Handwerk

Handwerkskammer: Fachkräftemangel gefährdet Klimaziele

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Joachim Fahrun
Einer muss es machen. Berlins Handwerkskammer drängt auf ein Umdenken: Weniger junge Leute sollten studieren sondern lieber direkt für den Klimaschutz arbeiten und etwa Solarzellen auf Dächer montieren

Einer muss es machen. Berlins Handwerkskammer drängt auf ein Umdenken: Weniger junge Leute sollten studieren sondern lieber direkt für den Klimaschutz arbeiten und etwa Solarzellen auf Dächer montieren

Foto: imago stock&people

Ohne mehr Installateure und Elektroniker und Bauleute wird die Energiewende nicht gelingen. Die Kammer fordert freiwilliges Klima-Jahr.

Berlin. Das Berliner Handwerk fordert von der Politik in Bund und Land verschärfte Anstrengungen, um über Image- und Werbekampagnen hinaus den gravierenden Fachkräftemangel in „Klimaberufen“ zu beheben. „Wie sollen die Ziele des Senats für den Wohnungsbau und den Klimawandel bekämpfen, erreicht werden?, fragte Handwerkskammerpräsidentin Carola Zarth am Dienstag bei der Jahres-Pressekonferenz der Kammer: „Wir haben nicht genügend Fachkräfte zur Verfügung.“

Um gegenzusteuern regte Zarth an, analog zum freiwilligen Sozialen Jahr ein freiwilliges „Klimarettungsjahr für junge Leute“ einführen. In dieser Zeit sollten sie „reinschnuppern“ könnten in jene Handwerksberufe, ohne die der klimaschonende Umbau des Gebäudebestandes und der Heizungs-Infrastruktur nicht gelingen kann. „Einer muss es machen“, sagte Zarth. So gesehen sei das Handwerk schon jetzt „die größte aktive Klimaschutzbewegung im Land. Es sei „unglaublich wichtig, junge Leute für solche Handwerksberufe zu begeistern. „Vor und nach dem Demonstrieren kommt das Installieren“, sagte die Kammer-Präsidentin mit BLick auf die Friday-for-Future-Proteste, bei denen Tausende meist junger Leute für mehr Klimaschutz auf die Straße gehen. „Wenn sich nur ein Viertel der jungen Leute bei Fridays-for-Future für einen Handwerksberuf begeistern können, würde ich mich dafür einsetzen, dass sie am Freitag frei bekommen, wenn sie „dafür von montags bis donnerstags das Klima rettet“.

Hauptgeschäftsführer Jürgen Wittke forderte ein Umdenken in der Ausbildungs- und Hochschulpolitik. Nicht mehr hohe Studienanfängerzahlen sollten von der Politik bei der Finanzierung der Hochschulen belohnt werden, sondern die Zahlen der Absolventen mit anschließenden Jobs in den für die Klimarettung relevanten Fächern der Bau-, Elektro- und Installationsbranchen. „Die Energiewende werden wir nicht bestehen, wenn alle Vergleichende Literaturwissenschaft studieren“, sagte Wittke. Der fachkräftemangel sei schon vorher da gewesen, habe sich aber durch den „Energiewende-Booster“ in Folge des russischen KRieges gegen die Ukraine in Haben gestörte Lieferketten, Verunsicherung. Fachkräftemangel war schon vorher da: mit Beschleunigung der Energiewende durch Energiewende-Booster wird der beschleunigt.

Die Politik müsse also umsteuern und auch bei den Rahmenbedingungen „heilige Kühe schlachten“. Mit bloßen Appellen werde man „nicht weiterkommen. Der Bildungsdünkel, der allein ein Hochschulstudium als lohnendes Ziel ansehe, müsse aufhören: „Sonst bleibt die Bude kalt und das Klima fliegt uns um die Ohren“, warnte der Kammer-Manager.. „Werde Teil der Lösung“, warb er mit Blick auf die jungen Leute, die sich für einen Berufsweg entscheiden müssen. „Wir empfehlen einen total guten Job in dem viele Innovationen umgesetzt werden müssen“, sagte Wittke. Es falle ihm „kein Szenario ein, in dem dass diese Branchen einbrechen“. Die Sanierungsrate der Bestandsgebäude in Berlin liege je nach Zählung zwischen 0,6 bis ein Prozent pro Jahr, jedes Gebäude werde also nur einmal in 100 Jahren angefasst. Um die Klimaziele zu erreichen, müssten es zwei oder drei Prozent sein. „Das wird nur gelingen, wenn viele sagen, Klimaschutz ist mein Ding.“, sagte Wittke.

Ganz erfolglos war das Werben um Fachkräfte in der Vergangenheit jedoch nicht. Inzwischen ist Anlagentechniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik mit 1271 Auszubildenden der begehrteste Ausbildungsberuf im Berliner Handwerk. Auch die ebenfalls klimarelevanten Elektroniker (991), Maler- und Lackierer (485) und Dachdecker (270) liegen unter den Top-Ten. Die Kammer geht davon aus, dass von den 180.000 Beschäftigten im Berliner Handwerk knapp zwei Drittel in direkten Klima-Berufen oder im Bau- oder Ausbaugewerbe tätig sind. Von den 9200 Handwerks-Auszubildenden rechnet die Kammer 6400 dem Bereich Klima zu.

Dass weitere Interessenten durch eine zu geringe Bezahlung abgeschreckt werden könnten, glaubt Kammer-Präsidentin Zarth nicht. Die Azubis verdienten ebenso viel wie etwa bei Versicherungen oder Banken. Angehende Anlagenmechaniker beginnen mit 725 Euro monatlich und erreichen im letzten Lehrjahr 925 Euro. im Bauhauptgewerbe geht es mit 868 Euro los und endet bei 1336 Euro. Dachdecker liegen dazwischen. Gesellen in diesem etwa für die Installation von Photovoltaik-Anlagen wesentlichen Beruf erhalten jedoch laut Tarif nur 19,52 Euro brutto pro Stunde, Viele Firmen böten allerdings mehr, um Leute zu finden oder zu halten, berichtet die Kammer.

Insgesamt hat das Berliner Handwerk nach der für viele Branchen schwierigen Corona-Krise wieder Tritt gefasst. Der Geschäftsklimaindex ist deutlich gestiegen. 57 Prozent der Betriebe sei es bislang gelungen, die steigenden Einkaufs- und Energiekosten auf ihre Verkaufspreise umzulegen, das sei ein Rekordwert, sagte Wittke. Allerdings belastet eine allgemeine Unsicherheit die weiteren Aussichten. Die Lieferketten seien auch in den klimarelevanten Branchen gestört. So berichteten Unternehmen, die etwa Ladesäulen für Elektroautos bauen, aber auch Sanitär-, Heizungs- und Klimatechniker oder Elektroniker von fehlenden Teiulen, Halbleitern oder Spezialmetallen. Zimmerer und Dachdecker klagten über den Holzpreis. Auch Ziegel und andere Baumaterialien seien nicht immer verfügbar,