Pfingsten

9-Euro-Ticket: Stresstest auf dem Weg zur Ostsee

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Morgenpost-Reporter Julian Würzer fuhr am Sonnabend mit dem 9-Euro-Ticket von Berlin nach Warnemünde.

Morgenpost-Reporter Julian Würzer fuhr am Sonnabend mit dem 9-Euro-Ticket von Berlin nach Warnemünde.

Foto: Gambarini/FFS

Am ersten Wochenende mit dem 9-Euro-Ticket sind die Bahnen von Berlin nach Warnemünde überfüllt. Ein Reisebericht.

Berlin. Der Zug steht. In Kratzeburg, rund 150 Kilometer vor der Ostsee. Vor Warnemünde, dem Sylt der Berlinerinnen und Berliner. Planmäßiger Halt. Wenige Menschen steigen aus, wenige ein. Und manche stellen sich in die Türen, um zu rauchen. Sie blockieren die Lichtschranke. Am Ende schließen die Türen nicht mehr und die Regionalbahn, der RE5 nach Rostock sitzt fest. Die Minuten ticken, aus einer Minute werden zwei Minuten Wartezeit. Dann drei. Der Lautsprecher ertönt und der Lokführer spricht – seine Stimme wirkt leicht gereizt. Jeder Schaltschrank an jeder Tür müsse nun bedient werden, um die Störung zu beheben.

Da der Zug aber überfüllt sei und er nicht an den Passagieren vorbeikomme, müssen die Waggons unter Umständen geräumt werden. Im schlimmsten Fall könne er dann nur mit halber Besatzung weiterfahren. „Ich habe die Bundespolizei informiert. Wir bleiben so lange stehen, bis sie eintrifft“, sagt er. Raunen, Kopfschütteln. Ein paar wenige Menschen verlassen den Zug, die meisten bleiben sitzen – sie haben Angst, dass der Zug sonst ohne sie weiterfährt. Das erste Wochenende seit der Einführung des 9-Euro-Tickets.

Es soll eigentlich angesichts der steigenden Energiepreise und der Inflation zu finanziellen Entlastungen führen und nebenbei manche zum Umdenken anregen: Auto stehen lassen, dafür Bahn fahren – ganz im Sinne des Klimas. Ausgerechnet jetzt häufen sich die negativen Schlagzeilen der Deutschen Bahn. Am Freitagmittag entgleist eine Regionalbahn im bayerischen Garmisch-Partenkirchen. Bei dem Zugunglück ist am Sonnabendnachmittag von mindestens fünf Toten die Rede. Am Freitagnachmittag muss der Regionalzug, der RE5 in Richtung Rostock am Bahnhof Gesundbrunnen angehalten werden. Der Grund: Überfüllung. Eine Stunde steht der Zug, ehe genügend Reisende aussteigen.

Die Stimmung ist gereizt, der Kampf um die Sitzplätze hat begonnen

Doch diese Nachrichten halten am frühen Sonnabendmorgen, 6.42 Uhr, die Berlinerinnen und Berliner nicht davon ab, mit dem 9-Euro-Ticket vom Hauptbahnhof nach Warnemünde zu fahren. Als die Regionalbahn eintrifft, drängen sie sich in Fahrradrudeln auf dem Bahnsteig nach vorne, rennen von einer Tür zur nächsten. Schieben, drücken, schimpfen. „Du Depp“, sagt einer. Es ist ein Kampf um die Sitzplätze, bei dem nur der oder die Stärkere gewinnt. Eine Randnotiz des Schauspiels: Wenige Minuten zuvor fährt am gegenüberliegenden Gleis der ICE in dieselbe Richtung ab – mindestens halbleer.

Während der Zug in Berlin losfährt, ist man in Warnemünde „gut“ auf das lange Pfingstwochenende vorbereitet. Das versichert zumindest Rostocks Tourismusdirektor Matthias Fromm. Rund 2000 Strandkörbe stehen am Strand der Ostsee – für all jene, die die Hauptstadt für ein paar Stunden vergessen wollen. Auch die vielen Strandbars sind offen und Rettungsschwimmer des Deutschen Roten Kreuzes seien vor Ort um, um für Sicherheit zu sorgen. „Das 9-Euro-Ticket verstehen wir als eine Chance, vielen Gästen die Attraktivität unserer Region näher zu bringen“, sagt Fromm. Nach zwei Jahren Pandemie seien die Gastronomen und Touristiker froh, endlich wieder ihrem Tagesgeschäft nachgehen zu können. Auch Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen freut sich auf viele Gäste und auch er versichert, man sei als „Badewanne Berlins“ auf den Ansturm eingestellt. Doch er gibt zu bedenken: „Das 9-Euro-Ticket wird die Bahn sicher vor große Herausforderungen stellen.“

Den ersten Stresstest besteht die Deutsche Bahn nicht

Er soll an diesem Morgen Recht behalten. Den ersten Stresstest besteht die Deutsche Bahn nicht. Schon am Bahnhof Gesundbrunnen, der ersten Haltestelle, sagt ein Schaffner, dass keine Fahrräder mehr mitgenommen werden können, da der Zug überfüllt sei. In den Waggons türmen sich die Menschen. Kinder sitzen auf dem Boden und streiten sich um Kopfhörer und Smartphone, während Fahrgäste über sie drüber klettern. Viele stehen dicht an dicht auf den Gängen, besetzen die Treppen und blockieren die Flucht- und Rettungswege der Bahn. Nicht weil sie es wollen, sondern weil es keine andere Möglichkeit gibt. Während der gesamten Zugfahrt – planmäßig zwei Stunden und 42 Minuten – versucht der Schaffner sich erst gar nicht durch die Menschenmasse zu schieben.

In der Zwischenzeit machen vom Berliner Hauptbahnhof die nächsten Nachrichten die Runde. Eine dpa-Reporterin berichtet von einem großen Andrang auf die Regionalbahnen nach Stralsund und Rostock. Es kommt zu Verspätungen, wieder finden zahlreiche Reisende keinen Sitzplatz und stehen in den Gängen. Manche Reisende mit Fahrrädern durften gar nicht erst einsteigen. Fast die gleiche Vorstellung. Sogar Bundespolizisten müssen helfen. Es sei eine hohe Zahl von Reisenden zu verzeichnen, sagt ein Sprecher der Bundespolizeidirektion Berlin. „Wir stehen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bahn im ständigen Austausch, um deren Maßnahmen – falls erforderlich – zu unterstützen“, sagt er.

Und gegen 8.30 Uhr müssen sie dann tatsächlich unterstützen. In Kratzeburg als der Zug steht. Nur langsam steigen einige Gäste aus, der Lokführer wird von zwei Beamten von Tür zu Tür begleitet. Vor dem Zug vertreiben sich einige mit Volleyball die Zeit. Nach mehr als 45 Minuten können dann wieder alle einsteigen.

In Warnemünde empfängt man die Masse aber nicht nur mit offenen Armen. So wie etwa Jörg Wadischat. Warnemünde sei ohnehin schon überrannt, sagt der 62-Jährige. Viele Einheimische würden an Wochenenden „flüchten“. Bis tief in die Nacht klirren die Flaschen, grölen Menschen und pinkeln in die Büsche. Es wäre es besser gewesen, diesen „Versuch“ Ende des Jahres umzusetzen. „Es ist die falsche Zeit für ein 9-Euro-Ticket“, sagt er. Die Reisenden sehen das möglicherweise anders: Nach vier Stunden rollt der erste Zug aus Berlin in Rostock ein. Geschafft.