Infektionen

Affenpocken: Berlin plant Regelung zur Isolation Erkrankter

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Julian Würzer und Uta Keseling
Affenpocken in Deutschland angekommen: Das ist das seltene Virus

Affenpocken in Deutschland angekommen: Das ist das seltene Virus

Derzeit treten weltweit Fälle von Infizierten mit dem seltenen Affenpockenvirus auf. Jetzt ist das Virus auch in Deutschland aufgetaucht. Wie infektiös Affenpocken für Menschen sind, erklärt das Video.

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Menschen, die an Affenpocken erkrankt sind und deren Kontaktpersonen sollen isoliert werden. Bislang drei Fälle in Berlin.

Berlin arbeitet an einer Regelung zur Isolation von Menschen, die an Affenpocken erkrankt sind, und deren Kontaktpersonen. Nach Informationen der Berliner Morgenpost berieten darüber schon am Freitag die Amtsärzte der Berliner Bezirke. Eine offizielle Bestätigung gab es zunächst nicht. Nach Angaben der Senatsgesundheitsverwaltung gab es bis Montagnachmittag drei bestätigte Infektionen. Die Patienten befänden sich unter Beobachtung durch das zuständige Gesundheitsamt, hieß es. In Abhängigkeit von der Schwere der Krankheitszeichen würden sie in ein Krankenhaus aufgenommen. „Eine Hospitalisierung der Patienten ist bei leichtem Verlauf nicht notwendig“, so die Sprecherin.

Wie aus weiteren Informationen der Morgenpost hervorgeht, plant der Senat eine härtere Regelung zur Isolation von Kontaktpersonen als die Amtsärzte das vorsehen. Der Reinickendorfer Amtsarzt Patrick Larscheid bestätigte gegenüber der Morgenpost, dass die Amtsärzte sich zum Affenpocken-Virus ausgetauscht haben. Eine spezielle Verordnung zur Quarantäne bei Affenpocken hielt Larscheid nicht für notwendig, ebenso wenig einen eigenen Krisenstab. „Dass betroffene Patienten isoliert werden, ist durch die Infektionsschutzverordnung ohnehin vorgeschrieben.” Wie man mit Kontaktpersonen umgehe, müsse im Einzelfall entschieden werden.

Larscheid betonte, es gebe keinen Grund, bestimmte Gruppen an den Pranger zu stellen. Grundsätzlich verbreite sich das Virus durch Körperflüssigkeiten, „wie etwa bei Sex“, ob gleichgeschlechtlich oder nicht, sei irrelevant. Er gehe davon aus, dass die Fallzahlen noch stiegen, so Larscheid, „aber keinesfalls so wie beim Coronavirus“. Berlin sei gut gerüstet. „Es gibt genügend diagnostische Kapazitäten.” Als Vorsorge sei zwar derzeit kein Pocken-Impfstoff verfügbar, so Larscheid. Möglich sei aber perspektivisch eine Impfung für Kontaktpersonen: „Über eine Postexpositionsprophylaxe wird derzeit international diskutiert.“ Personen, die vor 40 oder mehr Jahren noch gegen Pocken geimpft wurden, seien bis heute gut gegen Infektion geschützt.

Weltweit sind inzwischen weit über 100 Fälle nachgewiesen, wegen der langen Inkubationszeit von bis zu drei Wochen gehen Experten von einer Vielzahl weiterer Meldungen in nächster Zeit aus.

Die britische Gesundheitsbehörde UKHSA setzte am Montag als empfohlene Quarantänezeit für enge Kontaktpersonen von Infizierten drei Wochen fest. Belgische Behörden ordnen eine 21-tägige Isolation für Infizierte an, wie eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums am Montag bestätigte. Für Kontaktpersonen gilt dies nicht, ihnen wird nur zu besonderer Vorsicht geraten. In Deutschland gibt es noch keine solchen Empfehlungen, es werde aber daran gearbeitet, teilte das Robert Koch-Institut auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Gesundheitsämter könnten aber Isolierung und Quarantäne anordnen.

