Prävention

Mädchen stark machen gegen Zwangsheirat

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Familien aus streng patriarchalischen Ländern nutzen gern die Sommerferien, um ihre oft minderjährigen Töchter an vorher ausgesuchte Männer zu verheiraten.

Familien aus streng patriarchalischen Ländern nutzen gern die Sommerferien, um ihre oft minderjährigen Töchter an vorher ausgesuchte Männer zu verheiraten.

Foto: Wolfram Kastl / dpa

Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes klärt gemeinsam mit der Berliner Polizei an Schulen auf.

Berlin.  Mit Problemen hatte die junge Lehrerin durchaus gerechnet, als sie sich vor zehn Jahren an einer Neuköllner Gemeinschaftsschule bewarb. „Ich bin davon ausgegangen, dass Armut ein Thema sein könnte“, sagt sie, „aber dass es Zwangsheirat ist, hat mich doch überrascht.“ In den vergangenen Jahren hat die Lehrerin Julia K., ihren richtigen Namen will sie aus Sicherheitsgründen nicht nennen, an ihrer Schule mehrere Fälle verhindern können. Unterstützt wurde sie dabei von Beratungsstellen, der Polizei und dem Jugendamt. „Aber am wichtigsten ist die präventive Arbeit in der Schule“, sagt sie, „wir arbeiten mit mehreren Projekten zusammen, das macht die Mädchen stark und sie lernen, welche Rechte sie haben und wie sie sich wehren können.“

Besonders gut erinnert sich Julia K. an einen Fall, der schon einige Jahre zurück liegt. „Nach den Sommerferien kehrte eine damals 15-jährige Schülerin aus der Türkei nicht zurück“, sagt Julia K. „Ich kontaktierte die Eltern, aber sie reagierten ausweichend, sagten, das Mädchen sei krank.“ Doch dann stieß die Lehrerin bei Facebook auf ein Video, das das Mädchen bei einer Verlobungsfeier zeigte. „Da bin ich sofort aktiv geworden, habe mit der Polizei gedroht“, sagt sie, „tatsächlich haben die Eltern dann eingelenkt und das Mädchen konnte zurückkommen.“

In den Sommerferien gewinnt das Thema Zwangsheirat an Brisanz

Vor allem mit dem Beginn der Sommerferien gewinnt das Thema an Brisanz. Nach Einschätzung der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes ist der Heimaturlaub für Familien aus streng patriarchalischen Ländern auch Anlass, Töchter an vorher ausgesuchte Männer zu verheiraten. Eine anonyme Online-Umfrage der Organisation unter Lehrkräften und Sozialarbeitern hat ergeben, dass es an deutschen Schulen 1847 Fälle von angedrohten oder vollzogenen Früh- und Zwangsverheiratungen gibt. Für Berlin stammt die aktuellste Zahl aus dem Jahr 2017. Da sind nach Angaben des Arbeitskreises Zwangsverheiratung 570 Fälle bekannt geworden. Betroffen sind in den allermeisten Fällen Mädchen.

„Diese Zahlen sind einfach erschreckend und die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch höher“, sagt Myria Böhmecke, zuständige Referentin bei Terre des Femmes. Die Umfrage habe auch ergeben, dass Lehrkräfte sich mehr Unterstützung wünschen. „Sie möchten geschult werden, um zu wissen, was sie tun können, um zu helfen, ohne das Mädchen oder den Jungen zu gefährden“, so Böhmecke. Deshalb hat Terre des Femmes gemeinsam mit der Polizei in dieser Woche vor den Ferien die Präventionsarbeit verstärkt. Im Rahmen der „Weißen Wochen“ - angelehnt an ein weißes Hochzeitskleid - gab es an insgesamt fünf Berliner Schulen in vier Bezirken Workshops und Gesprächsangebote. Das Angebot sei sehr gut angenommen worden, so die Organisation. „Diese Aktionen wollen wir künftig bundesweit vor den Sommerferien anbieten“, erklärte Böhmecke.

( dol )