Experteninterview

Schlesinger-Affäre: „So schafft man sich selbst ab“

| Lesedauer: 6 Minuten
Miriam Schaptke
Medienexperte Klaus Siebenhaar im Interview zur Schlesinger-Affäre.

Medienexperte Klaus Siebenhaar im Interview zur Schlesinger-Affäre.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Die Vorwürfe gegen die ehemalige RBB-Intendantin werden immer größer. Ein großer Schaden auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Berlin.  Klaus Siebenhaar ist emeritierter Professor für Kultur- und Medienmanagement an der Freien Universität Berlin sowie Verleger. Die Vorwürfe gegen Patricia Schlesinger empfindet der Medienexperte als „imagemäßigen Kollateralschaden“ für den eh schon angeschlagenen öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Auf Kosten des RBB abgerechnete Dienstessen in der Privatwohnung, Massagesitze im Audi A8 und eine Verdreifachung der Baukosten für ein neues Medienhaus. Das sind einige der Vorwürfe, die gegen Patricia Schlesinger, zurückgetretene Vorsitzende der ARD und ehemalige Intendantin des RBB, erhoben wurden. Macht Sie das sprachlos?

Professor Klaus Siebenhaar: Mich hat es in dieser Dimensionierung und in dieser Form von Hemmungslosigkeit verblüfft. Mein Bild von Frau Schlesinger war das einer sehr selbstbewussten, zupackenden, aber auch eitlen Journalistin, durch und durch Profi – und dann so etwas. Mich persönlich stimmt es mehr traurig als zornig, denn ich gehöre zu einer Generation, die vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk sozialisiert wurde. Für den RBB sind die Vorkommnisse der Super-GAU. Es ist nicht Wasser, sondern ein Wasserfall auf den Mühlen derer, die das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für radikal reformbedürftig halten. Ich kann nur sagen: So schafft man sich selbst ab.

Wie sehr schaden die Vorwürfe dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Es ist imagemäßig ein Kollateralschaden, der nachhaltig demonstriert, wie weit sich das öffentlich-rechtliche System teilweise vom realen Leben entfernt hat. Es liegt eine Blasenbildung im medialen Bereich vor. Diese beschränkt sich nicht ausschließlich auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, aber wird dort besonders deutlich. Es ist ein System, das sich über Jahrzehnte verselbstständigt hat, sich selbst zeugt und letztlich nicht professionell kontrolliert wird. Kontrolle meine ich nicht im Hinblick auf das Programm, sondern im Hinblick auf die Finanzen und Strukturen. Das Problem beginnt mit Rundfunk- und Verwaltungsräten. Im gesamten Rundfunk- und Verwaltungsrat mangelt es an professioneller Aufsicht, an Kompetenz. Das betrifft das ganze System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, nicht nur den RBB.

War Frau Schlesinger die falsche Person für den Posten?

Sie war entsprechend für den Posten sozialisiert, hat jahrelang für das öffentlich-rechtliche Format ‚Panorama‘ als investigative Journalistin gearbeitet und hat beim NDR Führungspositionen bekleidet. Man kann also nicht sagen, dass sie nicht erfahren war. Aber sie hat mit ihrer Arbeit enttäuscht, und das über Jahre hinweg. In ihrem Fall hat sich eine erfolglose Intendantin mit ihren Geschäftsgebaren ins Aus manövriert. Man kann nicht jährlich Defizithaushalte präsentieren und auf der anderen Seite größenwahnsinnige Medienhausprojekte planen. Das ist indiskutabel und nicht tolerabel.

Wie bewerten Sie die Ära Schlesinger inhaltlich?

