dahin können teils Stunden vergehen.

Manchmal ist nicht der Beinbruch, sondern die Corona-Infektion die Haupterkrankung

Anders sieht es aus, wenn der Schnelltest positiv anschlägt. Dann beginnt jener Teil, der für das Personal in diesen Tagen besonders herausfordernd ist und auch Zeit kostet. Gastmeier beschreibt, wie sich das Personal zum Schutz Kittel und Haube überstreifen muss, um einen PCR-Test zu machen. In Notsituationen werden zeitgleich Entscheidungen getroffen: Kann der Patient mit der Infektion überhaupt operiert werden? Wenn ja, unter welchen Umständen? Dafür müsse ein Oberarzt herangezogen werden, so Gastmeier – also zusätzliches Personal. Anschließend kläre man, wann der Betroffene operiert werden kann.

Doch an der Charité gibt es nicht nur Notfälle. Gastmeier spricht auch von Fällen, bei denen festgestellt werde, dass etwa nicht der Beinbruch, sondern die Corona-Infektion die Haupterkrankung des Patienten ist. „Es kann vorkommen, dass der Unfallchirurg erst das Bein gipst und der Betroffene dann auf die Isolierstation kommt“, sagt Gastmeier. Dort wird er behandelt, ehe er anschließend wegen des eigentlichen Leidens im Ernstfall etwa operiert werden muss.

Bis zu 24 Stunden Wartezeit auf ein Bett auf der Station

Notaufnahmen haben in Deutschland die gesetzliche Verpflichtung, Patienten aufzunehmen und auch dafür zu sorgen, die Akutversorgung aufrecht zu erhalten. Doch seit Beginn der Pandemie fehlen wegen der Isolierungen vor allem Betten – nicht nur an der Charité, auch in anderen Krankenhäusern. Viele Zimmer, in denen früher drei Patienten lagen, sind in diesen Tagen nur noch Einbettzimmer. Das bedeutet: Es staut sich in den Notaufnahmen. Gastmeier sagt, oftmals dauere es eine Stunde, bis Untersuchungen gemacht werden können. Auch die anschließende Verlegung auf ein Bett in einer Station kann oft andauern. „In Ausnahmefällen können es auch 24 Stunden werden“, sagt sie.

Hinzukommt der Krankenstand beim Personal selbst. „Der krankheitsbedingte Ausfall von medizinischem Personal liegt aktuell in der Spitze bei acht bis neun Prozent“, sagt Markus Heggen, Pressesprecher der Charité. Dieser Wert sei „deutlich erhöht“. Das Problem dabei: Fällt zu viel Personal aus, können weniger Patienten betreut werden. Das wirkt sich wiederum auf die Notaufnahmen aus – und auf die Patienten. Der Stau bei der Aufnahme nehme also nochmals zu. „Wir gehen hier an die Grenzen“, sagt Gastmeier.

Wenig Verständnis zeigt sie für Besucherinnen und Besucher, die ihre Masken nicht tragen wollen oder nur unter dem Kinn hängen haben. Dazu holt Gastmeier einmal kurz aus. Es sei nicht nur die Arbeit an sich, die belastet. Während Menschen im Alltag mittlerweile weniger mit dem Virus konfrontiert würden und etwa die Maske nur noch in der Bahn tragen müssten, gebe es an der Charité noch immer strenge Regeln. Im Pausenraum sollte man sich nur alleine aufhalten, es müsse immer durchlüftet werden. Wolle dann eben noch jemand über die Maske diskutieren, „dann nervt das einfach“, sagt sie.

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