Wirtschaft

Wie der Chefsessel nach den Babyboomern nicht leer bleibt

| Lesedauer: 8 Minuten
Isabell Jürgens
Der Berliner Projektentwickler Rolf Lechner hat mit seiner Tochter Mareike Lechner die passende Nachfolgerin gefunden.

Der Berliner Projektentwickler Rolf Lechner hat mit seiner Tochter Mareike Lechner die passende Nachfolgerin gefunden.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Generationenwechsel im Mittelstand: Die Berliner immobilien-experten-ag zeigt, wie es gelingen kann.

Berlin.  Wer bei der Stichwortsuche im Internet „Unternehmensnachfolge“ eingibt, wird mit Ratgeberangeboten geradezu überschüttet. Ein eindeutiger Hinweis darauf, dass es beim planvollen Übergang des Lebenswerkes der Gründer an die nachfolgende Generation oftmals hapert. Besonders gut ist es da, wenn der Übergang von langer Hand geplant wird. Und der oder die Nachfolgerin in der eigenen Familie schon bereit steht – wie bei der Berliner immobilien-experten-ag, die heute das größte private Projektentwicklungsunternehmen in Berlin-Adlershof ist.

Der Generationenwechsel im Mittelstand schreitet nach Angaben einer jüngst von KfW Research veröffentlichten Studie voran. Bis zum Ende des Jahres 2025 streben demnach 16 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) eine Nachfolgelösung an. Drei Viertel der kleinen oder mittleren Unternehmen KMU sehen jedoch den Mangel an Nachfolgerinnen und Nachfolgern als Problem – mit der Gefahr unfreiwilliger Stilllegungen.

Diese Gefahr ist zumindest für die Berliner immobilien-experten.ag inzwischen gebannt. Dabei war Rolf Lechner, der am Donnerstag 80 Jahre alt wird, sich zunächst gar nicht so sicher, ob ihm das Projekt Unternehmensnachfolge gelingt.

Die Wiedervereinigung brachte gänzlich neue Risiken

Doch der Reihe nach: Der Unternehmer, der an der TU Berlin Wirtschaftsingenieurwesen studierte, gründete 1975 das Immobilienunternehmen Botag. Der Schwerpunkt lag zunächst auf dem Bau von Sozialwohnungen in West-Berlin – und Hotelanlagen in Spanien. Bis zur Wiedervereinigung.

„Ich habe an alles geglaubt, nur nicht an die Wende“, sagt der Unternehmensgründer rückschauend. „Mir war sofort klar, das ist ein Rieseneinschnitt, der das Bauen speziell in Berlin komplett verändern wird.“ Die Projekte wurden größer und riskanter, die hohen Subventionen und Landesbürgschaften, die den Wohnungsbau in West-Berlin überhaupt erst ermöglicht hatten, abgebaut – und zahlreiche Mitbewerber legten in den Folgejahren schlagzeilenträchtige Pleiten hin.

Also suchte sich Lechner zunächst einen Partner außerhalb der Familie – die beiden Kinder waren noch zu jung – und fand ihn in der börsennotierten Immobiliengesellschaft IVG. Über die Zeit verliert Lechner nicht gern viele Worte: „Ich kam aus einem familiär geprägten Betrieb und war nicht an die Börsenkultur gewöhnt“, sagt er. Die Entscheidung, der IVG nach knapp fünf Jahren alle Anteile an der Botag zu überschreiben und Anfang des Jahres 2000 komplett auszusteigen, sei ihm schließlich leicht gefallen.

Neustart mit 58 Jahren

Das war vor 22 Jahren, Rolf Lechner war 58 Jahre alt. „Ich hatte zwar schon einen Golfplatz gebaut, aber nie Golf gespielt – was also mache ich jetzt mit meinem Leben?“, habe er sich gefragt. Und kam schließlich darauf, wieder ein Unternehmen zu gründen: die immobilien-experten.ag.

Aus dem zunächst kleinen Pflänzchen sei schnell wieder ein recht üppiges Gewächs geworden. „Da tauchte, auch angesichts meines Alters, natürlich die Nachfolgefrage auf“, erinnert er sich. Er habe ganz schön schlucken müssen, als ihn die Banker in den Finanzierungsgesprächen danach fragten, was denn eigentlich im Falle eines Schlaganfalls oder Herzinfarkts passieren soll. „Ab 60 geht bei denen die rote Lampe an“, so Lechner.

Leere Chefsessel nach dem Rückzug der Babyboomer

Die Gefahr, dass mancher Chefsessel im Mittelstand mit dem nahenden Rückzug der Babyboomer- Generation leer bleiben wird, wie KfW Research prognostiziert, war indes auch für Lechners Unternehmen noch nicht gebannt. Der Sohn hatte sich zu dem Zeitpunkt längst für eine Karriere in den USA, in der boomenden IT-Branche im Silicon Valley entschieden.

