Krabbelkiste in Pankow

Second Hand, aber mit gutem Gefühl

| Lesedauer: 5 Minuten
Sabine Flatau
Gabriela Kuddus und Steve Schelinski im Pankower Kinderladen Krabbelkiste.

Gabriela Kuddus und Steve Schelinski im Pankower Kinderladen Krabbelkiste.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

In der Pankower Krabbelkiste des Vereins SJB bekommen bedürftige Familien kostenlos Spielsachen und Kinderbekleidung.

Berlin.  Ein riesiger Elch sitzt auf dem Regal, neben ihm ein ähnlich großes Schaf. Beide Stofftiere schauen mit ihren großen Augen zur Eingangstür, durch die die Kunden der Pankower „Krabbelkiste“ eintreten. Ähnlich große Augen bekommen Kinder, wenn sie sich im Geschäft umschauen.

Spielzeug, Bälle, Puzzlespiele, Kasperle-Puppen, Holzautos, Bauklötze und Springseile sind in Regalen zu sehen. Und Stofftiere ohne Ende. Farbenfrohe Bilder hängen an den Wänden. Lampions und Papierdrachen baumeln an der Decke. Etwa 50.000 Artikel seien im Laden aufgebaut, schätzt Michael Spreen. Er ist Verwaltungsmitarbeiter beim Verein Senioren-, Jugend- und Bildungsnetzwerk e.V., der die „Krabbelkiste“, betreibt. Sie befindet sich an der Hauptstraße in Wilhelmsruh. Was dort ausgestellt ist, bekommen bedürftige Kinder. Familien, die auf Hartz-IV angewiesen sind, können die Waren kostenlos mitnehmen. Nicht nur Spielsachen. Gut sortiert sind auch Kleidung und Schuhe für Mädchen und Jungen in verschiedenen Größen. Vom Strampelanzug über Jacken, Shirts, Hosen, Sportoberteile, Pullover, Strickjacken bis zu Schlafanzügen– alles ist sorgsam zusammengefaltet und geordnet.

„Es ist schwer genug für Menschen, irgendwohin zu gehen und sich gespendete Sachen geben zu lassen“, sagt Steve Schelinski, Projektkoordinator im SJB e.V. „Dann sollen sie auch ein gutes Gefühl haben. Deshalb sieht es hier aus wie im Second-Hand-Laden und nicht wie in der Kleiderkammer.“ Das ist auch denen zu danken, die gut erhaltene Kleidung und Spielsachen bei der Krabbelkiste abgeben. „Die Spendenbereitschaft der Berliner, gerade der Bessergestellten, ist enorm“, sagt Steve Schelinski. „Das ist toll.“

Die Spenden kommen in Kisten oder Säcken an. Drei Mitarbeiter des Ladens sehen sie genau durch. „Wenn einer von ihnen sagt, ‚das ist nicht mehr schön‘, dann tun wir es lieber weg“, so der Projektkoordinator. „Weil wir wollen, dass die Leute tolle Sachen kriegen.“ Die Kleidungsstücke werden gewaschen, bevor sie ins Regal kommen. „Es wird auch geguckt, ob irgendwo was genäht werden muss, oder eine kleine Ausbesserung nötig ist.“

Dass der Laden diese Ausstrahlung hat, liegt auch an denen, die dort arbeiten. Sie waren lange Zeit arbeitslos und nehmen nun an einem Arbeitsgelegenheitsprojekt teil, das vom Jobcenter gefördert wird. „Wir als Träger lassen sie gern eigenverantwortlich arbeiten, weil wir ihnen das Gefühl geben möchten: Das ist unser Laden hier“, sagt Steve Schelinski. Angeleitet werden die Projektteilnehmer von Michael Spreen. „Sie können ihre Ideen einbringen“, sagt er, und ist von ihrer Arbeit im Laden sehr angetan. „Das machen sie super.“ Zwei Euro pro Stunde verdienen die Projektteilnehmer. Wöchentlich arbeiten sie bis zu 30 Stunden in der „Krabbelkiste“. Doch es geht nicht nur ums Geld. „Es ist die Hauptsache, die Menschen wieder zu aktivieren. Morgens aufzustehen, herzukommen. Da haben wir in unserem Träger Glück“, sagt Steve Schelinski. „Die Leute kommen gern und machen die Arbeit gern. Das hängt mit der Atmos-phäre zusammen.“ Das trifft für Gabriela Kuddus auf jeden Fall zu.

Langzeitarbeitslose sollen wieder aktiviert werden

„Ich bin jetzt fast zwei Jahre hier“, erzählt die 54-Jährige. „Mir macht es Spaß.“ Durch die Arbeit habe sie abgenommen, mehr als zehn Kilo, erzählt sie. „Ich habe mehrere Kinder und war sonst immer zu Hause. Jetzt bin ich auch mal unter Menschen, die mein Alter haben.“ Auch das Miteinander der Projektteilnehmer gefällt ihr. „Das ist richtig super. Wir verstehen uns alle, jeder ist für den anderen da. Ich freue mich darauf, herzukommen.“ Ziel des Vereins ist es, durch seine Projekte Langzeitarbeitslose zu integrieren.

Insgesamt sind 80 Menschen in acht Projekten des SJB e.V. beschäftigt. Darunter bei „Zielfoto Berlin“. Die Teilnehmer haben in den vergangenen Jahren Fotos in Neukölln gemacht. „Sie haben den Bezirk in allen Formen und Farben durch ihre Bilder dokumentiert“, sagt Steve Schelinski. Denkmäler, Häuser, Straßen, Parks, Tiere und Pflanzen sind auf den Fotos zu sehen. Daraus ist eine Internetausstellung entstanden (zielfoto-berlin.de). „Das Tolle daran ist“, so der Projektkoordinator, „dass Menschen dabei sind, die vorher nie einen Fotoapparat in der Hand hatten.“ Auch eine Schüler-Onlinezeitung, der „Teddybote“, ist ein Projekt des SJB e.V., in dem Langzeitarbeitslose beschäftigt sind. Es wird ebenfalls vom Jobcenter gefördert. Andere Projekte betreibt der Verein ohne Förderung, darunter die Internetplattform „Kinder in Bewegung“, auf der sich Berliner Sportvereine präsentieren. Der SJB e.V. ist auf Spenden angewiesen.