Wirtschaft

370.000 Fachkräfte fehlen bis 2030 in Berlin und Brandenburg

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Jens Anker
Mehr als 300 Ausbildungsberufe gibt es in Berlin und Brandenburg.

Mehr als 300 Ausbildungsberufe gibt es in Berlin und Brandenburg.

Foto: zerocreatives / dpa-tmn

Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg werben für mehr und bessere Ausbildung in der Region. Mehr als 16.000 Stellen sind noch offen.

Berlin. In Berlin fehlen bis zum Jahr 2030 insgesamt 370.000 Fachkräfte. In den kommenden Jahren gehen immer mehr ältere Menschen in den Ruhestand, aber immer weniger jüngere beenden die Schule und wechseln ins Arbeitsleben. Berlin müsse deswegen mehr Anstrengungen in die Fachkräftesicherung legen, lautet das Fazit der Ausbildungsanalyse der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB).

Zwei Monate vor dem Ausbildungsstart am 1. September sind aber noch mehr als die Hälfte der gemeldeten Stellen in Unternehmen nicht besetzt. Bis Mai meldeten Firmen in der Region der Bundesagentur für Arbeit 26.400 betriebliche Ausbildungsplätze, sagte Alexander Schirp, stellvertretender Geschäftsführer des UVB. 16.300 davon seien noch frei. Vor allem in Brandenburg gebe es deutlich mehr freie Plätze als Bewerber. In Berlin sei die Lage dagegen umgekehrt.

Im Verkauf und in der Verwaltung sind die meisten Ausbildungsplätze frei

„Viele Unternehmen suchen händeringend Nachwuchs. Es gibt noch unheimlich viele Chancen aktuell“, sagte Schirp. Er rief junge Menschen dazu auf, sich noch für den üblichen Ausbildungsstart am 1. September zu bewerben. Gesucht werde besonders im Verkauf – dort seien mehr als 1450 Stellen in Berlin frei – , aber auch in der Verwaltung und im Handel seien noch längst nicht alle Ausbildungsplätze besetzt.

Generell zeigten die gemeldeten Lehrstellen in diesem Jahr, dass sich der Ausbildungsmarkt von den Folgen der Corona-Pandemie erhole und die Zahlen in etwa an das Vorkrisenjahr 2019 anknüpften. Die Unternehmen hätten ihre Angebote im Vergleich zu 2020 und 2021 deutlich erhöht, betonte Schirp.

Dagegen verharre die Zahl der Bewerber auf dem Niveau der Corona-Jahre (aktuell: 27.000). Der UVB vermutet, dass das an der wegen der Pandemie fehlenden Berufsberatung und -orientierung liege. Auch seien potenzielle Bewerber möglicherweise verunsichert, weil sie nicht wüssten, ob alle Branchen sich von den Folgen der Pandemie erholten und die Beschäftigungschancen stiegen.

Es gibt mehr als 300 Ausbildungsberufe in der Region

Schirp appellierte an die Schulabgänger, sich über das breite Ausbildungsspektrum zu informieren. Insgesamt gebe es mehr als 300 Ausbildungsberufe. Vor allem in den sogenannten Klimaberufen sei der Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs groß. Das betreffe Berufe rund um die E-Mobilität und die Erzeugung erneuerbarer Energien.

Um die Vielfalt der Ausbildungsmöglichkeiten aufzuzeigen, hat der UVB eine neue Broschüre vorgelegt, in dem sich alle Branchen kurz vorstellen und einen Überblick über das Ausbildungsangebot und die Entwicklungschancen geben. „Vom Traum zum Beruf“ lautet das Motto der Broschüre. Schirp warb bei den potenziellen Ausbildenden darum, sich nicht nur auf wenige Wunschberufe zu konzentrieren. Oft gebe es vergleichbare Ausbildungsplätze in verwandten Berufen.

Gleichzeitig rief Schirp die Pflegeeinrichtungen dazu auf, offensiver um Nachwuchs zu werben. „Die Branche trägt eine Mitverantwortung für den schlechten Ruf. Immer nur zu sagen, wie schlimm alles ist, ist nicht hilfreich.“ In den vergangenen Jahren habe sich viel getan, die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen hätten sich verbessert. „Pflegeberufe sind besser als ihr Ruf, sie sind zukunftssicher, und die Zahl der Beschäftigten hat sich um 15 Prozent erhöht.“

Der UVB fordert leichteren Einstieg ins Lehramt für Quereinsteiger

Der UVB warb beim Senat erneut dafür, die Situation an den Schulen zu verbessern. Neben der Erhöhung der Studienplätze für Lehramtsstudenten, die allerdings erst in mehreren Jahren Ergebnisse zeitige, fordert der UVB einen leichteren Einstieg für Quereinsteiger.

Aus Sicht der Unternehmensverbände wäre es sinnvoll, auch Lehrerinnen und Lehrer mit einem Fach anzuerkennen und den Übergang in das Schulwesen zu öffnen. In den vergangenen Monaten sind auch viele Lehrerinnen aus der Ukraine nach Berlin gekommen, die aber in der Regel nur ein Fach studiert und unterrichtet haben. In Deutschland sind aber für das Lehramt zwei Studienfächer vorgeschrieben.

Von den Unternehmen erwartet der UVB, dass sie die Qualität der Ausbildung anheben und zeitgemäße Lerninhalte bieten. Dazu gehörten auch mehr individuelle Angebote an die Auszubildenden. Die Ansprüche an einen 24-jährigen Studienabbrecher seien andere als an einen 16-jährigen Schulabgänger. Von den Jugendberufsagenturen erhofft sich der UVB eine zielgerichtete Berufsberatung. Statt mit 40.000 Schulabgängern ein Mal zu sprechen, sollten sie besser 8000 junge Menschen fünfmal beraten.