Energiepolitik

Gas-Tarif: Gasag hält bis Jahresende die Preise

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Joachim Fahrun
Habeck sieht Deutschland bei Energie-Unabhängigkeit auf gutem Weg

Habeck sieht Deutschland bei Energie-Unabhängigkeit auf gutem Weg

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sieht Deutschland bei der Unabhängigkeit von Energie aus Russland auf einem guten Weg. So wären nach seinen Worten Ausfälle beim Öl verkraftbar, bei Erdgas sei die Abhängigkeit weiter deutlich gesunken, von 55 vor dem Ukraine-Krieg auf inzwischen 35 Prozent.

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Berlins größter Gasversorger Gasag will seine Tarife im laufenden Jahr nicht mehr erhöhen. Ab 2023 drohen jedoch Preissteigerungen.

Berlin. Trotz massiver Preissteigerungen für Energie, und insbesondere für Erdgas, will Berlins größter Gasversorger Gasag seine Tarife im laufenden Jahr nicht mehr erhöhen, nachdem die Preise bereits zu Jahresbeginn und noch einmal zum 1. Mai deutlich hochgesetzt wurden. „Das war die letzte Preissteigerung in diesem Jahr“, sagte Gasag-Vertriebsvorstand Matthias Trunk.

Für die Zeit ab 2023 wollen die Gasag-Manager aber keine Preis-Prognose abgeben. Sie verweisen aber auf die „nachhaltig“ gestiegenen Einkaufspreise, die auch vor dem russischen Angriff auf die Ukraine im vierten Quartal 2021 in die Höhe geschossen seien.

Gas koste inzwischen in den Spitzen 250 Euro pro Megawattstunde und im Mittel etwa viermal so viel wie vor einem Jahr. Derzeit kaufe man die Mengenkontingente für 2024 und 2025 ein. Man werde gleichwohl versuchen, gerade die Preise für die Haushaltskunden so niedrig wie irgendmöglich zu halten, sagte Gasag-Chef Georg Friedrichs. Das Ziel sei, es nicht zu mehr Gassperren in Berlin kommen zu lassen. Wie stark die nächste Preiserhöhung ausfällt, werde im Oktober entschieden, hieß es.

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Gasag treibt Umrüstung auf Wasserstoff voran

Dass die Stadt kurzfristig auf Gas als Energieträger verzichten könnte, sehen die Gasag-Manager nicht. 44 Prozent der Berliner Wärme wird direkt aus Gas gewonnen, auch das Drittel, das die Fernwärme liefert, stammt zu fast 70 Prozent aus Gas. Bisher laufe die Versorgung auch über die Pipelines aus Russland normal und störungsfrei.

Friedrichs warnte vor dem Eindruck, ein Ausstieg aus russischen Gaslieferungen sei ein Verzicht auf Erdgas an sich. Diesen strebt die Gasag für 2040 an und möchte bis dahin ihr Gasnetz für den Transport von Wasserstoff ertüchtigen. Bisher seien schon drei Viertel der Leitungen dafür geeignet. Ohne Wasserstoff werde die Wärmewende nicht gelingen, sagte Friedrichs.

Die Gasag, die trotz der Turbulenzen auf den Energiemärkten 2021 wieder mit einem Plus von 116 Millionen Euro abschloss, setzt für die Zukunft auf grünen Wasserstoff, der aus Ökostrom gewonnen wird. Ohne eine Infrastruktur aus Leitungen, die das Gas H2 transportieren kann, würden vor allem die größeren Verbraucher ihren Energiebedarf nicht befriedigen können. Deshalb halten sie auch das von ihnen betriebene Berliner Gasnetz in einer erneuerten Form für einen wesentlichen Baustein der Wärmewende in der Stadt, auch wenn das vor allem in den Reihen der Grünen viele bezweifeln.

Aber laut Friedrichs sind die neueren Leitungen aus Plastikrohren bereits tauglich für Wasserstoff. Drei Viertel der Gasrohre in der Stadt seien geeignet für H2. Bis 2030 sei es möglich, die großen Kraftwerke ans Europäische Wasserstoffnetz anzuschließen. Das noch mit Kohle befeuerte Kraftwerk Reuter könnte von Westen her ab 2026 mit einer später auch für Wasserstoff nutzbaren Gasleitung erschlossen werden. Die Kraftwerke Mitte, Klingenberg und Marzahn könnten Wasserstoff über die Gasübernahmestation Blumberg nordöstlich der Stadt beziehen. Damit könnten in wenigen Jahren fast 40 Prozent des in Berlin verbrauchten Gases dekarbonisiert sein. Bis 2035 könnten alle Großverbraucher mit einer Kapazität von mehr als 30 Megawatt auf Wasserstoff umgestellt werden. Das brächte weitere 20 Prozent ein.

Bei der Gasag gehen sie davon aus, dass das Gasnetz insgesamt schrumpfen wird. Sie rechnen auch damit, viele Gaskunden zu verlieren. Denn allein für die 100.000 Haushalte, die Gas nur zum Kochen verwenden, werde es in wenigen Jahren schlicht kein Angebot mehr geben. Allerdings hoffen die Manager, die Kunden mit anderen Angeboten wie kompletten Energiekonzepten, Photovoltaik-Anlagen, Wärmepumpen oder Geothermie halten zu können. Die Nachfrage nach regenerativen Energie sei stark gestiegen, heißt es.

Gasag: Es braucht eine bessere Koordination der Planungen durch den Senat

Um die Stadt wirklich klimaneutral zu machen braucht es aus Sicht der Energiemanager aber eine bessere Koordination der Planungen durch den Senat. Welches Viertel soll ans Fernwärmenetz angeschlossen werden? Wo ist Wasserstoff die beste Lösung? Und wo sind dezentrale Systeme geeignet, wo wird künftig mit Strom geheizt, wo funktioniert Erdwärme?

Mehrfach sprach Friedrichs von einem „Puzzle“ in Berlin, das aus mehreren Energieanbietern, Interessen und Akteuren bestehe, die alle zusammenarbeiten müssten. Auch wegen dieser Strukturen ist es in Berlin schwieriger als anderswo, die Stadt klimaneutral umzubauen. Auch deshalb wird derzeit von der Politik erwogen, sowohl die Gasag als auch das Fernwärmesystem von Vattenfall zu kaufen.

Vor allem die Altbauten sind die große Herausforderung für die Wärmewende. Es fehle vor allem an Fachkräften, um diese vielen Anlagen zu planen und zu installieren. Dennoch habe die Gasag Schwierigkeiten, ihre zusätzlich geschaffenen Ausbildungsplätze für Installateure zu besetzen.

Neubauquartiere klimaneutral zu machen, ist hingegen die leichtere Übung. Ein Vorzeigeprojekt für die Gasag wird die Insel Gartenfeld. In Spandau werden auf 31 Hektar Wohn- und Arbeitsräume für 10.000 Menschen entstehen. 2,4 Milliarden Euro investieren verschiedene Bauherren. 23 Millionen Euro steckt die Gasag in die Energieinfrastruktur. Dort sind überall Wärmepumpen, Photovoltaik-Anlagen und mit Biomethan betriebene Blockheizkraftwerke vorgesehen.