Ukraine-Krieg

„Russisches Deutschland“: „Krieg heißt bei uns Krieg“

| Lesedauer: 6 Minuten
Uta Keseling
Grigorij Arosev ist Schlussredakteur der Wochenzeitung „Russkaja Germanija“ in Berlin.

Grigorij Arosev ist Schlussredakteur der Wochenzeitung „Russkaja Germanija“ in Berlin.

Foto: Privat / BM

Russischsprachige Medien in Berlin haben eine neue Rolle – und neue Namen. So arbeitet das „Russische Deutschland“ im Ukraine-Krieg.

Berlin. Die Zeitung „Russkaja Germanija“ („Russisches Deutschland“) gibt es seit mehr als 25 Jahren, doch mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist beim „Russischen Deutschland“ nichts mehr, wie es war. Jeden Donnerstag bringt das Magazin auf 24 Seiten Artikel zu Themen aus Wirtschaft und Politik, neue Filme, Sport, Kultur und Wissenschaft, dazu Kleinanzeigen und Fernsehtipps, alles auf Russisch. Gedacht war die Wochenzeitung bisher eher als Wochen-Begleitung für die russischsprachige „Community“ in Deutschland – allein in Berlin leben 150.000 Menschen aus den einstigen Sowjetrepubliken.

Umbenennung in „Redaktion Deutschland“

Doch nun ist das „Russische Deutschland“ plötzlich besonders aktuell und politisch. Und die Mitarbeiter sehen sich in der Rolle als Erklärer in alle Richtungen. Da sind die besorgten und auch misstrauischen Nachfragen deutscher Kollegen: „Wir sind absolut und unabdingbar gegen den Krieg“, betont Grigorij Arosev. Der 42-Jährige ist Schlussredakteur des Blattes, neben ihm gibt es noch den Chefredakteur. Arosev ist zudem auch Buchautor. Bisher haben sie einmal die Woche die Inhalte ihrer Zeitung online gestellt. Jetzt aktualisieren sie, so oft es geht.

Die Redaktion hat ihren Sitz sei einigen Jahren im Russischen Haus an der Friedrichstraße, saß zuvor im Axel-Springer-Haus in Kreuzberg. Bisher war die Adresse, wenn überhaupt, eine Stilfrage. Nicht jeder findet den sozialistischen Prunkbau schön. Jetzt ist es ein Problem, nicht nur weil das Haus mit Kriegsbeginn schloss, angeblich wegen Corona. Die Redaktion sei nur Mieter, habe mit der russischen Kultureinrichtung nichts zu tun, betont Arosev. Um den Vorbehalten gegenüber allem „Russischen“ zu begegnen, wollen sie nun sogar den Namen der Zeitung ändern: aus dem „Russischen Deutschland“ wird die „Redaktion Deutschland“.

Titelbild aus zerbombten Charkiw

Seit Kriegsbeginn bietet das „Russische Deutschland“ Informationen, die es in den offiziellen Medien in Russland nicht mehr gibt, weil sie bei Strafe verboten sind. „Krieg heißt bei uns Krieg und nicht ,militärische Operation“, sagt Arosev.



„Wir berichten über die Sanktionen gegen Russland, über die gesperrten Flugrouten, Demonstrationen gegen Putin und für die Ukraine.“ Auch über Männer, die aus dem Ausland in die Ukraine in den Krieg ziehen, haben sie berichtet.

Das Titelbild ist an dem Tag ein Foto aus dem zerbombten Charkiw. Darunter steht: „Diese Stadt ist zu einem Symbol für unerschütterlichen Mut und ukrainischen Stolz geworden.“

Am wichtigsten: Verifizieren von Nachrichten

Arosev gehörte 2012 zu den Zehntausenden, die in Moskau gegen die Wahlfälschung bei der Wahl Putins auf die Straße gingen. „Nur mit viel Glück wurde ich nicht verhaftet, so wie viele meiner Bekannten.“ Er weiß, was staatliche Propaganda bedeutet, was es mit Menschen macht, die als politisch missliebig geächtet werden. „Viele, die damals verhaftet wurden, haben danach nie wieder eine Arbeit gefunden.“ Er selbst lebt seit neun Jahren in Deutschland, arbeitete zuvor bei der Deutschen Welle.

Viel Aufwand, sagt Arosev, bereite ihnen derzeit das Verifizieren der Nachrichten. Gerüchte, Fake-News und Propaganda gebe es auf allen Seiten, „nicht nur bei den Russen“. Aber es sei wichtig, zu schreiben, was wirklich passiert. Und auch, dass es in russischer Sprache geschieht, auch wenn er selbst nicht glaubt, dass es in Berlin wirklich viele Menschen gibt, die der Putin-Propaganda vertrauen. Doch neben der Leserschaft in Deutschland sehen auf der Webseite auch mehr Zugriffe aus Russland.

In Deutschland haben sie keine Angst vor Zensur

Haben sie keine Angst vor Zensur, gibt es Druck von offizieller russischer Seite? „Wir leben in einem freien Land, wir schreiben, was wir wollen“, sagt er. Bisher habe es auch noch keine Versuche gegeben, die Seite zu blockieren. Werden sie als Russen beschimpft oder bedroht? Mitarbeiter von Radio Russkij Berlin hatten am Montag darüber im ZDF berichtet, von Beschuldigungen und Mobbing in Schulen. Auch das Radio, das anteilig wie die Zeitung zur Rusmedia GmbH in Berlin gehört, benennt sich deswegen um. Bei der Zeitung habe es bis auf einige Kommentare auf der Facebook-Seite kein Hass und keine Drohungen gegeben, sagt Arosev.

Auch Arosev hat Verwandte und Freunde in der Ukraine

Der Krieg, meint Arosev, vereine die russischsprachigen Menschen im Ausland eher, als sie zu spalten. „Sehr viele Menschen hier haben ja Verwandte und Freunde in anderen russischsprachigen Ländern.“ In seiner Redaktion sitzen an dem Tag ein Kollege mit Wurzeln in Kasachstan, ein anderer stammt aus der Ukraine. „Er hat gerade erzählt, dass es seinen Verwandten dort zum Glück gut geht.“ In seinem eigenen Umfeld seien eigentlich alle damit beschäftigt, für die Ukrainer zu sammeln und spenden. „Viele haben Freunde und Verwandte aus der Ukraine aufgenommen“, sagt Arosev.

Arosev stammt aus Moskau, ist verheiratet, Vater eines kleinen Kindes. Sein Vater stammte aus Charkiw, erzählt er, „er war Jude“. Bis heute hat er Verwandte und Freunde in der Ukraine. „Dieser Krieg ist ein Angriff auf ein Bruderland, er trifft uns alle“. Was ihn besorgt macht, seien nicht allein die mörderischen Bomben, der tausendfache Tod, die Zerstörung des Landes. „Es weiß niemand, wie das alles weitergehen soll - ob und wann es je wieder normale Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland geben kann.“