Arbeitskampf in Berlin

Ärzte streiken an der Charité – Das kommt auf Patienten zu

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Schieflage: Die Charité ist mit etwa 21.000 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber Berlins.

Schieflage: Die Charité ist mit etwa 21.000 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber Berlins.

Foto: Christoph Soeder / dpa

Betroffen vom Streik am heutigen Mittwoch sind die Charité-Standorte Wedding, Steglitz und Mitte. Der Ausstand ist außergewöhnlich.

Berlin.  Am Mittwoch, 5. Oktober 2022, steht der Charité erneut ein Warnstreik bevor. Die Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund hat zur eintägigen Arbeitsniederlegung aufgerufen. Betroffen sind die Standorte Wedding, Steglitz und Mitte. Die Mediziner fordern eine Verbesserung ihrer Arbeitssituation sowie ihrer Vergütung. Während des Streiks wird laut Gewerkschaft für Notdienste gesorgt sein.

Um 9.30 Uhr ist Mittwoch am Bettenhochhaus der Charité in Mitte die zentrale Kundgebung geplant. Der Ausstand ist in diesem Ausmaß außergewöhnlich: Laut der Ärztegewerkschaft werde dies der erste Streik von Ärzten an einer Einrichtung der Charité seit 15 Jahren sein.

Charité: Arbeitsniederlegung an Europas größter Universitätsklinik

Die Arbeitsniederlegung an Europas größter Universitätsklinik folgt auf eine Reihe von Verhandlungsrunden zum Haustarifvertrag. Der Vorstandsvorsitzende des Marburger Bundes Berlin/Brandenburg, Peter Bobbert, erklärte, die Mitglieder an der Charité erwarteten bessere Arbeitsbedingungen und eine ihren Leistungen entsprechende Vergütung. „Wenn die Arbeitgeber partout nicht bereit sind, diesen Forderungen gerecht zu werden, müssen wir darauf entsprechend reagieren“, so Bobbert.

Der Aufruf zur Arbeitsniederlegung richtet sich an die 2700 Ärzte der drei Charité-Standorte. Laut Marburger Bund kann jeder tarifangestellte Arzt streiken, der vom Ergebnis der Tarifverhandlungen profitieren würde. Ausgenommen sind Chefärzte. Auch wer verbeamtet ist, darf sich nicht – außer in seiner Freizeit, etwa bei Kundgebungen – beteiligen.

Gewerkschaft fordert eine lineare Gehaltserhöhung von 6,9 Prozent

Die Verhandlungen zum „Tarifvertrag für Ärztinnen und Ärzte an der Charité - Universitätsmedizin Berlin“ (TV-Ärzte Charité) begannen im Juni. Zu den Forderungen der Gewerkschaft zählt eine lineare Gehaltserhöhung von 6,9 Prozent ab dem 1. April 2022 mit einer Laufzeit von einem Jahr und zusätzliche Vergütungsstufen für Fach- und Oberärzte.

Der Marburger Bund dringt zudem auf eine verlässlichere Dienstplangestaltung und Zuschläge für kurzfristige Inanspruchnahmen. Für Bereitschaftsdienste an Sonnabenden, Sonntagen oder Feiertagen soll es weitere Zuschläge geben. Angestrebt werden nicht mehr als monatlich vier Bereitschaftsdienste und gestaffelte Zusatzzahlungen für kurzfristiges Einspringen.

Seitens der Charité, die mit etwa 21.000 Beschäftigten zu den größten Arbeitgebern der Stadt gehört, hieß es gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass sich die Verhandlungen aufgrund einer Vielzahl von Themen „sehr komplex, aber konstruktiv“ gestalteten. Angestrebt werde eine gute Lösung für alle Seiten. Die Charité habe ein „differenziertes Paket mit Angeboten zu Arbeitszeit und Entlastung, Fort- und Weiterbildung, Entbürokratisierung und Gleichstellung“ vorgelegt.

Die Gewerkschaft widersprach: Das derzeit vorliegende Angebot sei unzureichend. „Die Ärztinnen und Ärzte an der Charité erwarten, dass ihrer Arbeit mehr Wertschätzung entgegengebracht wird“, so der Vorstandsvorsitzende Bobbert. „In den vergangenen zweieinhalb Jahren haben sie unter schwierigsten Pandemie-Bedingungen den Krankenhausbetrieb aufrechterhalten. Ständig mussten Personalausfälle kompensiert werden, dabei sind viele Abteilungen schon im Regelbetrieb hoffnungslos unterbesetzt.“

„Ich glaube, dass der Streik nachvollziehbar ist“

Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, Christian Gräff (CDU), zeigte Verständnis für die bevorstehende Arbeitsniederlegung. „Ich glaube, dass der Streik nachvollziehbar ist, da die Herausforderungen an die Mediziner jeden Tag größer und nicht kleiner werden. Die Charité und damit ihre Ärztinnen und Ärzte haben während der Pandemie besondere Schwierigkeiten gemeistert und überdurchschnittlich viel geleistet,“ so Gräff. Unter dem Vorzeichen von Inflation und Energiekrise stünden auch sie jetzt privat vor großen Herausforderungen.

Seitens der FDP sagte der Sprecher für Wissenschaft und Forschung, Stefan Förster: „Ich sehe das kritisch. das Recht auf Streik ist unbestritten. Aber so ein Schritt muss gut abgewogen sein. Immerhin hängt die medizinische Versorgung der Stadt auch von der Charité ab.“ Förster befürchtet etwa die Verschiebung wichtiger Operationen während des Streiktages.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Catherina Pieroth, machte sich für die Anliegen der Mediziner stark. Sie nehme eine „Verzweiflung des Personals insbesondere in der Kinder- und Jugendmedizin“ wahr. „Wir Grünen haben immer wieder darauf hingewiesen, dass die Personalausstattung entsprechend dem tatsächlichen Patient*innenaufkommen und der erbrachten Leistung gegeben sein muss“, so Pieroth.