Gesundheit

Affenpocken: So ist die Lage in Berlin

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexander Rothe
Affenpocken: Dieses Früh-Symptom sollten alle kennen

Affenpocken: Dieses Früh-Symptom sollten alle kennen

Eine Affenpocken-Infektion wird oft erst sehr spät erkannt. Jetzt sind deutsche Ärzte auf ein mögliches Früh-Symptom gestoßen, das eine frühzeitige Diagnose möglich machen und somit schwere Verläufe verhindern könnte.

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Berlin zählt bundesweit die meisten Fälle von Affenpocken. Das bringt erste Einschränkungen mit sich.

Berlin.  Das Risiko, sich mit sogenannten Affenpocken (kurz: MPX) zu infizieren, ist in Europa besonders hoch und hat die Weltgesundheitsorganisation veranlasst, den öffentlichen Gesundheitsnotstand internationaler Tragweite auszurufen. Mit über 1200 Fällen ist Berlin einsamer Spitzenreiter in Deutschland – rund die Hälfte aller Infektionen in Deutschland wurden in der Hauptstadt registriert. Eine zuverlässige Erklärung dafür sei laut Gesundheitsverwaltung nicht möglich.

Fest steht jedoch, wer von dem Virus in erster Linie betroffen ist: Menschen mit vielen Sexualpartner-Wechseln. Als die ersten Fälle in Deutschland bekannt wurden, richteten sich die Warnhinweise vor allem an Männer, die mit anderen Männern Geschlechtsverkehr haben. Gleichzeitig betont das Robert Koch-Institut (RKI), dass das Risiko nicht auf diese Gruppe beschränkt sei, sondern sich generell auf Personen beziehe, deren Sexualpartner oft wechselten.

Affenpocken: „Virus interessiert sich nicht für die Sexualität“

Ähnlich argumentiert Christopher Schreiber, Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg: „Das Virus interessiert sich nicht für die Sexualität.“ Die hohen Fallzahlen innerhalb der Community führt er einerseits darauf zurück, dass in dieser die Sexualpartner häufiger wechselten, andererseits, dass die gesundheitliche Sensibilität unter homosexuellen Männern stärker ausgeprägt sei. „Dadurch, dass viele Präexpositionsprophylaxe einnehmen, um sich vor einer HIV-Ansteckung zu schützen, und alle drei Wochen zum Arzt gehen, werden mehr Fälle gemeldet.“ Die derzeitigen Assoziationen in der Öffentlichkeit weckten dunkle Erinnerungen an die Zeit, in der Homosexuelle vor allem mit HIV in Verbindung gebracht wurden. Um einer ähnlichen Stigmatisierung entgegenzuwirken, leiste der Verband Aufklärungsarbeit.

Für die breite Bevölkerung sei die Gefahr, die durch das Virus ausgeht, moderat, wie das RKI mitteilt. Anders sieht es bei Neugeborenen, Kindern, Schwangeren, alten und immunkranken Menschen aus, die einem höheren Risiko eines schweren Verlauf unterliegen. Marc Schreiner, Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft, schätzt aber auch dieses Risiko als gering ein. Erkrankungen mit dem Affenpocken-Virus würden in der Regel zu Hause ausgesessen. „Schwere Verläufe sind Einzelfälle und werden weniger im Krankenhaus als ambulant behandelt.“ Dort drohe nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) keine Überlastung.

Impfung mit Imvanex wird empfohlen

Damit das in Zukunft auch so bleibt, hat das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) eine Reihe von Schutzmaßnahmen aufgelistet, mit denen eine Ansteckung vermieden werden kann. Neben der Vermeidung von häufigen sexuellen Kontakten wird in erster Linie eine Impfung mit dem Pocken-Impfstoff Imvanex empfohlen, der jüngst von der EU-Kommission zugelassen wurde und Personen ab 18 Jahren zur Verfügung steht.

Obwohl Berlin im Bundesvergleich mit Abstand die meisten Fälle zählt, steht dem Bundesland lediglich ein Viertel des bundesweit erhältlichen Impfstoffs zu – prozentual mehr als anderen Bundesländern, allerdings immer noch zu wenig, wie die Gesundheitsverwaltung in einer Pressemitteilung mitteilt: „Berlin muss bei der Verteilung priorisiert werden. Wenn der Ausbruch in Berlin eingedämmt werden kann, profitieren davon auch die anderen Bundesländer.“

Insgesamt gibt es 30 Praxen in Berlin, die an der Impfkampagne teilnehmen. „Auch in den Spezialambulanzen der Charité und der Kliniken für Infektiologie des St. Joseph-Krankenhauses Tempelhof und des Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikums Schöneberg werden Impfungen durchgeführt. Ebenfalls beteiligt ist das Gesundheitsamt Mitte“, erklärt die KV auf Anfrage der Berliner Morgenpost.

Erste Berliner Clubs schließen Darkrooms

Erste Einschränkungen hat der Affenpocken-Ausbruch in der Berliner Clubszene gehabt. Da in manchen Berliner Clubs Promiskuität keine Seltenheit ist, haben einige Veranstalter ihre Darkrooms, also Räume, in denen Gäste miteinander Sex haben können, geschlossen, wie die Berliner Clubcommission auf Anfrage bestätigt.

Vor allem setze der Clubverband aber auf Sensibilisierungsmaßnahmen. „Grundsätzlich empfehlen wir Schutz bei Sex und einen offenen Umgang bei mehreren Sexualpartnern, damit Menschen ihr individuelles Risiko besser einschätzen und minimieren können. Im Falle von MPX schützen Kondome, Lecktücher, Handschuhe etc. nur bedingt. Den besten Schutz bietet die Impfung, auf die wir aufmerksam gemacht haben“, so Clubcommission-Sprecher Lutz Leichsenring. „Bei entsprechender Verfügbarkeit von Impfstoffen wünschen wir uns konzentrierte Impfaktionen an Clubstandorten, um die Zielgruppe niederschwellig zu erreichen. Bisher ist da keine Bereitschaft des Gesundheitssenats zu erkennen.“

Einschränkungen in anderen Bereichen, die mit viel Körperkontakt einhergehen, sind bislang allerdings nicht bekannt. So teilt der Landessportbunds Berlin e. V. mit: „Der Landessportbund Berlin steht mit seinen Mitgliedsorganisationen und mit Sportmedizinern in Fragen des Gesundheitsschutzes im engen Austausch. Derzeit sind uns weder Fälle von Affenpocken bekannt, noch ist der Sportbetrieb dadurch beeinträchtigt.“