Die Zahlen sprechen für sich: Der RBB ist weit abgehängtes Schlusslicht innerhalb der Senderfamilie der dritten Programme. Vor zehn oder 15 Jahren stand der RBB im Vergleich noch deutlich besser da. Er kratzte an der sieben Prozentquote im Gesamtmarktanteil, heute ist er Schlusslicht mit aktuell 5,1 Prozent. Zusammen mit dem Hessischen Rundfunk leidet der RBB quotenmäßig an notorischer Erfolglosigkeit. Die beiden Sender rufen danach, dass man sie in größere Senderverbünde integriert.

Wo liegen die Probleme des RBB?

Der RBB hat ein riesiges Programmproblem: Er lebt nur noch von der ‚Abendschau‘ und ‚Brandenburg aktuell‘. Rund eine Viertelmillion Menschen sehen das im Schnitt an; auf das Sendegebiet gerechnet macht der RBB damit Quote. Jedoch ist das nur ein ganz kleiner Teil des Programms. In der Masse besteht das Programm aus einer Ansammlung von Wiederholungen, keine 20 Prozent sind Eigenproduktionen, das treibt den Leuten mindestens genauso die Zornesröte ins Gesicht wie lächerliche Diskussionen um Massagesitze in einem Auto. Die sind nur ein Indiz für tieferliegende Symptome, für eine tiefe Entfremdung vom Zuschauer. Ich frage mich, wie soll es weitergehen.

Haben Sie eine Antwort darauf?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss seriös und glaubwürdig sein – oder wir brauchen ihn nicht! Mit Seriosität meine ich Bemühen um Objektivität und Pluralität – das gesamte politische Spektrum von konservativ bis linksliberal muss abgedeckt werden. Wirkliche Meinungsvielfalt, harte Kontroversen, Schnelligkeit, Präzision. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk darf nicht belehrend und selbstgefällig wirken und er sollte nicht diese unheilvolle Neigung zur Selbstinszenierung haben. Schauspielernde und schlecht sprechende Moderatoren schrecken die Zuschauer ab. Aber vor allem muss der RBB wieder näher dran sein an den Themen der Region, mehr Eigenproduktionen.

Wie kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Zielgruppen abholen?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sich ehrlich machen. Im linearen Fernsehbereich ist die Kernzielgruppe Ü60 und es wachsen keine jungen Zielgruppen mehr nach. Junge Leute holt man durch digitale Angebote, klug kuratierte Mediatheken ab. Fürs Crossmediale braucht es junge Journalisten, aber kein wahnwitziges Medienhaus! Ich fände es sinnvoll, das lineare Fernsehprogramm auf die Zielgruppe Ü60 zu fokussieren und die Jüngeren mit digitalen Angeboten abzuholen.

Kann man aus dieser ganzen RBB-Affäre auch etwas Positives ziehen?

Als skeptischer Optimist hoffe ich, dass es ein nachhaltiger Weckruf ist. Auf jeden Fall ist es ein schmerzlicher Weckruf in einer Zeit, in der die Zahl derer, die nicht mehr bereit sind, die Rundfunkgebühren zu zahlen, zusehend wächst. Die Frage ist, ob sich das System selbst reformieren kann. Ich glaube es nicht. Ich würde mir wünschen, dass man nicht anfängt, unintelligent zu sparen, sondern sich fragt, wie man mit den vorhandenen Mitteln qualitativ hochwertigen Journalismus und ein gutes Programm liefern kann. Abgesehen davon ist die Finanzierungspraxis durch dieKEF, die Kommission zur Überprüfung und Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, nicht mehr zeitgemäß. Es geht nicht an, dass die Sendeanstalten die Gebührengelder nach selbsterrechnetem Bedarf zugewiesen bekommen. Würde man die öffentlich-rechtlichen Sender vom Personaleinsatz, der Ablauforganisation und den Strukturen professionell evaluieren, dann gäbe es einiges zu optimieren. Die Geschichte um Patrica Schlesinger wird nachhaltig sein, weil sie dem Populismus reichlich Nahrung bieten. Ob daraus die notwendigen Reformen folgen, bleibt abzuwarten.