Neue Loveparade

Rave the Planet: Was Techno und Freiheit verbindet

| Lesedauer: 6 Minuten
Alexander Rothe und Julian Würzer
Hunderttausende Raver tanzen im Jahr 2006 auf der Straße vor dem Brandenburger Tor in Berlin.

Hunderttausende Raver tanzen im Jahr 2006 auf der Straße vor dem Brandenburger Tor in Berlin.

Foto: Marcel Mettelsiefen / dpa

Tausende Menschen sollen bei „Rave the Planet“ zu Techno auf der Straße feiern. Doch was macht diese Musik aus eigentlich aus?

Berlin.  Technobeats, schrill leuchtende Outfits und sorglos raven: Am Sonnabend soll nach mehr als 15 Jahren die Loveparade nach Berlin zurückkehren. Unter dem Namen „Rave the Planet“ will DJ-Legende und Loveparade-Gründer Dr. Motte ein neues Musikevent auf den Straßen zwischen Kurfürstendamm, Brandenburger Tor und Siegessäule veranstalten. Es soll vor allem in einem Punkt an die Ursprünge erinnern – die Veranstaltung soll eine unkommerzielle Demonstration der Liebe sein, auf der man sich frei fühlen soll.

Schon in den 1990er-Jahren zog das Techno-Event Menschen aus aller Welt an. Sie zeigten sich teils nackt oder in leuchtenden Outfits auf Berlins Straßen, viel Glitzer war zu sehen oder auch nicht. Die Bilder der tanzenden und feiernden Menschen auf den Techno-Partys prägten ein Jahrzehnt. Nun sollen wieder Tausende Menschen durch die Straßen ziehen. Doch was macht Techno eigentlich aus? Steht die Musik wirklich für Freiheit?

Dr. Motte: Techno hat keine Konzepte

In einem Interview im Jahr 1995 brachte es Dr. Motte auf den Punkt: „Techno hat keine Konzepte, und es bietet die Freiheit, alles zu tun, was du willst.“ Das sei auch der Grund, weshalb so viele an der Loveparade teilnehmen würden. Techno sei letztendlich das, was man selber mitbringe.

Ein ähnliches Verständnis vermittelt die Ausstellung „Techno, Berlin und die große Freiheit“ im Tresor-Club, in der die Einflüsse des Technos auf die Berliner Gesellschaft und das Stadtbild nachgezeichnet werden. Gründer des Tresors ist Dimitri Hegemann, der 1978 nach Berlin kam und die Technoszene in Berlin maßgeblich mitgestaltet hat. „Techno ist damals aus Detroit übergeschwappt“, erinnert sich der studierte Musikwissenschaftler, der von Hause aus eigentlich einen Viervierteltakt gewohnt war.

Eine wichtige Rolle für die Vernetzung unter den DJs habe der Schallplattenladen Hard Wax in Kreuzberg gespielt, wo Vinyl-Platten aus dem Elektro-Genre verkauft wurden und der viele Menschen inspiriert hatte. Die Begeisterung für den nonkonformen Musikstil ergriff auch Hegemann, sodass er zwischen 1982 und 1990 insgesamt fünf Berlin Atonal-Festivals organisiert hat, wo Szenegrößen wie „Einstürzende Neubauten“ aufgetreten sind. Auch interessant: Rave the Planet – Alles, was man zur neuen Loveparade wissen muss.

Loveparade: „Berlin war ein dankbares Publikum“

Eine Rolle für den Erfolg der Musik spielte auch die damalige Zeit mitsamt ihrer politischen Ereignisse. Nach dem Mauerfall habe es eine Aufbruchsstimmung gegeben, die Menschen seien bereit für etwas Neues gewesen, sagt Hegemann. „Natürlich gab es Nirvana, Rap und Disco-Musik, aber die entscheidenden Klänge kamen aus Michigan. Darauf konnte sich jeder einigen.“ Das Besondere an Techno sei das Fehlen von Lyrics und Melodien. Stattdessen würde die Musik einem „ursprünglichen Beat“ folgen, der die Menschen aus aller Welt mitreiße.

