Schweden

Königin Silvia von Schweden zu Gast in Wilmersdorf

| Lesedauer: 6 Minuten
Katrin Starke
Königin Silvia von Schweden mit Botschafter Per Thöresson (r. ) und Johan Wallgren, dem Kirchenratsvorsitzenden der Victoriagemeinde.

Königin Silvia von Schweden mit Botschafter Per Thöresson (r. ) und Johan Wallgren, dem Kirchenratsvorsitzenden der Victoriagemeinde.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Königin Silvia beehrt die Feier zum 100-jährigen Bestehen der schwedischen Kirchengemeinde – und verrät, welches Gebäck sie da mag.

Berlin. Anderthalb Jahre ist es her, seit Pfarrerin Pamela Garpefors die Einladung an das schwedische Königshaus geschickt hatte. Vor sechs Monaten kam die verbindliche Zusage aus Stockholm: Königin Silvia würde kommen zur Jubiläumsfeier. Und sie machte ihr Versprechen wahr: Am Sonntag nun war die schwedische Monarchin prominenter Gast bei dem Fest zum 100-jährigen Bestehen der schwedischen Kirchengemeinde in Wilmersdorf.

Die evangelisch-lutherische Victoriagemeinde, ansässig in einem Parkareal an der Landhausstraße, ist die älteste von insgesamt vier schwedischen Gemeinden in Deutschland. Gegründet wurde sie bereits 1903, doch die ersten fast 20 Jahre wurden die Gottesdienste in deutschen Kirchen abgehalten. 1922 erwarb die Gemeinde dann das Grundstück in Wilmersdorf und ließ es vom schwedischen Architekten Alfred Grenander bebauen.

Und so feierte die Gemeinde am Sonntag nicht ihr Gründungsjubiläum, sondern ihren Umzug auf das eigene Gelände und in die eigene Kirche vor exakt 100 Jahren und einem Tag. Von den einstigen Bauwerken ist heute allerdings nur noch der frei stehende Glockenturm erhalten, die übrigen Gebäude überstanden den Zweiten Weltkrieg nicht.

Königin Silvia kam mit einem Strauß weißer Rosen

Pfarrerin Garpefors war die Aufregung deutlich anzumerken. Immer wieder schaute sie auf ihre Armbanduhr, die Königin hatte ihr Eintreffen für zehn Uhr angekündigt. Doch schon zwei Stunden zuvor bildete sich vor dem Gelände in der Landhausstraße eine riesige Menschenschlange, warteten Gemeindemitglieder auf den Einlass.

„Ich bin so glücklich, dass die Königin heute dabei sein kann“, sagte Garpefors. Die Monarchin sei der schwedischen Gemeinde in Wilmersdorf seit Jahrzehnten eng verbunden, schicke regelmäßig Grüße. Doch mit einem persönlichen Besuch klappe es meist nur einmal in zehn Jahren.

Fast unbemerkt war unterdessen Königin Silvia eingetroffen. Rasch gab ein Gemeindemitglied der im Festzelt versammelten Gemeinde einen Wink, sich zu erheben. Dann stand sie plötzlich da, begleitet vom schwedischen Botschafter in Berlin, Per Thöresson, und dem Kirchenratsvorsitzenden der Victoriagemeinde, Johan Wallgren. Längst war das Thermometer über die 30-Grad-Marke geklettert, doch hatte man den Eindruck, das mache der Königin nichts aus. Über ihrem hellgrauen Kleid trug sie ein eierschalenfarbenes Jäckchen mit grau-beigem Muster, in der Hand einen kleinen Strauß aus weißen Rosen und Schleierkraut.

Die Gemeinde ist ein Stück Heimat

Die Gemeinde leiste bedeutende Arbeit für die schwedischen Menschen in Berlin, sagte die Königin. Sie biete ihnen ein Stück Heimat in Deutschland, einen Ort der Geborgenheit. Einen solchen brauche es, das wisse sie aus eigener Erfahrung. Die Kirche sei es auch, die geflüchteten Menschen aus der Ukraine Sicherheit gebe, fügte sie hinzu. Und dann erzählte sie von der Schlosskirche in Stockholm, die ihre Türen für die ukrainisch-orthodoxe Gemeinde geöffnet habe, damit die Geflüchteten ihre Messe feiern können.

Kurz verwies die Königin auf Wegmarken in der Geschichte der Gemeinde. Und sie brachte die Festgesellschaft zum Lachen, als sie sagte, ihr sei schon bewusst, dass die Gemeinde auch ein wichtiger Ort sei, um Zimtschnecken zu essen. Ihre auf Schwedisch gehaltene Rede beendete sie mit dem deutschen Satz: „Ich wünsche allen, die die schwedische und die deutsche Kultur hier in sich vereinen, ein reiches Leben – reich an Erfahrungen und Möglichkeiten.“

Johan Wallgren überreichte der Monarchin anschließend ein Jubiläumsbuch, das das rege Gemeindeleben in Fotos dokumentiert. „Ich denke, die Bilder vermitteln, dass es uns um gelebtes Miteinander geht und dass die Gemeinde für viele zu einem Zuhause geworden ist“, sagte Wallgren.

Gemeinde versteckte Gegner des Nazi-Regimes

Aktuell besteht die Gemeinde aus rund 500 Mitgliedern und Unterstützern. Es seien viele junge Leute darunter, die zum Studieren nach Berlin gekommen seien, sagte Pfarrerin Garpefors. „Zu unserer Gemeinde zählen zudem Schweden, die eine Zeitlang für schwedische Unternehmen wie beispielsweise Ikea in Berlin arbeiten“, erklärte sie.

In Vorträgen erinnerten Johan Wallgren und Johan Perwe, der Enkel des ehemaligen Pfarrers Erik Perwe, an die bewegte Geschichte der Gemeinde. Während der Zeit des Nationalsozialismus’ hatten die in der Victoriagemeinde wirkenden Pfarrer verfolgte Juden und Gegner des Nazi-Regimes versteckt und ihnen gefälschte Dokumente besorgt, um sie vor einer Verhaftung zu bewahren.

Nach Birger Forell, der von 1929 bis 1942 Pfarrer der Victoriagemeinde war, setzte Erik Perwe dessen Wirken fort – bis er am 29. November 1944 bei einem Flugzeugabsturz über der Ostsee starb. Nach dem Krieg wurden Perwe und sein Nachfolger Erik Mygren von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem zu „Gerechten der Völker“ ernannt.

Monarchin besuchte Kita und Schule

Auch nach dem Krieg machte die Gemeinde mit ihrem großen Einsatz für die Menschlichkeit von sich reden. So schmuggelte Pfarrer Heribert Jansson, der von 1950 bis 1987 in der Victoriagemeinde wirkte, nach dem Mauerbau in seinem Auto Ausreisewillige aus der DDR in den Westteil Berlins – bis er aufflog.

Heute unterhält die Gemeinde neben der schwedischen Kirche eine Kita, die derzeit 17 Kinder besuchen, und eine Grundschule mit aktuell 36 Schülern von der der ersten bis sechsten Klasse. Beides nahm Königin Silvia am Nachmittag persönlich in Augenschein.

Benannt wurde die Gemeinde seinerzeit nach der aus Baden stammenden Prinzessin Victoria (1862-1930), einer Cousine von Kaiser Wilhelm II., die durch ihre Heirat mit Gustav V. von Schweden schwedische Königin wurde. Victoria hatte die Pläne zur Gründung der Gemeinde sehr unterstützt. Übrigens: Auch die älteste Tochter von Königin Silvia trägt den Namen Victoria.