Gesundheitssenatorin: Kein Grund zur Panik

Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) sagte am Wochenende, ihr Haus stünde mit Gesundheitsämtern, RKI, Charité und dem Bundesgesundheitsministerium im Austausch, „um die Berliner Bevölkerung bestmöglich vor dem Affenpockenvirus zu schützen“. Es bestehe kein Grund zur Panik, aber Grund zur Vorsicht. Viele Erkenntnisse seien noch vorläufig, weil die Erkrankung so selten sei. Expertinnen und Experten gingen jedoch davon aus, dass keine neue Pandemie zu befürchten sei.

Aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge verbreite sich das Virus weniger leicht von Mensch zu Mensch als Sars-CoV-2. „Wir müssen jetzt aber schnell und konsequent handeln, um Infektionsfälle zu erkennen und einzudämmen“, sagte Gote.

Affenpocken: Dynamik des Ausbruchs laut Charité „ungewöhnlich“

Der Klinikdirektor der Infektiologie der Charité, Leif Erik Sander, bezeichnete die Dynamik des aktuellen Affenpockenausbruchs als „ungewöhnlich“. Bis Infektionsketten und Übertragungswege besser charakterisiert und effektiv unterbrochen würden, müsse der Ausbruch daher „sehr ernst“ genommen werden. Die Infektionen seien bisher überproportional häufig bei Männern zu beobachten gewesen, vor allem nach Sexualkontakten zu anderen Männern. „Da die Infektion durch engen Hautkontakt und möglicherweise auch über Schleimhautkontakt und Tröpfchen übertragen wird, empfehle ich aktuell besondere Vorsicht und Vermeidung von engen ungeschützten Kontakten mit unbekannten Personen“, sagte Sander. Vor allem bei typischen Krankheitssymptomen sollten Kontakte beschränkt werden. Die Charité sei auf die Behandlung von Infizierten vorbereitet.

Bei dem bereits am Freitag in München nachgewiesenen ersten Fall von Affenpocken in Deutschland leidet der Patient an der milderen westafrikanischen Virusvariante. Das ergab die Genom-Analyse des Erregers am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr. Nach Angaben des bayerischen Gesundheitsministeriums ging es dabei um einen aus Brasilien stammenden 26 Jahre alten Mann, der von Portugal über Spanien nach München gereist war.

Erste Verbreitung der Affenpocken in Europa Anfang Mai

Laut RKI sind Affenpocken eine seltene, vermutlich vor allem von Nagetieren auf Menschen übertragbare Viruserkrankung. Übertragungen von Mensch zu Mensch seien zwar selten, aber möglich, vor allem bei engem Kontakt mit Körperflüssigkeiten und Sexualkontakten. Affenpockenviren seien bei Nagetieren in West- und Zentralafrika verbreitet. Beim Menschen wurden sie laut RKI erstmals 1970 in der Demokratischen Republik Kongo identifiziert.

In Europa verbreitete sich das Affenpocken-Virus von Mensch zu Mensch erstmals Anfang Mai 2022. Die ersten Fälle wurden im Vereinigten Königreich, später auch in Portugal festgestellt. Etliche Patienten hatten eigenen Angaben zufolge zuvor Sex mit Männern gehabt. Die bislang längsten Infektionsketten bei Ansteckungen mit der Affenpocken-Krankheit betrafen laut RKI sechs bis neun Personen. Weil das Virus nach derzeitigem Kenntnisstand nur bei engem Kontakt übertragen werden kann, könne man davon ausgehen, „dass der Ausbruch begrenzt“ bleibt. Eine Gefährdung für die Gesundheit der breiten Bevölkerung in Deutschland schätzt das RKI „nach derzeitigen Erkenntnissen als gering“ ein.

Symptome sind Fieber und Ausschlag am Körper

Erste Symptome der Affenpocken-Krankheit sind Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen und geschwollene Lymphknoten sowie ein Ausschlag, der häufig im Gesicht beginnt und dann auf andere Körperteile übergreift. Die meisten Infizierten erholen sich innerhalb mehrerer Wochen von der Krankheit. Ein tödlicher Verlauf ist selten.

Die Gesundheitsverwaltung ruft Personen mit den genannten Symptomen auf, sich schnell in ärztliche Behandlung zu begeben. Betroffene sollten vorsorglich eine FFP2-Schutzmaske tragen. Mögliche Kontaktpersonen von Erkrankten sollten sich beim zuständigen bezirklichen Gesundheitsamt melden, zu Hause bleiben und Kontakte mit anderen Personen einschränken. (mit Ulrich Kraetzer)

( ukr, juwue, uk )