Marzahn-Hellersdorf

So lange warten Berliner auf Bestattungsgenehmigungen

| Lesedauer: 6 Minuten
Gesa Born
Durchschnittlich müssen Hinterbliebene in Marzahn-Hellersdorf viereinhalb Wochen warten, bis das dortige Standesamt ihnen eine Bestattungsgenehmigung ausstellt.

Durchschnittlich müssen Hinterbliebene in Marzahn-Hellersdorf viereinhalb Wochen warten, bis das dortige Standesamt ihnen eine Bestattungsgenehmigung ausstellt.

Foto: New Africa / Shutterstock/New Africa

Ohne Genehmigung keine Bestattung. Doch in in Berlin wartet man darauf lange. Für die Kühlung der Verstorbenen kommen Angehörige auf.

Berlin.  Der Verlust eines Menschen kann qualvoll sein, die Zeit zwischen Tod und Bestattung oft schwer. Doch für viele Hinterbliebene in Marzahn-Hellersdorf ist die Trauer nicht die einzige Belastung: Durchschnittlich müssen sie viereinhalb Wochen warten, bis das dortige Standesamt ihnen eine Bestattungsgenehmigung ausstellt. Ohne die gibt es in Deutschland keine Beisetzung. Auch die Wartezeiten für Sterbeurkunden sind lang. Für Angehörige bringt das oft nicht nur psychische, sondern auch finanzielle Probleme mit sich.

Verheiratete beispielsweise können nach dem Tod des Partners oder der Partnerin so lange keinen Antrag für die Übergangsrente stellen, bis die Sterbeurkunde ausgestellt ist, weiß Hendrik Ruda. Seit 2012 leitet er in Hellersdorf ein Bestattungsunternehmen. „Und dann dauert es auch noch mal sechs Wochen, bis die Rente berechnet ist.“ Heißt: Im Ernstfall müssen Hinterbliebene zwölf Wochen lang ohne Geld auskommen. Und es gibt weitere Hürden: Ohne Sterbeurkunde keine Kündigung von Vereinsmitgliedschaften, keine Auflösungen von Versicherungen.

„Die Erdbestattungen sind kompliziert im Moment“, sagt Hendrik Ruda. Die gesetzliche Vorgabe besagt, dass der Sarg innerhalb von zehn Tagen beigesetzt werden muss. „Das ging in Berlin noch nie – auch nicht in Zeiten vor Corona, weil die da einfach zu langsam für sind.“ Aber man habe es wenigstens innerhalb von 14 Tagen geschafft. Mittlerweile bedeutet die lange Wartezeit von vier bis sechs Wochen für Angehörige, die eine Erdbestattung wünschen, weitere finanzielle Kosten: Verstorbene werden bei dieser Bestattungsart, anders als bei der Feuerbestattung, bei dem jeweiligen Bestattungsunternehmen aufbewahrt – und gekühlt. Aufkommen für diese Kühlungskosten müssen die Hinterblieben.

Kosten werden sich jetzt noch weiter nach oben schrauben

Bei Hendrik Ruda belaufen sich diese Kosten auf 29 Euro pro Tag. „Es gibt aber auch ganz andere Preise“, so der Bestatter. Sie variierten zwischen zehn und 80 Euro, jeder Bestatter lege das selbe fest. Hendrik Ruda befürchtet: „Die Kosten werden sich jetzt natürlich mit den steigenden Energiepreisen auch noch weiter nach oben schrauben. Früher konnte man in bestimmten Fällen vor Ort beim Standesamt noch etwas Druck machen, dass es schneller geht, mit den Urkunden.“ Doch seit zwei Jahren laufe wegen Corona alles über den Postweg. Mehr Arbeit für beide Seiten – sowohl für die Bestatter, als auch für die Standesämter, so Hendrik Ruda. Oft seien die eingereichten Unterlagen nicht vollständig, was den Prozess verzögere: „Dann fehlt mal die Geburtsurkunde, dann Familienbuch. Dann muss alles wieder zurückgeschickt werden.“

