Gesundheit

Bessere Arbeitsbedingungen: 1000 Ärzte der Charité streiken

| Lesedauer: 7 Minuten
Hunderte Ärztinnen und Ärzte der Charité haben sich am Mittwoch am Warnstreik in Berlin beteiligt. Sie fordern bessere Arbeitsbedingungen

Hunderte Ärztinnen und Ärzte der Charité haben sich am Mittwoch am Warnstreik in Berlin beteiligt. Sie fordern bessere Arbeitsbedingungen

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Überstunden, fehlende Planbarkeit bei Diensten, kaum Pausen: Hunderte Ärztinnen und Ärzte der Charité haben am Mittwoch gestreikt.

Berlin.  Sie können laut, aber sie können auch ganz leise sein. Als Julian Gabrysch die streikenden Ärztinnen und Ärzte auf dem Robert-Koch-Platz vor der Berliner Charité aufruft, eine Minute lang ruhig zu sein, herrscht Stille. In dieser Minute soll an diejenigen gedacht werden, die, so sagt es Gabrysch, an der Arbeitssituation verzweifelt sind, die die Bedingungen nicht mehr ausgehalten, ihre Stunden reduziert oder ganz aufgegeben haben. Der 30-Jährige hat ab 2013 an der Charité studiert, seit drei Jahren arbeitet er nun als Arzt dort. Seither seien viele Kolleginnen und Kollegen gegangen, sagte er. „Vor allem die Guten.“

Im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen hatte die Ärztegewerkschaft Marburger Bund am Mittwoch zum Warnstreik aufgerufen. Der Polizei zufolge kamen rund 800 Personen zur Kundgebung vor dem Bettenhochhaus in Mitte, bis zu 1200 Menschen waren es beim anschließenden Demonstrationszug in Richtung Brandenburger Tor. Es war der erste Streik seit 15 Jahren an der Charité. Peter Bobbert, Vorstandsvorsitzender des Marburger Bundes Berlin/Brandenburg, sprach mit Blick auf die Teilnehmerzahlen sogar vom größten Ärzte-Streik, den Berlin je erlebt habe.

Der Marburger Bund fordert für die Ärztinnen und Ärzte an der Charité weniger Belastung, 6,9 Prozent mehr Gehalt sowie verlässliche Ruhezeiten, etwa durch mehr Planungssicherheit bei Bereitschaftsdiensten. Wie sie die Arbeit an der Charité erleben, machten die Streikenden mit Plakaten deutlich: „Come in and burn out“ war ebenso darauf geschrieben wie „Unsere Müdigkeit gefährdet euch“ oder „Täglich Leben retten, ohne selbst eins zu haben“. Dazu hatten sich viele von ihnen ein extra für den Streik entworfenes T-Shirt angezogen, in Großbuchstaben war auf diesen zu lesen: „It’s not charity“ – Es ist keine Wohltätigkeit.

Arbeitsbedingungen an der Charité: „Höchste Eisenbahn, dass etwas passiert“

Auch Julian Gabrysch, der Mitglied der Tarifkommission ist, betonte: „Es ist höchste Eisenbahn, dass etwas passiert. Unsere Gesundheit ist wirklich gefährdet, das ist kein Spaß.“ Ein normaler Dienst, erzählte er, dauere etwa von 7.30 bis 17 Uhr, dazu kämen häufig zwei bis drei Überstunden. Erfasst würden diese aber längst nicht immer – denn wer Überstunden aufschreibe, ernte böse Blicke. „Auf dem Papier sieht es deshalb so aus, als ob wir erholt sind, aber in Wirklichkeit gehen wir auf dem Zahnfleisch“, so Gabrysch.

Eine zusätzliche Belastung bringen die 24-Stunden-Schichten durch Bereitschaftsdienste, die sich an einen normalen Arbeitstag anschließen. Er selbst habe davon drei bis vier im Monat, bei anderen Kollegen seien es zum Teil acht bis neun, sagte Gabrysch.

Zur Überlastung kommt dann noch die Angst, Fehler zu machen. Der 30-Jährige sprach von Kolleginnen und Kollegen, die Tränen in den Augen hatten, „nach 24 Stunden durcharbeiten, wo man sich nicht sicher war, ob man gut für seinen Patienten da war.“ Im Team, sagte der Assistenzarzt, fange man sich zwar gegenseitig auf. Dass man sich aber nach einem Dienst auf dem Nachhauseweg frage, ob man auch wirklich nichts übersehen habe, das dürfe es nicht geben.

