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9-Euro-Ticket könnte Berlin-Tourismus helfen

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In den kommenden Wochen dürften wieder deutlich mehr Touristen auf Berlins Straßen unterwegs sein.

In den kommenden Wochen dürften wieder deutlich mehr Touristen auf Berlins Straßen unterwegs sein.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

„Visit Berlin“-Chef Kieker rechnet mit Sonderkonjunktur wegen des günstigen Nahverkehrsangebots. Buchungen ziehen bereits wieder an.

Berlin. Tourismusexperten rechnen mit einem starken Wiederaufleben von Berlin-Reisen in den kommenden Wochen. Dazu beitragen könnte auch das neue, günstige Nahverkehrsangebot. „Das 9-Euro-Ticket könnte dem Berlin-Tourismus eine Sonderkonjunktur bringen“, sagte der Chef der Tourismusagentur „Visit Berlin“, Burkhard Kieker, der Berliner Morgenpost. Derzeit werde zwar vor allem über die Nordseeinsel Sylt als Reiseziel debattiert, aber auch die deutsche Hauptstadt sei mit Regionalzügen gut zu erreichen.

„Da man gleichzeitig mit dem Ticket auch noch durch Berlin fahren kann, ist das ein wirklich gutes Angebot“, befand Kieker. Er kündigte auch an, dass „Visit Berlin“ derzeit an einer Kampagne arbeite. Auf Social Media werde man noch gezielter für Reisen mit dem 9-Euro-Ticket in die Hauptstadt werben, sagte er. Auch der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga hatte sich zuvor bereits optimistisch mit Blick auf die künftige Auslastung der Hotels geäußert.

Kieker sagte weiter, er habe zuletzt schon eine deutliche Belebung bei Berlin-Reisen gesehen. Ostern haben man lediglich bei den Buchungszahlen lediglich 16 Prozent unter denen des Rekordjahres 2019 gelegen. „Auch die Raten ziehen an, es können von den Hoteliers wieder bessere Preise erzielt werden“, so Kieker, der das aber auch damit begründete, dass Berlin im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit rund zehn Prozent der Beherbergungsangebote verloren habe.

Berlin-Tourismus: Himmelfahrt und Pfingsten könnte viele Menschen in die Stadt ziehen

Im März waren aktuellen Zahlen des Amts für Statistik zufolge 704 Beherbergungsstätten mit mindestens zehn Betten geöffnet. Sie boten insgesamt rund 138.000 Betten an. Die durchschnittliche Auslastung der Schlafgelegenheiten in den ersten drei Monaten dieses Jahres betrug 29 Prozent. Das war noch deutlich weniger als drei Jahre zuvor: 2019 habe die Auslastung den Statistikern zufolge in dem Zeitraum bei 53,4 Prozent gelegen. Auch die Zahl der Übernachtungen lag zwischen Januar und Ende März noch nicht auf Vor-Pandemie-Niveau. Gezählt wurden 3,5 Millionen Übernachtungen – und damit etwa die Hälfte weniger als im Vergleichszeitraum 2019.

Berlins Hotel- und Gaststättenbranche hatte in dieser Woche Christian Andresen als Präsident des Branchenverbands Dehoga bestätigt. Er dürfte nun auch darauf setzen, dass neben den Feiertagen Himmelfahrt und Pfingsten auch viele Veranstaltungen Menschen in die Stadt ziehen. Im Juni sind zum Beispiel das Greentech Festival im ehemaligen Flughafen Tegel und die Special Olympics geplant. Außerdem beginnt der Kultursommer, der an 90 Tagen und 90 Orten 90 Veranstaltungen biete. Viele sind auch neugierig auf Neues, wie etwa das Humboldt Forum, die Kinderwelt im Jüdischen Museum oder das Samurai-Museum.

„Visit Berlin“ geht von 25 Millionen Übernachtungen in diesem Jahr aus

„Visit Berlin“-Chef Kieker sagte, der Morgenpost, er gehe davon aus, dass sich der Berlin-Tourismus in diesem Jahr bei etwa 65 bis 70 Prozent des Niveaus von 2019 einpendele. „Wir rechnen mit ungefähr 25 Millionen Übernachtungen in diesem Jahr. Das gilt natürlich unter der Voraussetzung, dass der Krieg in der Ukraine nicht weiter eskaliert und dass nicht neue, böse Varianten des Coronavirus auftauchen“, erklärte er. Kieker stimmt dabei auch zuversichtlich, dass Berlin während der Pandemie nichts von seiner Attraktivität hat einbüßen müssen. Er sprach ein großes Lob an die Politik aus, dass es gelungen sei, große Teile der Besucherökonomie und der Kultur über die Pandemie zu retten. Das sehe in anderen Städten Europas mitunter ganz anders aus.

Der Schwerpunkt der ausländischen Besucher habe sich auf Nachbarländer verschoben, die mit dem Zug anreisen könnten. Aber auch Übersee-Gäste würden wieder stärker Berlin als Reiseziel in den Blick nehmen. Kieker zufolge stiegen die Aufrufe des Internetangebots von „Visit Berlin“ aus den USA zuletzt um 40 Prozent. Und auch aus Brasilien bemerke man reges Interesse. „Das ist im Moment so viel, dass man wohl bequem fünf- bis siebenmal die Woche einen Linienflug von und nach São Paulo vom BER aus füllen könnte“, sagte Berlins oberster Tourismuswerber. Gemeinhin gebe es aus seiner Sicht aber noch immer viel zu wenig Interkontinentalverbindungen von und zum Hauptstadtflughafen. Dass United die Verbindung nach New York wiederaufgenommen habe, habe zwar geholfen. Die Ankündigung der Airline, zunächst auf die Direktverbindung BER – Washington zu verzichten, sei aber eine Enttäuschung gewesen. „Ich glaube, dass sich das schon jetzt als Fehlentscheidung erweist.“

FDP fordert neue Tourismusmarketing-Kampagne

Berlins Wirtschaftssenator Stephan Schwarz (parteilos, für SPD) sagte, die Menschen hätten Lust auf Berlin. „Unsere Anziehungskraft ist ungebrochen und das tut der ganzen Stadt gut. Aber wir ruhen uns nicht darauf aus. Wir unterstützen die Tourismusbranche gezielt beim Neustart und werben gemeinsam weltweit für das vielfältige Angebot in unserer Stadt, das auch in den Bezirken jenseits der bekannten Touristenpfade eine Menge zu bieten hat“, so Schwarz.

Von der Opposition hieß es hingegen, es dürfe mit Blick auf Hilfsprogramme nicht bei „bloßen Ankündigungen“ bleiben. „Die Maßnahmen zur Unterstützung von Tourismus und Gastgewerbe müssen schnell umgesetzt werden, denn der Tourismus in Berlin ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und muss wieder gestärkt werden“, forderte der Sprecher für Tourismus der FDP-Fraktion, Christian Wolf. Dem Image von Berlin als Metropole der Freiheit müsse national und international wieder stärker Gewicht verliehen werden. Dafür brauche es auch eine „starke Kampagne“, so Wolf.