Von Berlin nach Kiew

Warum Menschen mit Flixbus ins Kriegsgebiet fahren

| Lesedauer: 9 Minuten
Seit einer Woche fährt der Busbetreiber Flixbus wieder von Berlin nach Kiew. Eine Fahrt kostet rund 50 Euro.

Seit einer Woche fährt der Busbetreiber Flixbus wieder von Berlin nach Kiew. Eine Fahrt kostet rund 50 Euro.

Foto: Maurizio Gambarini / Funke Foto Service

Seit Dienstag fährt der Busbetreiber Flixbus wieder von Berlin in die Ukraine. Fünf Fahrgäste erzählen, warum sie dorthin wollen.

Berlin/Warschau. Nach mehr als einem Monat in Berlin wollen Nina und Nikolaj wieder durch ihren Garten streifen, an einer Stelle die Erde aufwühlen, und Kartoffeln aussäen, die sie noch vor dem kalten Herbst in der Ukraine ernten wollen. Das Ehepaar, beide sind 63 Jahre alt, haben den größten Teil ihres Lebens in ihrem Haus mit Garten in Schytomyr, knapp zwei Stunden Fahrzeit von Kiew entfernt verbracht. Doch nachdem Russland in die Ukraine einmarschiert ist, bittet sie ihre Tochter und der Ehemann, nach Deutschland zu kommen.

Nun haben sie wieder ihre Koffer gepackt. Die Tochter und der Ehemann, die Nina und Nikolaj an diesem frühen Nachmittag zum Bussteig am Zentralen Omnibusbahnhof in Berlin begleiten, sagen, sie würden in ihre Heimat wollen. Natürlich sei dort Krieg und sie besorgt, aber in dem Ort sei es nicht so gefährlich wie im Südosten des Landes. Während sie sich umarmen und auf Wiedersehen sagen, greifen die anderen Passagiere ihre Koffer und hieven sie in den Gepäckraum des grünen Busses. Der Fahrer scannt die Tickets, dann nehmen die Gäste ihre Plätze ein. Die Fahrt verläuft über Frankfurt (Oder) nach Warschau, wo sie in den Bus nach Lutsk, Rivne, Schytomyr und schließlich Kiew umsteigen.

Ukraine-Krise – Die wichtigsten News zum Krieg

Flixbus von Berlin nach Kiew kostet rund 50 Euro

Seit vergangenem Dienstag bietet der Busbetreiber Flixbus wieder Fahrten in die Ukraine an. Im Schnitt kostet eine Fahrt nach Kiew rund 50 Euro, kann aber aufgrund unterschiedlicher Abfahrtzeiten um ein paar Euro variieren. Die Routen waren wenige Tage nach Beginn des russischen Angriffskrieges eingestellt worden. Als die bis dahin letzten Busse fuhren, waren es vor allem Menschen, die ihr Land unterstützen wollten – Männer auf der Reise in den Krieg, freiwillige Helfer und Helferinnen auf der Reise ins Ungewisse. An diesem Donnerstag ist das anders.

Ruckelnd fährt der Bus an und langsam verschwinden die dunkelgrünen Dächer des Busbahnhofs aus dem Blickfeld der Heckscheibe. 24 Menschen, von denen nur ein Bruchteil in die Ukraine fährt, richten sich auf ihren Plätzen ein. Einige lehnen ihre Stühle zurück, ein Passagier packt seinen Laptop auf die Ablage vor ihm und ein anderer setzt seine Kopfhörer auf und schließt die Augen. Auch Nikolaj und Nina versuchen in den ersten beiden Reihen etwas Schlaf zu finden. Sie gehören zu den rund 20.000 Menschen täglich, die über Polen in die Ukraine reisen werden, um ihr Land zu erreichen. In dem Bus haben an jedem Sitzplatz Menschen eine Geschichte zu erzählen, sie handeln von Liebe zu ihrer Freundin, Sorge um ihre Familien oder dem Wunsch wieder nach Hause zu kommen.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Oder, wie auf dem Platz 6B, von Ungewissheit. Svitlana hat die ersten Tage des Kriegs in der Ukraine miterlebt. Mit finsterer Mine erzählt sie, wie Raketen über Kiew fielen, sie bis zu achtmal am Tag die Sirenen kreischen hörte und dann in den Untergrund verschwand, um Schutz zu suchen. Sie fällt auf in dem Bus, da die 33-Jährige mit dem braunen Haar die einzige ist, die einen Hund auf ihrem Schoß hält. Sie sagt, in diesen Tagen sei ihr eigentliches Leben nicht mehr wiederzuerkennen gewesen. Vor dem Krieg habe sie ein „friedliches und glückliches“ Leben gehabt. Sie ging gerne mit Freunden in ein Kaffee in ihrem Bezirk, verbrachte viel Zeit mit ihrem Hund in den vielen schönen Parks, die Kiew zu bieten habe. „Außerdem herrscht bei uns Demokratie und Freiheit – Dinge, die die Russen nicht verstehen“, sagt sie. Als die Situation sich zunächst zuspitzte, floh sie in die Tschechische Republik, dann nach Berlin. Doch sie sehe es nicht ein, nur weil jemand wie Putin Großmachtfantasien habe, nicht in ihr Heimatland zurückzukehren.

