Verkehr

Innung fürchtet weiteres Taxi-Sterben in Berlin

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Leszek Nadolski, Taxifahrer und Vorsitzender der Berliner Taxi-Innung, sorgt sich um seine Branche, denkt aber auch an die Zukunft.

Leszek Nadolski, Taxifahrer und Vorsitzender der Berliner Taxi-Innung, sorgt sich um seine Branche, denkt aber auch an die Zukunft.

Foto: Christophe Gateau / dpa

Corona, steigende Spritpreise, billigere Konkurrenz: Branche kämpft um Existenz und sucht Antworten zur Mobilität der Zukunft.

Berlin. Seit Beginn der Corona-Krise sind nach Angaben der Taxi-Innung in Berlin mehr als 2000 Fahrzeuge aufgegeben worden. Nun plagen die Branche die steigenden Spritpreise und die billigere Konkurrenz durch Mietwagenvermittler wie Uber und Free Now. Leszek Nadolski, der Innungsvorsitzende, konnte am Donnerstagvormittag trotz der Sorgen um seine Branche noch lachen. Nadolski hat ein Konzept entwickelt, mit dem innerhalb der nächsten fünf Jahre rund 4000 Berliner Taxen elektrifiziert werden können. Das Papier mit sechs Punkten hat er passenderweise „Nadolski-Plan“ genannt. Seine Frau habe ihn deswegen bereits ausgelacht, gab er zu. Aber es gehe ihm um den Inhalt.

Nadolski sagte, es sei an der Zeit die Mobilitätswende selbst in die Hand zu nehmen. 40.000 Elektrofahrzeuge und 2000 Ladesäulen gebe es stadtweit. Zu wenig, kritisierte er. Und es sei auch nicht erkennbar, wie es der Politik gelingen könne, schnell die Zahl zu erhöhen. Ohnehin: Ladesäulen seien für seine Leute nicht praktikabel, schließlich könne sich kein Taxifahrer mehrere Leerstunden am Tag leisten, um sein Fahrzeug wieder aufzuladen. Nadolskis Lösung sind deshalb Batteriewechselstationen. Innerhalb von zwei, drei Minuten sei der Akku getauscht, dann könne die Fahrt weitergehen, sagte Nadolski. Als Partner kämen zum Beispiel Tankstellen infrage. Das Land müsste lediglich für die entsprechenden Stromanschlüsse sorgen. Den Rest, so Nadolski, würden die Energiekonzerne übernehmen. Schließlich müssten auch die weg von fossilen Brennstoffen.

Mindestlohnerhöhung auf zwölf Euro erhöht den Druck auf die Branche

Damit Nadolskis Vision nicht als Zukunftsmusik verhallt, müsste es in ein paar Jahren aber überhaupt noch Taxifahrer in Berlin geben. Doch innerhalb der Branche sorgt man sich. Die Innung sieht die Daseinsvorsorge für die Bevölkerung mit den hellelfenbeinfarbenen Fahrzeugen gefährdet. Derzeit verliere man bis zu zwei Taxen am Tag, die von den bisherigen Betreibern stillgelegt würden. Leicht könnten so rund 500 weitere Taxen in diesem Jahr vom Markt gehen. Erstmals würden in Berlin dann weniger als 5000 dieser zum ÖPNV gehörenden Fahrzeuge verfügbar sein.

Dazu könnten laut Nadolski auch die zwei geplanten Schritte zur Erhöhung des Mindestlohns in diesem Jahr beitragen. Ende 2022 soll die Lohnuntergrenze dann bei zwölf Euro liegen. Um das auffangen zu können, bräucht es eine Anpassung bei den Tarifen. Dazu gebe es Gespräche mit dem Land. In Aussicht steht zunächst eine Erhöhung um gut zwölf Prozent. Das sei Nadolski zufolge aber nicht ausreichend.

Verband: Städte müssten Mietwagen-Anbieter regulieren

Mit Blick auf die Konkurrenz durch Mietwagen-Vermittlungsplattformen wie Uber und Free Now sieht die Berliner Branche vor allem die Behörden gefragt, geltende Gesetze auch durchzusetzen. Mietwagen müssen gemeinhin nach einem Auftrag zum Betriebssitz zurückfahren, vielfach werde das aber nicht gemacht, sondern im Stadtgebiet auf den nächsten Fahrgast gewartet, kritisierte Hermann Waldner, Vizepräsident des Bundesverbands Taxi- und Mietwagen und Geschäftsführer der Funkzentrale Taxi Berlin. „Das kann man in Berlin so frech und schamlos machen, weil einfach nicht kontrolliert wird“, so Waldner weiter. Gleichzeitig seien die Anbieter völlig frei in der Preisgestaltung und könnten deshalb die an Tarife gebundenen Taxen stets leicht unterbieten. Den Kunden könne man das gar nicht verdenken. Schließlich wolle jeder sparen, so der Verbandsvertreter.

Die Taxi-Lobby hofft nun auch auf ein stärkeres Eingreifen der Kommunen in Sachen Mietwagen. Das im Bund kürzlich novellierte Personenbeförderungsgesetz habe den Städten einen Instrumentenkasten hingelegt, um Märkte lokal zu regulieren. „Dieser Instrumentenkasten wird gerade staubig“, monierte Michael Oppermann, Geschäftsführer des Bundesverbands Taxi und Mietwagen. In Berlin stehe dies dem Anspruch des Senats entgegen, die Mobilität gestalten zu wollen. Bei einer weiteren Verdrängung von Taxen könne sich das auch auf den Geldbeutel der Fahrgäste auswirken. Plattformen würden dann rasend schnell reagieren können. „In Europa haben wir teilweise gesehen, wie sich die Preise dann verdoppelt haben“, sagte Leszek Nadolski.

Erste reguläre Batteriewechselstation soll am BER entstehen

In Berlin, wo sich die Zahl der Mietwagen zuletzt auf 4000 erhöht und damit mehr als verdoppelt habe, hofft man nun auf einen Eingriff durch den Staat. Mindestpreise für Mietwagen wäre eine gute Sache, so der Verband. Für Taxen will die Branchenvertretung endlich die Möglichkeit, Fahrgästen Festpreise anzeigen zu lassen. Zudem forderte die Branche auch, aus Mitteln für den ÖPNV finanziert zu werden. Derzeit seien die Taxen der einzige Teil des öffentlichen Nahverkehrs, der sich allein über Fahrgasteinnahmen über Wasser halten müsse.

Ein Teil der Zukunft des Taxigewerbes steht am Donnerstag bereits vor einem Kornspeicher auf dem Berliner Westhafengelände. Die dortige Batteriewechselstation ist ein Pilotprojekt des Berliner Unternehmens Inframobility-Dianba. In der Stadt gibt es derzeit bereits eine Handvoll Autos, die so die Akkus tauschen können. Zahlreiche weitere sollen folgen. Eine erste Batteriewechselstation werde Firmenangaben zufolge in Kooperation mit einem Mineralölkonzern am Jahresende am Flughafen BER in Schönefeld eröffnet, eine weitere in Spandau. Insgesamt seien bislang sieben solcher Stationen geplant.