Mordprozess

Tödliche Familienfehde: Angeklagter gesteht vor Gericht

| Lesedauer: 6 Minuten
Der Hauptangeklagte Amir O., hier bei einem anderen Prozess im Juni 2019, soll seinem Opfer zwei Mal in den Kopf geschossen haben.

Der Hauptangeklagte Amir O., hier bei einem anderen Prozess im Juni 2019, soll seinem Opfer zwei Mal in den Kopf geschossen haben.

Amir O. räumt ein, vor einem Jahr Hamid R. vor einer Weddinger Shisha-Bar erschossen zu haben.

Berlin.  Eine Kugel in den Hinterkopf, eine weitere, damit Hamid R. auch wirklich stirbt: Ein Jahr, nachdem der 42-Jährige vor einer Shisha-Bar an der Weddinger Schulstraße erschossen wurde, begann am Mittwoch vor dem Berliner Landgericht der Prozess mit einem Geständnis. „Ich bereue zutiefst, dass ich einen Menschen getötet habe“, ließ Amir O. (34) über seinen Verteidiger verlautbaren. „Ich wollte, dass er für immer aus meinem Leben verschwindet.“

Neben Amir O. sitzen sein Vater Ismet H. (52) und sein Cousin Renato O. (29) auf der Anklagebank. Die drei Männer müssen sich vor der 22. Großen Strafkammer wegen gemeinschaftlichen Mordes verantworten. Während O. am 2. Oktober 2021 gegen 23 Uhr zwei Kugeln auf Hamid R. abgefeuert haben soll, sollen die anderen beiden die Tat abgesichert haben, so die Anklage. Er habe allerdings allein gehandelt, hielt der Schütze dagegen.

„Hintergrund der Tat waren seit Jahren andauernde Streitigkeiten um Ehrverletzungen“, hieß es in der Anklage weiter. Die gipfelten im Jahr 2018 in einer bewaffneten Auseinandersetzung, bei der die Schwester von Amir O. erschossen wurde. Zwar starb sie „durch eine fehlgeleitete Kugel“ aus der Waffe eines ihrer Brüder. Dennoch hätten die Angeklagten Hamid R. dafür verantwortlich gemacht und sich an ihm rächen wollen, weshalb ihnen Mord aus niedrigen Beweggründen vorgeworfen wird.

Streit zwischen Familien begann 2005 im Kino

Während die Verlesung der Anklage nur wenige Minuten in Anspruch nahm, dauerten die Ausführungen des Hauptangeklagten knapp eine halbe Stunde. Der Konflikt zwischen beiden Familien begann demnach bereits im Jahr 2005 – und das vergleichsweise harmlos. Damals habe sich Hamid R. im Kino an einem Verwandten von Amir O. vorbei gedrängt, der älter als er war – ein Zeichen des „fehlenden Respekts“.

Die folgende Schlägerei war der Beginn einer Fehde, die 16 Jahre andauern sollte. „Der Streit mit Hamid blieb eine Konstante in meinem Leben“, lies Amir O. seinen Anwalt Dirk Lammer weiter verlesen. R. sei feindselig geblieben, habe seine Familie immer wieder beleidigt, es sei zu körperlichen Auseinandersetzungen gekommen, wie der, bei der schließlich auch seine Schwester starb.

Die drei Angeklagten sind bosnische Staatsbürger und gehören, wie auch die Familie des Getöteten, der Volksgruppe der Roma an. Hamid R. habe irgendwann darauf bestanden, dass ein Roma-Gericht die Familienfehde beilegt, so Amir O. weiter. Dies habe seine Familie zunächst abgelehnt, dann jedoch zugestimmt. Die Roma-Ältesten, die aus ganz Deutschland angereist seien, hätten schließlich entschieden, dass Hamid R. Berlin verlassen müsse.

Hamid R. soll Druck ausgeübt und „Klima der Angst“ geschürt haben

Daran habe sich Hamid R. allerdings nicht gehalten. Er habe sich bewusst im Wedding gezeigt, wo Ismet H. mit seiner Frau lebt. Und er habe Tschetschenen engagiert, die Druck ausgeübt und „ein Klima der Angst“ geschürt hätten, so der Angeklagte weiter.

Amir O. saß zum Tatzeitpunkt zwar im Gefängnis, hatte aber am 2. Oktober, einem Sonnabend, Freigang. „Ich wollte einfach nur einen schönen Abend verbringen.“ Mit mehreren Verwandten habe er in der Shisha-Bar an der Schulstraße gesessen, als dort wider Erwarten auch Hamid R. aufgetaucht sei. Zwar habe er die Bar sofort wieder verlassen, draußen jedoch angefangen zu telefonieren.

Anders als in der Anklage geschildert habe der Wunsch nach Rache bei seiner Entscheidung, Hamid R. zu erschießen, keine Rolle gespielt. Seine Familie habe Hamid R. auch nie dafür verantwortlich gemacht. „Wir waren Schuld“, so Amir O. weiter. Vielmehr sei er davon ausgegangen, dass R. nun die Tschetschenen anrufe. Er habe „mit der Eskalation der Situation“ gerechnet.

Mutmaßlicher Schütze: „Ich wollte das für immer beenden“

Die spätere Tatwaffe, eine Pistole FP9 vom ungarischen Hersteller FEG, habe er sich von einem Bekannten aus der Bar geliehen. Er habe sie sich zum Schutz geborgt und zunächst „nicht erwogen, die Waffe einzusetzen“. Erst als Hamid R. ging, allerdings nur sein Auto umparkte und nach wenigen Minuten wiederkam, habe er beschlossen, „das für immer zu beenden“, um einer „unerträglichen Drucksituation zu entfliehen“. Sein Vater und sein Cousin hätten davon nichts gewusst.

Amir O. wurde zwei Wochen nach der Tat im bayerischen Regensburg festgenommen und nach Berlin überstellt. Sein Vater Ismet H. sitzt seit dem 17. Oktober wegen eines anderen Verbrechens in Strafhaft, Cousin Renato O. wurde am 25. Mai dieses Jahres verhaftet. Die Anwälte der beiden Mitangeklagten kündigten an, dass sich ihre Mandanten im Prozess nicht äußern werden.

Der Mord an Hamid R. war nicht der einzige, der damals Berlins Norden erschütterte. Nur wenige Hundert Meter entfernt wurde fünf Wochen zuvor ein 46-Jähriger vor einem Backshop an der Reinickendorfer Straße erschossen. Auch hier gab es im Vorfeld einen Streit zwischen zwei Familien, der bereits ein Todesopfer gekostet hatte. Der Schütze wurde im August 2022 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Überwachungskameras filmen die Bluttat

Der Prozess um die tödlichen Schüsse auf der Schulstraße soll am Freitag fortgesetzt werden. Dann will der Vorsitzende Richter Thomas Groß zunächst die Überwachungsvideos ansehen, auf denen die Tat zu sehen ist. Insgesamt sind 25 weitere Verhandlungstage geplant. Das Urteil soll am 20. Januar fallen.