„Ich hasse die Russen, aber sie sollten Angst vor unserer Armee haben“

Während Svitlana Details aus ihrem Leben erzählt, ploppen auf dem Smartphone erste Nachrichten darüber auf, dass Russland nach fast zwei Monaten die umkämpfte Hafenstadt Mariupol eingenommen hat. Nur noch das Stahlwerk der Fabrik Azovstal, in dem ukrainische Soldaten und Zivilisten ausharren, soll abgeriegelt werden.

Angesprochen darauf, ob sie Angst habe, zurück in die Ukraine zu fahren, zeigt sie einen entschlossenen Gesichtsausdruck. „Ich hasse die Russen, aber sie sollten Angst vor unserer Armee haben.“ Fast stolz sagt sie, dass sie zwar keinen Umgang mit der Waffe lernen werde, aber viel Geld spenden will, um ihr Land zu unterstützen. Svitlana streichelt ihren Hund, der etwas unruhig auf ihrem Schoß wird. Sie sagt, sie hoffe und bete jeden Tag, dass die „verdammten Russen“ aus ihrem Land verschwinden, dass ihr Apartment im Zentrum der Stadt noch steht. „Die letzten Freunde in meiner Umgebung haben das Land verlassen, ich weiß nicht, ob es völlig zerstört ist.“ Dann wendet sie sich ihrem Hund und ihrem Smartphone zu.

Doch es reisen nicht nur Menschen wie Nina und Nikolaj oder Svitlana in die Ukraine, um dort ihr Leben wieder aufzubauen. Nur ein paar Bänke hinter Svitlana, auf Platz 8A sitzt Dana, die ihre Katze vom Tierarzt abholen und nach ihrem Elternhaus sehen will. Ihrer Familie habe sie davon nichts erzählt, sondern sich einfach in den Zug von Augsburg nach Berlin gesetzt, um dann mit dem Bus nach Kiew zu fahren. Die 22-Jährige sagt, dass ihre Familie nach Beginn des Kriegs innerhalb einer Stunde entschieden habe, das Land zu verlassen. Bekannte hätten nach ihrem Haustier geschaut und es zum Doktor gebracht, während sie ein Martyrium durchlebte.

Ihre Familie sei soweit an die Grenze gefahren, bis die Autos nicht mehr weiterkamen. „Wir hatten nur eine Wasserflasche und nichts zu essen und haben uns drei Tage lang bis zur Grenze geschleppt“, sagt sie. Dann füllen sich ihre Augen mit Tränen. „Ich hatte ein Leben.“ In einem halben Jahr wollte sie mit ihrem Jurastudium fertig sein, um dann zu arbeiten. Nun lebe sie in einer kleinen Wohnung in Augsburg und verdiene als Hilfskraft ihr Geld. „Wenn mich dieser Krieg eines gelehrt hat, dann, dass alles was man hat, morgen nichtig sein kann.“

Der Bus hat schon längst die Grenze an Frankfurt (Oder) nach Polen überquert. Draußen verschwindet langsam das Tageslicht, die Sonne färbt sich orangefarben und der Busfahrer lenkt auf einen Rastplatz. „Fünf Minuten Pause“, sagt er über die Lautsprecher.

Er will seine Freundin und ihren Sohn aus Lwiw holen

Svitlana führt ihren Hund kurz aus, Nikolaj und Nina schlafen noch, Dana bleibt sitzen. Da beginnt Vilmantas zu reden. „Ich fahre auch in die Ukraine“, sagt er und pafft dabei an einer Zigarette. Vilmantas, ein Mann wie ein Baum, setzt sich nach der Pause auf seinen Platz, 11C, und beginnt seine Geschichte zu erzählen. Er wohne in Kopenhagen, sei aber aus Litauen. Mit dem Bus will er zunächst zu seinen Eltern fahren. „Den Rasen mähen und ein paar Reparaturen am Haus machen, sie sind schon alt“, sagt er. Dann wolle er ihr Auto nehmen und seine Freundin und ihren Sohn aus der Ukraine holen. Sie wohne in der Nähe von Lwiw, rund 70 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Er sagt, er plane mit ihr nach Kopenhagen zu ziehen und sie dort zu heiraten.

Es ist mittlerweile dunkel. Der Bus ist nur noch eine Fahrstunde von Warschau entfernt und auf den Plätzen ist schon länger Ruhe eingekehrt. In den Nachrichten liest man von dem ukrainische Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der Mariupol noch nicht für verloren hält. „Vor uns liegen entscheidende Tage, die entscheidende Schlacht um unseren Staat“, sagt er.

Gegen 22 Uhr biegt der Bus dann auf dem Busbahnhof im Westen Warschaus ein. Für Svitlana und ihren Hund, das Ehepaar Nina und Nikolaj und Dana geht hier die Reise weiter in Richtung Kiew.