Die neue, alte Hauptstadt habe die idealen Rahmenbedingungen geliefert, damit die entstehende Techno-Szene florieren konnte, obwohl die Stadt nicht aktiv dazu beigetragen habe. „Seit 1949 gibt es keine Sperrstunde in Berlin, was die Stadt von anderen Städten unterscheidet. Die Stimmung war bombe, und die neue Musik war auch ein symbolischer Aufbruch“, erzählt Hegemann. Während in West-Berlin bereits jeder Quadratmeter vergeben gewesen sei, habe der Osten Freiflächen geboten, die unbürokratisch genutzt werden konnten. „Gerade am Grenzstreifen entlang hat es viele Räume gegeben“, so Hegemann, der seinen Club später in der Nähe der ehemaligen Grenze eröffnete.

Nach 3.30 Uhr sollen die besten Ideen entstehen

Die in heruntergewirtschafteten Industriegebäuden stattfindenden Partys hätten Experimentierräume geschaffen, wo sich Kreative gefunden hätten. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nach 3:30 Uhr die besten Ideen entstanden sind. Die Menschen sind ausgeglichen, denn das Tanzen und die Musik wirken therapeutisch.“ Er nennt diese Art der Begegnungen „Mikrokonjunkturen“, wo sich Feierwütige selbst verwirklichten, kreative Ideen mit anderen austauschten und im besten Fall mit diesen unternehmerisch zusammensetzen würden. „Ich kannte jemanden, der mit einer Schere einen kleinen Friseurbereich im Club betrieben hat“, erzählt der Club-Gründer.

Der Techno habe die Stadt verändert, doch die Entwicklung sei nicht stehen geblieben. „Die Euphorie und Aufbruchsstimmung von damals ist vergangen.“ Alles sei deutlich teurer geworden und die Szene teilweise kommerzialisiert. Dennoch findet Hegemann Techno immer noch wichtig, er vereine viele Menschen und habe einen Friedensauftrag. „Bei der ersten Loveparade gab es schon diese Sehnsucht nach Frieden. Bis heute ist die Techno-Szene ohne große Skandale ausgekommen.“

Wenn er heute in einen Club geht, nennt er die dort Feiernden „seine Leute“. Er kenne sie zwar nicht, sei sich aber über die gleiche Gesinnung sicher. Der friedensstiftende Aspekt der Techno-Szene prägt auch den Titel seiner Rede bei „Rave the Planet“ am Wochenende. Er meint, dass vor allem in heutigen Zeiten das gemeinsame Tanzen und Miteinanderauskommen zu tranceartiger Musik einen herausragenden Beitrag zum Frieden leisten könne. „Dancing is better than marching“, fasst er sein Verständnis zusammen. Übersetzt also: Tanzen ist besser als marschieren.

Rave the Planet – Techno soll als Kulturgut angesehen werden

Davon überzeugt, hat Dimitri Hegemann die Initiative „Tresor Foundation“ gegründet. Er will, dass Techno als Kultur angesehen wird und die Szene auch in kleinere Städte expandiert. „Viele Bürgermeister, mit denen ich bisher gesprochen habe, konnten damit gar nichts anfangen. Dabei ist die Nachtkultur auch ein Wirtschaftsfaktor“, so Hegemann.

Am Sonnabend soll in Berlin aber nicht das wirtschaftliche Faktor im Vordergrund stehen. Wenn die Techno-Parade „Rave the Planet“ um 14 Uhr startet, soll auch versucht werden, das technophile Feiern – beziehungsweise die „Kultur der elektronischen Tanzmusik“ – als immaterielles Kulturerbe“ erklären zu lassen. Die „Rave the Planet“-Parade gilt daher auch als politische Demonstration.