Rettungsdienst

Feuerwehr gibt Fälle ab: Bereitschaftsdienst spürt Folgen

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Ein Notarztwagen im Einsatz (Symbolbild).

Ein Notarztwagen im Einsatz (Symbolbild).

Foto: picture alliance

Der Rettungsdienst der Berliner Feuerwehr ist überlastet. Bei Bagatellfällen ist er daher in Zukunft nicht mehr zuständig.

Berlin. Die Veränderungen im Rettungsdienst der Berliner Feuerwehr haben bei der Leitstelle der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) unmittelbar zu mehr Fällen geführt. Bereits am ersten Tag der Anpassung von Codes bei der Notrufannahme am vergangenen Montag sei die Zahl auf 160 gestiegen, teilte eine KV-Sprecherin auf Anfrage mit. Zuvor hat die Leitstelle nach ihren Angaben im Schnitt täglich mehr als 100 Menschen übernommen, die den Notruf 112 gewählt haben und bei denen es nach Einschätzung der Feuerwehrleitstelle keine Hinweise auf einen Notfall gab.

Mit der Abgabe von Fällen an den Ärztlichen Bereitschaftsdienst der KV hofft die Feuerwehr, die Überlastung des Rettungsdienstes in den Griff zu bekommen. Bei einfacheren Fällen kommt nun kein Rettungswagen mehr. Diese werden stattdessen an die KV abgegeben.

Der Vorschlag kursierte schon lange. Nach monatelanger Diskussion kommt damit die Behördenleitung einer Forderung der Beschäftigten, Gewerkschaften und aus dem Personalrat nach. Nun war der Druck offensichtlich so groß, dass sich die Führung der Berliner Feuerwehr zum Handeln gezwungen sah. Fast an jedem Tag in diesem Jahr wurde der Ausnahmezustand beim Rettungsdienst der Berliner Feuerwehr ausgerufen. Einsätze werden in diesen Fällen nach Dringlichkeit abgearbeitet. Teilweise stand für knapp 3,7 Millionen Berlinerinnen und Berliner nur einer oder gar kein freier Rettungswagen (RTW) mehr zur Verfügung.

Kein RTW mehr bei Verbrühungen oder leichten allergischen Reaktionen

Konkret wurden nun Änderungen im Standardisierten Notruf-Abfrageprotokoll (SNAP) durchgeführt, über dass seit 2005 alle 112-Anrufe in der Leitstelle laufen. Während die Einsatzkraft am Telefon eine standardisierte Notrufabfrage durchführt – also etwa fragt, wo die Person liegt, ob sie ansprechbar ist, blutet – gibt das System einen entsprechenden Code aus und entscheidet, ob die Feuerwehr einen Rettungswagen senden muss oder nicht.

Bereits länger wurde kritisiert, dass dies auch bei vermeintlichen Bagatellfällen geschah. Bei 14 Codes sei man nun zu dem Schluss gekommen, dass hier die Feuerwehr keinen Rettungswagen schicken muss, sondern hierbei „andere geeignete Versorgungsstrukturen noch stärker eingebunden werden können“, wie es heißt – namentlich die KV.

Wer in Lebensgefahr schwebt oder sich in einem Zustand befindet, durch den schwere gesundheitliche Schäden entstehen können, wird weiter vom Rettungsdienst der Feuerwehr behandelt. „Nicht für jede Person, die die 112 wählt, ist ein Rettungswagen die geeignete Hilfe“, Stefan Poloczek, Ärztlicher Leiter des Rettungsdiensts. Der RTW kommt nun nicht mehr etwa bei allergischen Reaktion ohne Atem- oder Schluckbeschwerden, geringfügiger Verbrennung oder Verbrühung sowie ungefährlicher Blutung mit internistischer Ursache.

KV ist unter 116117 zu erreichen

Diese Fälle werden künftig direkt an die KV weitergeleitet, die mit 116117 über eine eigene ärztliche Notdienstnummer verfügt. Wer dort anruft, bekommt nach den Angaben eine erste medizinische Einschätzung. Je nach Erkrankung werden Patientin oder Patient in einer der elf Notdienstpraxen behandelt, es erfolgt ein Hausbesuch – oder im Notfall wird die Feuerwehr eingeschaltet.

Viele Menschen rufen aber gleich die 112 an, sodass beim Rettungsdienst der Berliner Feuerwehr auch viele Bagatellfälle landen. Bislang kam es trotzdem auch in solchen Fällen häufig zum Einsatz eines Rettungswagens (RTW).

Zuletzt hatte Innensenatorin Iris Spranger (SPD) den Druck auf die Feuerwehr-Leitung erhöht und eine Steuerungsgruppe eingesetzt, die zügig Verbesserungsvorschläge erarbeiten soll. Diese Task Force, bestehend aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Innenverwaltung und der Feuerwehr hatte nun vorgeschlagen, die Codes noch intensiver regelmäßig zu prüfen und gegebenenfalls anzupassen. Laut Landesbranddirektor Karsten Homrighausen ist das erst der Anfang.

GdP: Bedauerlich, dass es eines dauerhaften Notstands bedurfte

„Wir haben eine Vielzahl organisatorischer Maßnahmen innerhalb der Berliner Feuerwehr auf den Plan gerufen, um die Belastung zu reduzieren.“ Die Feuerwehr stehe in engem Austausch mit der Kassenärztlichen Vereinigung, „um die Prozesse für alle Beteiligten zu optimieren.“ Weitere Fortschritte soll es laut Feuerwehr künftig durch eine verstärkte Digitalisierung der Einsatzdokumentation und -auswertung geben.

Die Zahl der Abgaben an die KV ist nach deren Angaben kontinuierlich gestiegen. Allein im zweiten Quartal 2022 habe die Feuerwehr rund 3000 Anrufe an die Leitstelle abgegeben. Mit Blick auf die aktuellen Code-Anpassungen erwarte man mehr Fälle, hieß es. „Nach unserer aktuellen Einschätzung kann der Ärztliche Bereitschaftsdienst dieses Mehraufkommen bearbeiten. Wir werden die Lage aber sehr genau beobachten, um gegebenenfalls gegenzusteuern“, hieß es vom KV-Vorstand. Er forderte eine finanzielle Absicherung: „Die Notfallversorgung ist bereits seit langem defizitär. Hier sind jetzt die Krankenkassen am Zug.“

Für die Gewerkschaft der Polizei (GdP) Berlin, die auch Feuerwehrleute vertritt, war das nun die richtige Entscheidung. „Die Code-Anpassungen ergeben absolut Sinn, weil wir hier über sehr viele Fälle reden, die bisher mit einem RTW beschickt wurden, ohne dass dieser wirklich gebraucht wird“, sagte Sprecher Benjamin Jendro. Es sei allerdings bedauerlich, dass es dafür erst eines „dauerhaften Ausnahmezustandes und eines faktischen Notstandes“ bedurft hätte.

Nach Gewerkschaftsangaben sind die Feuerwehren bundesweit überlastet. „Egal ob in Hamburg, Berlin, Wiesbaden oder München, es fehlt überall an Rettungsmitteln für die Notfallrettung sowie den qualifizierten Krankentransport“, sagte Tobias Thiele, Pressesprecher der Deutschen Feuerwehrgewerkschaft. mit dpa

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