ADFC-Sternfahrt 2022

ADFC-Sternfahrt: Mit Klingeln und guter Laune durch Berlin

| Lesedauer: 5 Minuten
Dennis Meischen

30.000 Radfahrer strömten aus 18 Richtungen über für den Autoverkehr gesperrte Verkehrswege und Autobahnen zum Großen Stern.

Berlin. In diesem Jahr klappte wirklich alles wie geplant, nicht nur mit dem Wetter. Pünktlich um 14 Uhr ergoss sich am Sonntag ein Meer aus Fahrradfahrern mit Klingeln, Hupen und lauter Boxen-Musik über die für den Autoverkehr gesperrte Straße des 17. Juni und erreichte schließlich den Großen Stern in Tiergarten. Die 46. Fahrrad-Sternfahrt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Berlin (ADFC), für ihre Teilnehmer war sie ein voller Erfolg.

„Wir haben mal wieder ein deutliches Zeichen gesetzt“, sagte Nico Späti, der sich dem Zug am Bahnhof Wannsee angeschlossen hatte, „wann hat man die Straßen Berlins als Fahrradfahrer schon einmal für sich ganz allein?“. Nach dieser rhetorischen Frage drehte Späti wie viele andere auch erst mal ein paar extra Runden um die Siegessäule – um als Belohnung anschließend über das Umweltfestival des Umweltverbands „Grüne Liga“ am Brandenburger Tor zu spazieren.

75.000 Radfahrerinnen und Radfahrer bei Sternenfahrt angemeldet

75.000 Teilnehmer waren im Vorfeld vom ADFC für die Sternenfahrt angemeldet worden, allerdings zählte die Berliner Polizei am Sonntag nur 30.000. Zumindest vom Gefühl her, mochten es aber deutlich mehr gewesen sein. Aus 18 Richtungen strömten die Radfahrerinnen und Radfahrer dabei seit den frühen Morgenstunden zum Großen Stern, unter anderem über die gesperrten Stadtautobahnen Avus und A100. Zudem wurde eine kürzere Route für Familien und Kinder angeboten, einzelne Fahrrad-Trecks waren teilweise bereits in der Nacht aus Frankfurt/Oder, Leipzig, Dessau und sogar Stettin gestartet. Die politische Fahrrad-Demonstration des ADFC fand dieses Mal unter dem Motto „Rauf aufs Rad – Verkehrswende jetzt umsetzen!“ statt. Sie brachte weitreichende Sperrungen in der Innenstadt für Autofahrer und den öffentlichen Nahverkehr mit sich.

Kurz vor 12 Uhr sah es am Treffpunkt S-Bahnhof Prenzlauer Allee derweil noch eher ruhig aus. Als eine der ersten stand aber schon Juliane Hempel mit ihrem Fahrrad bereit, sich der Sternenfahrt anzuschließen. „Ich bin schon zum dritten Mal dabei“, sagte sie, sich noch mit einem Kaffee und einem Croissant stärkend, „und diesmal konnte ich auch einige Freunde überzeugen, mitzumachen.“ Besonders schön und beeindruckend finde sie es, die Möglichkeit zu haben, über die autofreie Autobahn radeln zu können. „Bei diesen Fahrten unter uns fühle ich mich als Radfahrerin endlich einmal vollkommen sicher auf Berlins Straßen“, so Hempel, „die Anzahl der Autos in der Stadt sollte auf jeden Fall reduziert werden.“

Mit Queens „Bicycle Race“ von der Prenzlauer Allee bis zum Großen Stern

Auch Angelika Gilbert startete am Sonntagmorgen gemeinsam mit ihrem Ehemann von Prenzlauer Berg aus. Beide zum zweiten Mal. „Wir finden es wichtig, dass wir als Fahrradfahrer demonstrieren, dass wir auch da und ein wichtiger Teil des städtischen Verkehrs sind“, erklärte Gilbert ihre Motivation. Zwar habe sich in den vergangenen Jahren viel für Radfahrer zum Positiven verbessert, doch sei noch deutlich Luft nach oben: „Der Auto- und der Fahrradverkehr müssten mehr von einander entzerrt, Fahrradwege breiter werden.“ Strikte Gegner des motorisierten Verkehrs seien sie aber nicht. „Ich bin gegen eine komplett autofreie Innenstadt“, so Gilbert.

Nach und nach sammelten sich indes auch an der Prenzlauer Allee über hundert Radfahrer aller Altersklassen, von Senioren bis Familien mit kleinen Kindern, einige mit und viele ohne Helm. Größere Gruppen schalteten ihre Musik-Boxen für Queens Kult-Klassiker „Bicycle Race“ ein und begrüßten sich herzlich, während der Rest sich noch mit Sonnencreme schützte oder das ein oder andere Bierchen zischte. „Bitte noch Platz für die Fußgänger lassen, ja?“, beschwerte sich eine ältere Dame, die sich offensichtlich von der plötzlichen Ansammlung beim Sonntags-Blumenkauf gestört fühlte. Zu ihrem Glück wurde sich dann alsbald auch mit Klingeln, Tröten und Hupen dem Haupt-Fahrradzug angeschlossen.

Sternenfahrt: Alles blieb friedlich

Wobei zumindest im S-Bahn Ring mehr gebremst denn gefahren wurde. Schrittgeschwindigkeit bestimmte trotz Sperrungen den Großteil der innerstädtischen Strecke, an Knotenpunkten wie dem Molkenmarkt, dem Kottbusser Tor, dem Hermannplatz oder der Neuköllner Silbersteinstraße bis zur Autobahnauffahrt staute es sich oft. Zumal, wenn sich andere Trecks mit dem Zug verschmolzen.

Der Stimmung der Teilnehmer konnte das allerdings keinen Abbruch tun, erst recht nicht beim anschließenden Radeln über die autofreie Stadtautobahn und ihre Untertunnelungen. Aus Fenstern, von Balkonen, Gehwegen, Ampeln und Autobahnbrücken wurde den Radfahrern auf der gesamten Route zugejubelt, gewunken und geklatscht, nur vereinzelt kam es zu wütenden Diskussionen mit Pkw-Fahrern, die im Stau warten mussten. Die Berliner Polizei, die die Strecken absperrte, meldete aber keine besonderen Vorkommnisse.