Assistenzärztin an der Charité: „Es ist Fließbandarbeit“

Unter den Streikenden waren am Mittwoch viele jüngere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Charité, auch eine Assistenzärztin aus dem Fachbereich der Augenheilkunde, die ihren Namen aus Sorge vor Benachteiligung aber nicht in der Zeitung lesen will. Sie habe gerade eine Nachtschicht hinter sich, erzählte die junge Frau. Zu der Demonstration zu kommen, sei ihr dennoch ein Anliegen gewesen. „Es gibt fast keine geregelten Mittagspausen“, sagte sie. In Ruhe zu essen, sei einfach nicht möglich, weil währenddessen die wartenden Patienten vor der Tür säßen.

Stattdessen gehe es von einem Patienten zum nächsten, ohne ausreichend Zeit, um ihnen richtig zuzuhören. „Man hechtet durch, es ist Fließbandarbeit“, so die Assistenzärztin, die gerade ihr fünftes Jahr absolviert. In den bisherigen vier Jahren regelmäßig Sport zu machen, habe nicht geklappt. „Man kommt nach Hause und fällt völlig erschöpft auf die Couch“, sagte sie. Und feste Sportkurse zu buchen, funktioniere sowieso kaum, weil man oft nicht wisse, wann man tatsächlich Feierabend habe.

Und doch war von den Streikenden immer wieder zu hören, dass sie ihre Arbeit lieben. Auch Tim Arnold betonte das in seiner Rede, wobei der Arzt ein „eigentlich“ hinzufügte. Seit 13 Jahren arbeitet er an der Charité, zur Kundgebung kam er direkt im Anschluss an eine 17-Stunden-Schicht im Bereitschaftsdienst auf der Intensivstation. Die nächste Zwölf-Stunden-Schicht stand noch am Abend bevor. Von bis zu 70 Stunden Arbeit pro Woche sprach Arnold, der auch Mitglied der Ende 2021 gegründeten Initiative „Intensiv am Limit“ ist.

Verhandlungen zum Tarifvertrag sollen übernächste Woche weitergehen

Dazu kämen „mindestens zwei volle Wochenenden im Monat in der Klinik, nicht zu Hause, nicht bei der Familie“ sowie unzählige im Krankenhaus verbrachte Nächte. „Ständig stehe ich unter Strom und muss mehr als 100 Prozent Leistung bringt“, sagte Arnold. Ärzte trügen ständig die Verantwortung für Menschenleben, eine Arbeitszeitbegrenzung aber fehle. Und so stellte der Mediziner mehrfach die Frage: Wie solle er unter diesen Bedingungen seinen Job noch lieben? Gerade nach den Mehrbelastungen in der Corona-Pandemie machten Arnold und die weiteren Rednerinnen und Redner deutlich: So, wie es jetzt ist, gehe es nicht mehr weiter.

Und auch mit dem vorgelegten Angebot der Charité gab sich die Gewerkschaft bislang nicht zufrieden. Der Klinikkonzern hatte bereits vor dem Streik erklärt, er habe ein „ein differenziertes Paket mit Angeboten zu Arbeitszeit und Entlastung, Fort- und Weiterbildung, Entbürokratisierung und Gleichstellung vorgelegt“. Man sei auch weiter daran interessiert, eine für alle Seiten gute Lösung zu finden, sagte ein Sprecher. „Daher begrüßen wir es, dass der Marburger Bund nach dem Warnstreik an den Verhandlungstisch zurückkehrt.“

Die Krankenversorgung am Streiktag bezeichnete der Unternehmenssprecher als „ruhig und professionell“, wenngleich elektive Eingriffe zum Teil verschoben werden mussten. Alle Operationen an Kindern sollten aber stattfinden, auch die Notaufnahmen blieben geöffnet. Die Verhandlungen zum Tarifvertrag sollen dem Sprecher zufolge in der übernächsten Woche fortgesetzt werden. Einen Termin dafür gebe es bereits.

Das könnte Sie auch interessieren:

Berliner Ärzte sehen Behandlung von Kindern in Gefahr

Wie Berlin die Gesundheitsberufe attraktiver machen will

Berliner Pflegekräfte: Helden des Alltags weiter am Limit