Und auch Tochter Mareike, Jahrgang 76, hatte inzwischen andere berufliche Wege eingeschlagen. Die Diplom-Kauffrau war für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) an den Standorten Frankfurt am Main, Düsseldorf und Hamburg, im Geschäftsbereich Beratung, Bewertung und Strategie tätig. „Als ich gefragt wurde, ob ich nicht Partnerin werden möchte, habe ich mich gefragt, ob ich in einem so großen Konzern auf Dauer glücklich werde“, sagt Mareike Lechner.

Als sie ihren Vater in ihre Überlegungen einweihte, habe dieser sie gefragt: „Warum kommst du nicht nach Berlin zur immobilien-experten.ag“, erinnert sich die 46-Jährige. „Schließlich ist sie meinem Werben erlegen und gekommen“, ergänzt ihr Vater. Aber zuvor absolvierte Mareike Lechner 2010/2011 noch ein Intensivstudium „Nachhaltige Immobilien-Projektentwicklung“ am Real Estate Management Institut der EBS Business School in Wiesbaden mit dem Abschluss als Immobilien-Projektentwickler (EBS).

„Seitdem hat Mareike der Reihe nach alle Funktionen übernommen“, ergänzt Rolf Lechner. Der Prozess sei nach nunmehr zehn Jahren zwar noch nicht ganz abgeschlossen, aber alle wichtigen Entscheidungen treffe seine Tochter: „Schließlich muss sie ja mit den Konsequenzen leben“, sagt er. Seit 2016 ist die Tochter auch Vorständin der immobilien-experten.ag. In Kürze werde er ihr einen Großteil der Aktien am Unternehmen übertragen, damit sei der Übergang dann endgültig abgeschlossen.

Mittelstand mangelt es an geeigneten Nachfolgekandidaten

Wie das von KfW Research veröffentlichte „Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2021“ zeigt, streben bis Ende des Jahres 2022 rund 230.000 der insgesamt 3,8 Millionen mittelständischen Unternehmen in Deutschland eine Nachfolge an, bis Ende 2025 sind es rund 600.000.

Die von den Unternehmen mit Abstand am häufigsten genannte Hürde der Nachfolge ist demnach die Schwierigkeit, geeignete Nachfolgekandidaten zu finden. Drei Viertel der KMU sehen hier ein Problem (76 Prozent). Die Knappheit von Nachfolgerinnen und Nachfolgern wird mehr als doppelt so oft genannt wie die zweithöchste: die Einigung auf einen Kaufpreis (36 Prozent).

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) empfiehlt deshalb, spätestens drei Jahre vor der gewünschten Übergabe mit konkreten Planungen und der Suche nach geeigneten Nachfolgerinnen oder Nachfolgern zu beginnen.

Die Lechners haben sich gut zehn Jahre Zeit für den Übergabeprozess gelassen. Für den Vater ist es „beglückend“ zu wissen, dass seine Tochter vollenden wird, was sie in den vergangenen Jahren vor allem in Adlershof gemeinsam begonnen haben. 2015 gewannen die Lechners den Wettbewerb um die Gestaltung des Baufeldes direkt am S-Bahnhof Adlershof.

Dort entstehen an der Rudower Chaussee das Leonardo Royal Hotel Berlin Adlershof, das mit 380 Zimmern und seinem 16-geschossigen Turm als Konferenz- und Tagungshotel für Adlershof fungieren wird, sowie der 26.000 Quadratmeter umfassende OfficeLab-Campus Adlershof, dessen Fertigstellung für Ende dieses/ Anfang kommenden Jahres geplant ist.

Größtes Projekt in Adlershof ist der Campus für Gewerbe und Technolgie „Am Oktogon“. Das Projekt besteht aus 17 Neubauten und einer Bestandshalle, in der zu DDR-Zeiten Leichtbaufassaden zum Beispiel für die Centrum-Wahrenhäuser gefertigt. Die Fertigstellung des Campus ist für 2025/26 geplant.

Ferner errichtet die immobilien-experten-ag. aktuell in Charlottenburg (Quedlinburger Straße) über einem Rewe-Markt ein City-Hotel mit 185 Zimmern. Die wohnwirtschaftlichen Projektentwicklungen einschließlich der Bauträgertätigkeit mit dem Verkauf an Eigennutzer liegen bei der Tochtergesellschaft First Home Wohnbau GmbH (firsthome.de). Zu den aktuellen Berliner Projekten zählen Linus Living in Mariendorf (18 Wohnungen), Schlosspark Villen in Babelsberg (19 Wohnungen), Wohnen in Adlershof (24 Wohnungen).

„Ich sehe es als Vorteil, dass ich langsam in den Betrieb hineinwachsen konnte“, sagt Mareike Lechner. Zwar habe es manchmal auch etwas gedauert, bis sie im „Kreis der älteren Projektpartner meines Vaters“ erste Ansprechpartnerin geworden sei. Aber das, so die Vorständin, sei mittlerweile Vergangenheit.