Flüchtlinge in Berlin

Flüchtlinge in Berlin: Trauma-Sprechstunde auf Ukrainisch

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Sibylle Haberstumpf
Müde und von der Flucht gezeichnet: Ukrainer bei der Ankunft am Berliner Hauptbahnhof in der Welcome Hall.

Müde und von der Flucht gezeichnet: Ukrainer bei der Ankunft am Berliner Hauptbahnhof in der Welcome Hall.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Das Zentrum für transkulturelle Psychiatrie hat für Menschen aus der Ukraine eine kostenlose Spezialsprechstunde eingerichtet.

Berlin. Angst, Unruhe, Trennungsschmerz: Unter den Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine, die in Berlin ankommen, sind auch viele Menschen, die der überraschende Kriegsausbruch in ihrer Heimat psychisch beansprucht. Sie sind gezeichnet von dem Schock, bis auf Weiteres ihre Heimat verloren zu haben. Das Zurücklassen von Eltern, Brüdern, Freunden sowie die Ungewissheit seien eine Belastung für die Geflüchteten, sagt der Berliner Psychiater Peter Bräunig. „Wir werden sehr kritische Situationen bekommen“, ist seine Prognose.

Bräunig leitet das Zentrum für transkulturelle Psychiatrie im Vivantes-Ambulatorium in Reinickendorf. Für ukrainische Geflüchtete bietet das Zentrum jetzt eine offene psychiatrische Sprechstunde an. Sie ist täglich erreichbar und auch am Wochenende in Bereitschaft. Und: Sie ist kostenlos. Bräunigs Team besteht aus Ärztinnen, die einen klaren Vorteil haben: Sie sind ukrainische Muttersprachlerinnen. „Wir brauchen also keine Dolmetscher“, erklärt er. Das schaffe eine vertrauensvolle Atmosphäre.



Oberärztin Irina Gutt etwa wurde selbst in Kiew geboren. Und die Kinderärztin und Psychiaterin Zhanna Zaluzhna hat west-ukrainische Wurzeln und spricht neben Russisch und Ukrainisch auch Polnisch. Veronika Eberle-Gröger ist ebenfalls Muttersprachlerin und leitet als Oberärztin den osteuropäischen Bereich des Zentrums, ihr Behandlungsspektrum reicht von depressiven Störungen bis zu Angsterkrankungen. Auch die Traumatherapeutin Elena Faller spricht Russisch.

„Die Menschen, die in diesen Tagen aus der Ukraine zu uns kommen, sind erschöpft und übernächtigt von ihrer Flucht, haben teilweise Ehemänner, Söhne, Eltern und ihr Zuhause zurücklassen müssen, sind voller Sorge und akut belastet“, führt Bräunig aus. „Manche benötigen eine psychiatrische Anschlussbehandlung, aber für viele geht es zunächst erst einmal darum zu erfahren, an wen sie sich wenden können, wenn es ihnen anhaltend schlecht geht.“

Möglich ist, dass Menschen eine bereits in ihrer Heimat erfolgte Behandlung nun in Berlin fortsetzen können. Oder dass sich Menschen behandeln lassen können, die Bedrohungen und unmittelbare Gewalt erlebt haben und psychische Symptome entwickelt haben. Dies sind „alle Formen von Angst, Alpträumen, Trauer, Verlust, Trennungsschmerz und Depression, von Unruhe, Schlafstörungen, seelischer Erstarrung oder dem Gefühl, neben sich zu stehen“, zählt Bräunig auf. In Erstgesprächen klären die Behandlerinnen, welche Unterstützung die Geflüchteten brauchen, zum Beispiel, ob sie Medikamente benötigen.

Ukraine-Flüchtlinge in Berlin: Derzeit noch keine psychiatrischen Notfälle in der Sprechstunde

Aktuell seien noch keine psychiatrischen Notfälle in der Sprechstunde gewesen. Bräunig erklärt das so: Die Menschen, die derzeit in Berlin seien, seien noch „im rechten Augenblick davongekommen“, das heißt, sie waren einer kriegerischen Situation nicht sehr lange ausgesetzt. Das könnte bald anders aussehen. Denn Menschen, die sich jetzt erst aus der Ukraine auf den Weg machen, könnten schon viele schlimme Kriegserlebnisse mitbringen. „Wir sind daher in Hab-Acht-Stellung und halten uns für Notfälle bereit“, so Bräunig. In einigen Wochen könnten Anpassungsstörungen und Belastungsreaktionen stärker zum Vorschein treten. „Dann müssen wir handlungsfähig sein“, sagt der Psychiater.

Unter anderem während der Flüchtlingswelle 2015 hat das Zentrum für transkulturelle Psychiatrie etliche schwersttraumatisierte Menschen behandelt. Aus Ländern wie Syrien oder Afghanistan führte sie der gefährliche, lange Weg oft in Booten übers Meer. Bräunig erinnert sich an viele schlimme Fälle. „Eine Mutter beispielsweise musste auf der Flucht mit ansehen, wie ihre drei Kinder vom Schlauchboot ins Wasser fielen. Sie konnte danach kein Wort mehr sprechen.“

Flüchtlinge aufnehmen: Einfühlungsvermögen wichtig

Brauchen diejenigen in Berlin, die jetzt ukrainische Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen, etwa auch psychologisches Rüstzeug? Im Prinzip nicht. Ein normales Einfühlungsvermögen reiche aus, meint der Psychiater. Denn das Entscheidende sei im Moment: Obdach geben und den Geflüchteten die Sicherheit vermitteln, für die nächsten Tage einen Schlafplatz zu haben. Es könne natürlich, gerade nachts, zu Unruhe- und Erregungszuständen kommen und vorkommen, dass jemand weint oder zittert, so Bräunig. Viel reden müsse man in solchen Situationen aber nicht unbedingt. Man könne auch tröstend und geduldig die Hand halten.

Wer aber das Gefühl hat, die Situation sei psychisch zu belastend, könne sich auch an die offene Sprechstunde im Zentrum für transkulturelle Psychiatrie wenden. „Jeder, der jetzt in Not ist, kann uns in Anspruch nehmen. Die Behandlung erzeugt keine Kosten“, unterstreicht Peter Bräunig.

Zur Info:

  • Die Sprechstunde für Menschen aus der Ukraine richtet sich an Erwachsene und Kinder. Sie ist geöffnet montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr und am Wochenende in Bereitschaft. Informieren kann man sich unter der Nummer 0151-68939573, E-Mail: transkulturelle-psychiatrie@vivantes.de. Adresse: Das Zentrum für transkulturelle Psychiatrie liegt im Vivantes-Ambulatorium in der Waldstraße 86-90,13403 Berlin.
  • Die muttersprachlichen Teams im Zentrum für transkulturelle Psychiatrie behandeln seit 2005 Geflüchtete und Migranten – nicht nur aus dem osteuropäischen Raum, sondern auch aus dem arabischen, persischen oder türkischen. Nach Vivantes-Angaben sind es mittlerweile rund 2700 Patienten im Quartal. Das Zentrum bietet psychiatrische Angebote in mehr als 20 Sprachen an und hält ein digitales Übersetzungssystem vor, über das die Mitarbeiter bei Bedarf in über 120 Sprachen mit den Patienten kommunizieren können.