Zu „Vor-Corona-Zeiten“ sei Marzahn-Hellersdorf eines der schnellsten Standesämter in ganz Berlin, gewesen, sagt der Bestatter: „mit Abstand“. Damals seien sie noch gut besetzt gewesen. Anders sein Eindruck, heute: „Jetzt sitzt die Chefin da ganz alleine“, alle anderen seien krankgemeldet. „Was soll sie machen? Sie kann auch nicht mehr, als ihren Job machen. Es muss doch irgendwie möglich sein, in so einer Behörde für Amtshilfe zu sorgen, bis sich die Situation ein bisschen gelegt hat.“

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Senat hält Amtshilfe nicht für möglich

Aus Sicht der Senatsverwaltung für Inneres, Digitalisierung und Sport, ist eine solche Amtshilfe nicht möglich, so Pressesprecherin Sabine Beikler: „Die Personalsituation ist aktuell auch in den anderen Behörden angespannt.“ Die Verzögerungen in der Bearbeitung entstünden aufgrund der aktuellen Personalsituation: „Die Anwesenheitsquote liegt im Juni im Standesamt Marzahn-Hellersdorf aufgrund von Urlaub und krankheitsbedingter Abwesenheit bei 47 Prozent.“ Bei der Ausstellung von Bestattungsgenehmigungen weise das Standesamt Rückstände in Höhe von 130 Vorgängen auf.

Doch was könnten dann Ansätze sein, damit Hinterbliebene in Zukunft nicht mehr so lange auf ihre Urkunden warten müssen? Es seien „umfangreiche Digitalisierungsvorhaben“ geplant, so Sabine Beikler, die „langfristig weitere Erleichterungen und Synergieeffekte für die Standesämter mit sich bringen und die Prozesse beschleunigen sollen.“

Für den bezirkspolitischen CDU-Sprecher Stephan Schmidt sei dieser Zustand „schwer zu ertragen“. Er bezeichnet ihn als „symptomatisch“ für die Personalsituation in allen Bezirken und in den Hauptverwaltungen Berlins. „Ich kann jetzt die genauen Hintergründe für den derzeitigen Engpass in Marzahn-Hellersdorf nicht beurteilen, Fakt ist aber: Bei der Personalgewinnung und Nachwuchsförderung in der Hauptstadt liegt Vieles im Argen.“ Der rot-grün-rote Senat bekomme seit Jahren die bekannte Misere nicht in den Griff. „Das ist Politikversagen der schlimmsten Sorte“, so der Oppositionspolitiker. Die Bezirke seien beim Personalrecruiting oft das schwächste Glied in der Kette, weil sie kaum Möglichkeiten hätten, Bewerberinnen und Bewerbern Anreize zu bieten. „Da sind häufig Bundesbehörden oder das Land Brandenburg der attraktivere Arbeitgeber.“

„Berlin verspielt bei der Verwaltung das Vertrauen bei den Berlinern“

Ähnlich sieht das Roman Francesco-Rogat, Sprecher für Verwaltungsmodernisierung der FDP-Fraktion und Abgeordneter aus Marzahn-Hellersdorf: „Die Dysfunktionalität zieht sich wie ein roter Faden durch alle Verwaltungseinheiten in dieser Stadt.“ Egal ob die Ausstellung von Geburtsurkunden im Bezirk Mitte oder die langen Wartezeiten auf Sterbeurkunden in Marzahn-Hellersdorf – Berlin verspiele bei den Verwaltungsaufgaben das Vertrauen bei den Berlinerinnen und Berlinern. „An allen Enden mangelt es an Personal, was aufgrund der anstehenden Pensionswelle der geburtenstarken Jahrgänge in den kommenden Jahren noch schlimmer wird. Gleichzeitig ist die Personalgewinnung viel zu langsam, starr und unkreativ.“ Es räche sich außerdem, dass Berlin seit Jahren die Digitalisierung der Verwaltung verschlafen habe: „Wenn deutlich mehr Prozesse digitaler angeboten werden, wäre der Einsatz von Personal wesentlich effizienter und nachhaltiger.“

Amtshilfe durch andere Behörden sieht der FDP-Politiker jedoch nicht als Lösung: „Der Mangel von Personal und veraltete Prozesse begegnen uns leider in vielen Ämtern der Stadt, sodass eine Priorisierung nur schwer möglich wäre.“ Stattdessen sollten Vorschriften auf ihre Aktualität überprüft werden. „Eine Reform des Bestattungswesens könnte hierbei ebenso eine Rolle spielen.“