Radverkehr

Erster Spatenstich für Test der Radbahn unter der U1

| Lesedauer: 6 Minuten
Das Team des „Reallabors Radbahn“ will bei den aktuellen Aktionstagen den Raum unter dem Hochbahn-Viadukt in Kreuzberg beleben.

Das Team des „Reallabors Radbahn“ will bei den aktuellen Aktionstagen den Raum unter dem Hochbahn-Viadukt in Kreuzberg beleben.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

2023 entsteht in Kreuzberg das Testfeld für die Radbahn unter dem U1-Viadukt. Nun gibt es einen ersten Ausblick, wie das aussehen kann.

Berlin.  Die ersten Parkplätze unter dem Hochbahn-Viadukt in Kreuzberg sind bereits verschwunden. Da, wo bis vor wenigen Tagen noch Autos standen, wachsen nun Gräser und Sträucher. Im Raum zwischen den neuen Beeten ist mit grünen Markierungen der Radweg angedeutet, der hier künftig entlangführen soll. Und ein Stück weiter stehen einfache Sitzmöbel aus Holz, auf denen Menschen mit Kaffeebechern oder Pizza in der Hand sitzen, während links und rechts Autos dicht vorbeifahren und über ihren Köpfen die U-Bahn rollt. Die Aktionstage, die momentan nahe dem Görlitzer Bahnhof stattfinden, sollen einen Ausblick darauf geben, wie der Raum unter dem Viadukt alternativ genutzt werden könnte – und was in Form eines 200 Meter langen Testfelds im kommenden Jahr ausführlicher ausprobiert werden soll.

Hinter dem Projekt „Reallabor Radbahn“ steckt der Verein Paper Planes, der bei den bis Sonntag andauernden Aktionstagen auch deutlich machen will: Trotz des Projektnamens geht es um mehr als einen Radweg. Ziel sei es, so formuliert es die Initiative, nicht nur eine Transitstrecke zu schaffen, sondern einen Ort der Begegnung und einen Mehrwert für die Berlinerinnen und Berliner. Auch Matthias Heskamp, Architekt und Geschäftsführer des Reallabors, betonte beim symbolischen ersten Spatenstich für das Testfeld: „Das wird kein Radschnellweg. Sonst wäre das Problem nur verlagert, von Auto und Rad hin zu Rad und Fußgänger.“

Radbahn in Kreuzberg: Bund und Land fördern Projekt mit 3,3 Millionen Euro

Die Idee der Radbahn unter dem denkmalgeschützten Viadukt reicht schon Jahre zurück – und sie ist eigentlich noch wesentlich umfassender. Die ursprüngliche Vision umfasst die insgesamt neun Kilometer lange Strecke zwischen Oberbaumbrücke und Bahnhof Zoo. Durch drei Bezirke sollen Radfahrer und Radfahrerinnen teils unter, teils entlang der U-Bahn-Strecke fahren können. Rund siebeneinhalb Jahre, sagte Heskamp, sei es inzwischen her, dass die Idee, angestoßen durch den Anruf eines Freundes, aufkam. 2015 gab es eine erste Veröffentlichung zu der Vision, später folgte ein Buch. Seit 2019 wird das Vorhaben, die Radbahn auf einer kurzen Strecke zu testen, als nationales Projekt des Städtebaus mit insgesamt 3,3 Millionen von Bund und Land gefördert und für die Umsetzung vorbereitet.

Das Testfeld soll den Bereich zwischen Oranien- und Mariannenstraße umfassen, einschließlich der dortigen Kreuzung. Dass dieser Knotenpunkt mit ins Projekt aufgenommen wurde und umgebaut werden soll, sei einer der Gründe, warum sich die Umsetzung der Radbahn etwas verschoben hat, erzählte Johanna Schelle, Sprecherin im Team der Radbahn. Eigentlich sollte das Testfeld bereits in diesem Sommer entstehen. Um das Queren der Kreuzung zu regeln, ist unter anderem ein digitaler Grüne-Welle-Assistent geplant, der Radfahrenden rechtzeitig die Grün- und Rotphasen anzeigen soll.

Rund 70 Parkplätze sollen für das Testfeld der Radbahn umgenutzt werden

Die Ideen für das Testfeld, sagte Architekt Heskamp, kämen inzwischen aber längst nicht mehr nur vom Team, sondern vor allem von Bürgern, die sich bei Beteiligungsformaten engagiert haben. Angedacht sind entlang der Strecke nun verschiedene „Inseln“. So sollen sich belebte Bereiche mit Stadtmobiliar und grün gestaltete Zonen abwechseln. „Dabei geht es nicht nur darum, schöner Rad zu fahren, sondern auch ums Klima und um Entsiegelung“, sagte Heskamp. Klar ist aber auch, dass für das Testfeld rund 70 Parkplätze in dem Abschnitt verschwinden werden.

Im Rahmen der aktuellen Aktionstage sind unter anderem noch ein Fahrrad-Reparatur-Workshop, Führungen über das Testfeld oder ein Vortrag zur Potenzial- und Risikoanalyse zur Radbahn geplant. Bei dieser Analyse hatten Experten im vergangenen Jahr die Gesamtstrecke untersucht und Hinweise für das Testfeld abgeleitet. Auch sie hatten empfohlen, im Raum unter dem Viadukt nicht nur einen Radweg zu errichten, sondern auch andere Nutzungsangebote zu machen. Insgesamt sollte sich die Gestaltung des Testfelds an öffentlichen Grünflächen orientieren, hieß es.

Machbarkeitsstudie zur Radbahn auf der Gesamtstrecke in der Finalisierung

Die Autoren machten aber auch deutlich, dass der Bau der Radbahn über die 200 Meter lange Teststrecke hinaus eine Herausforderung wäre. Sie verwiesen etwa auf komplexe Knotenpunkte sowie die Auf- und Abgänge zu den U-Bahnstationen. Entsprechend schlussfolgerten die Experten, dass eine Umsetzung der Radbahn unter dem Viadukt nur mit hohem Aufwand und hohen Kosten möglich wäre. Heskamp gab sich aber zuversichtlich. Man wisse, dass die mehr als 50 Kreuzungen der Knackpunkt seien. „Aber wir sagen, das kriegen wir hin.“

Im vergangenen Jahr wurde im Auftrag der Senatsverkehrsverwaltung aber noch eine weitere Studie durchgeführt, eine verkehrstechnische Machbarkeitsuntersuchung für die Umgestaltung des Raums zwischen Kottbusser Tor und Oberbaumbrücke. Bei dieser sollte beispielsweise geprüft werden, welche Auswirkungen die Radbahn auf die umliegenden Kieze hat, wie Kreuzungsbereiche fußgängerfreundlicher werden können oder ob, mit Blick auf die Verkehrsmenge, die Zahl der Kfz-Spuren zugunsten einer Radspur reduziert werden kann. Am Ende soll eine favorisierte Variante für die künftige Gestaltung des Straßen- und Viaduktraums stehen.

Veröffentlicht wurden die Ergebnisse, die bereits im ersten Quartal dieses Jahres erwartet wurden, aber noch nicht. „Die Studie befindet sich in den finalen Zügen“, teilte eine Sprecherin der Mobilitätsverwaltung mit. Ergebnisse würden nach Abschluss öffentlich bekanntgegeben. Einen Zeitpunkt nannte sie allerdings nicht.