Techno-Parade

Rave The Planet in Berlin: Das plant Dr. Motte

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Technopionier: Matthias Roeingh alias Dr. Motte gehörte 1989 zu den Mitgründern der Loveparade.

Technopionier: Matthias Roeingh alias Dr. Motte gehörte 1989 zu den Mitgründern der Loveparade.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Am 9. Juli veranstaltet Dr. Motte einen neuen Rave in der Hauptstadt. Das ist anders als bei der Loveparade.

Berlin. „Liebe“ steht auf dem T-Shirt, das Matthias Roeingh alias Dr. Motte trägt, als er am Donnerstagmorgen im „Hotel Berlin“ am Lützowplatz vor der Presse steht. Das Motto für die neue Techno-Parade, die der DJ am 9. Juli in Berlin veranstalten wird, ist damit schon mal gesetzt. Loveparade darf der Gründer der einstigen Kultveranstaltung die Neuauflage allerdings nicht mehr nennen. Die Namensrechte des Raves, der von 1989 bis 2006 in der Hauptstadt und ab 2007 im Ruhrgebiet stattfand und der 2010 in Duisburg mit einer Massenpanik mit 21 Toten ein jähes Ende fand, gehören ihm nicht mehr.

Bei der Rückkehr wird nun also unter dem Namen „Rave The Planet“ gefeiert – und protestiert. Denn schon die Loveparade sollte nach Vorstellungen der Veranstalter mehr sein, als einfach nur eine Technoparty. „‚Rave The Planet‘ als Vision war schon in der ersten Loveparade 1989 enthalten. Die Idee war es, die Parade jährlich zu wiederholen und mit ihr Menschen in anderen Ländern zu inspirieren, ebenfalls Paraden zu organisieren“, so Dr. Motte. „Eines Tages würden dann überall auf der Welt Paraden stattfinden und alle Menschen miteinander tanzen. Daraus sollte die Erkenntnis erwachsen, dass alle Teil der Familie der Menschen auf diesem Planeten sind und somit Weltfrieden entstehen.“

Mit erwarteten 25.000 Teilnehmenden, 150 Künstlern und Künstlerinnen sowie 18 Musikwagen („Floats“) und zehn Rednerinnen und Rednern solle bei der Parade ein Zeichen für die gemeinsamen Werte Liebe, Frieden, Freundschaft, Solidarität, Diversität, Respekt und Musik gesetzt werden.

Rave The Planet 2022 - Dr. Motte: „Wir meinen das wirklich ernst“

Neben Weltfrieden haben die Macher sieben weitere Forderungen formuliert, die während der Parade stündlich verlesen werden sollen:

  • Anerkennung der elektronischen Musikkultur als Immaterielles Kulturerbe der Unesco
  • Gleichstellung der elektronischen Musikkultur mit allen anderen, etablierten Kulturformen sowie gleiche Ansprüche auf staatliche Förderungen
  • Schutz von Kulturstätten
  • bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler und Kulturschaffende
  • Einführung des „Tags der elektronischen Tanzmusikkultur“ als gesetzlicher Feiertag jährlich am zweiten Sonnabend im Juli
  • Abschaffung von allen Tanzverboten, insbesondere an christlichen Feiertagen
  • das Recht auf kulturelle und non-verbale Tanz- und Musikdemonstrationen, frei von Pflichtwortbeiträgen.

„Wir meinen das wirklich ernst“, so Dr. Motte am Donnerstag. Die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen beispielsweise werde untermauert, indem während der Parade 25 solcher Zahlungen in Höhe von 1000 Euro pro Monat für ein Jahr verlost werden.

„Damit werden die beiden historischen Strecken der Loveparade miteinander vereint“

Die „Rave The Planet“-Parade startet am 9. Juli um 14 Uhr auf dem Kurfürstendamm in Höhe des U-Bahnhofs Uhlandstraße, führt über den Potsdamer Platz und das Brandenburger Tor und endet um 22 Uhr mit einer Abschlusskundgebung am Großen Stern. „Damit werden die beiden historischen Strecken der Loveparade miteinander vereint“, so Dr. Motte.

Im Anschluss wird es, bis in den Sonntag hinein, Aftershowpartys geben. Beispielsweise auf dem RAW-Gelände, am Sage Beach und im Anomalie Art Club. Das Motto der diesjährigen Parade lautet „Together Again“. Damit sei das Wiedervereintsein nach der Loveparade-Pause ebenso gemeint wie nach Pandemie und Social Distancing, so Dr. Motte. Daneben solle auf die aktuellen weltpolitische Lage aufmerksam gemacht werden: „Kriege und Schreckensbilder, wie derzeit in der Ukraine, bestimmen unseren Alltag und die Medien. Einmal mehr ist es wichtig, das Gute zu stärken und zu zeigen, dass es auch anders geht.“

Dr. Motte feiert am 9. Juli 62. Geburtstag

Einen weiteren, persönlichen Grund zu feiern hat der Veranstalter selbst: Er hat am 9. Juli 62. Geburtstag. Seinen 60. hatte er erst in diesem Juni mit einem Rave in den Gärten der Welt pandemiebedingt nachgefeiert.

Als die Loveparade des gebürtige Berliners 1989 zum ersten Mal stattfand, war sie noch ein kleines Fest, bei dem 150 Technofans unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ auf dem Kurfürstendamm tanzten. Fünf Jahre später feierten 120.000 Raver. 1999 zählten die Veranstalter 1,5 Millionen Besucher.

Mangels Sponsoren fiel die Loveparade 2004 und 2005 aus – bis ein Fitnessstudio-Unternehmer einsprang. In Berlin fand die Parade bald mit dem Senat keinen Konsens mehr und wanderte ins Ruhrgebiet ab, wo sie in Essen (2007) und Dortmund (2008) wiederum viele Besucher anlockte. 2010 kam es in der Menschenmenge in Duisburg zur Katastrophe: 21 Menschen starben und mehr als 500 weitere wurden verletzt.

„Feelgood Crew“ und Nachhaltigkeitskonzept bei Rave the Planet

In Zusammenarbeit mit Polizei und Feuerwehr werde dieses Mal die größtmögliche Sicherheit für die Teilnehmenden garantiert, so Dr. Motte. Dazu gehöre auch, dass es auf der Strecke kostenloses Trinkwasser und eine so genannte „Feelgood Crew“ gebe, die nach Menschen Ausschau halte, die dehydriert seien oder denen es aufgrund von Substanzenkonsum nicht gut gehe. „Bitte bereitet euch vor“, so Dr. Motte. „Bringt euch eine Wasserflasche zum Auffüllen mit, zieht festes Schuhwerk an, kommt mit Sonnenschutz.“

Neu ist dieses Mal auch ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept. „Wir setzen auf Müllvermeidung, nicht auf Recycling“, so Dr. Motte. „Bitte beachtet, dass auch Glitzer Mikroplastik ist.“ Die Bilder des vermüllten Tiergartens am Folgetag waren in den 1990er-Jahren fester Bestandteil der Loveparade-Berichterstattung. Was sich nicht vermeiden lässt, soll dieses Mal selbst entsorgt werden. Am Sonntag haben die Veranstalter einen „Clean-up-day“ ins Konzept integriert, bei dem sie die Teilnehmenden der Parade bitten, sich am Aufräumen der Stecke zu beteiligen.