Krieg in der Ukraine

Elinor: Wie aus einer Idee eine Zuflucht für Ukrainer wurde

| Lesedauer: 6 Minuten
Selenskyj kritisiert Nato wegen Ablehnung von Flugverbotszone über der Ukraine

Selenskyj kritisiert Nato wegen Ablehnung von Flugverbotszone über der Ukraine

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Entscheidung der Nato, keine Flugverbotszone über der Ukraine einzurichten, scharf verurteilt. "Indem sie die Schaffung einer Flugverbotszone verweigert, hat die Führung der Militärallianz grünes Licht für die weitere Bombardierung ukrainischer Städte und Dörfer gegeben", sagte Selenskyj in einem Video.

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Lukas Kunert hat die Bettenbörse unterkunft-ukraine.de initiiert. Eine spontane Idee wurde zu einem Großprojekt.

Berlin. Es dauerte keine zwölf Stunden. Dann war aus der spontanen, beim Mittagessen entstandenen Idee Realität geworden: die Internetplattform unterkunft-ukraine.de. Heute, eine weitere gute Woche später, bietet sie mehr als eine Viertelmillion Schlafplätze für Menschen, die aus ihrer Heimat in der Ukraine fliehen mussten.

Die Plattform ist ein Sinnbild für die riesige Welle der Solidarität, die Deutschland erfasst hat. Es engagiert sich der Student, der ein Zimmer in seiner WG zur Verfügung stellt, genauso wie der Anwalt, der einer Familie eine ganze Dachgeschosswohnung bieten kann. Es gibt Übernachtungsmöglichkeiten im ländlichen Raum wie in den Großstädten, verteilt über alle Bundesländer.

„Völlig wahnsinnig und tief bewegend“ nennt Lukas Kunert die Resonanz. Der 30-Jährige ist derjenige, der am Mittagstisch mit seiner Familie die Frage aufwarf: Was ist eigentlich mit den Menschen, die hierher kommen?



An Anfang stand der Impuls: „Wir müssen etwas tun“

Kunert hat eine besondere Beziehung zur Ukraine, aber auch zu Russland. „Meine Frau kommt aus Russland. Wir haben uns in der Ukraine kennengelernt“, erzählt er. Familienmitglieder leben in den beiden Ländern und im ukrainischen Nachbarland Moldawien. Und Kunert selbst ist privat viel durch die Ukraine und Russland gereist.

Er sei per Anhalter unterwegs gewesen, die Menschen hätten ihn auf seiner Reise bei sich zu Hause aufgenommen. Die Gastfreundschaft der Ukrainer und Russen habe ihm gezeigt, wie wichtig Begegnung und Solidarität sind. Diese Erfahrung will er auch mit der Aktion weitergeben.

Dass aus der Idee ein so großes Projekt werden würde, hatte er zu Beginn nicht erwartet. „Wir wurden da völlig überrascht. Am Anfang haben sich einige Freunden und Bekannte eingetragen, aber nach zwei Tagen waren es schon über 10.000“, erzählt er. Vor allem war da an jenem Donnerstag, als Russlands Präsident Wladimir Putin den Angriff auf die Ukraine startete, der Impuls: Wir müssen etwas tun. Und wenn es nur eine Geste, ein Zeichen der Solidarität ist.

Hinter der Plattform steht ein großes Bündnis

Lukas Kunert ist eigentlich Geschäftsführer und Co-Gründer von Elinor, einer Plattform, die Gruppenkonten für Umweltgruppen, Schulklassen, Sportmannschaften und andere Initiativen anbietet. Und während Kunert beim Mittagessen überlegte, was mit den Menschen passiert, die nach Deutschland kommen, rief sein Mitgründer Falk Zientz an. Der habe gesagt, wir müssen eine private Bettenbörse starten, erzählt Kunert. „Ich habe am Essenstisch gefragt: Was haltet ihr davon? Und alle haben genickt.“ Danach ging es ganz schnell: Kunert sprach mit dem Programmiererteam über die Umsetzung, alle seien sofort dabei gewesen. Und am späten Donnerstagabend gingen die ersten Angebote für Schlafplätze ein.

Durch den Erfolg der Bettenbörse hat sich auch Kunerts Alltag vollkommen verändert. Für seinen eigentlichen Job bei Elinor hat er im Moment keine Zeit mehr. „Ich habe zum Glück fantastische Kollegen, die für mich einspringen“, sagt er. Die vergangene Woche hat der 30-Jährige, der mit seiner Familie in der Nähe von Fulda wohnt, in Berlin verbracht, zwischen Strategiesitzungen, Presse-Interviews und abendlichen Besuchen am Hauptbahnhof. Hinter unterkunft-ukraine.de steht inzwischen ein großes Bündnis zivilgesellschaftlicher Organisationen.

Neben Elinor zählen dazu etwa die GLS Bank, das Nachbarschaftsnetzwerk nebenan.de oder das Unternehmen gut.org, das unter anderem die Spendenplattform betterplace.org betreibt. In den Berliner Büroräumen würden mittlerweile, inklusive freiwilliger Helfer, 40 bis 50 Menschen arbeiten, schätzt Kunert. Seine Aufgabe ist es, alle Akteure zusammenzuhalten und das Projekt in den Medien zu vertreten.

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Eindrücke am Berliner Hauptbahnhof machen klar, was die Bettenbörse leistet

Die Eindrücke, die er am Berliner Hauptbahnhof gewinnt, machen ihm klar, was die Bettenbörse eigentlich leistet. „Als ich am Hauptbahnhof die Empfangsszenerie erreicht habe, habe ich noch mal verstanden, wieso wir das machen“, erzählt Kunert. Er beschreibt das „Gänsehautgefühl“, das er beim Beobachten hatte, als jemand aus der Gruppe der vielen wartenden Helferinnen und Helfer nach vorne trat, um eine Familie bei sich aufzunehmen, und alle Umstehenden klatschten. „Das ist so schön zu sehen, wie aus einer digitalen Registrierung auf unserer Plattform eine menschliche Begegnung wird.“

Und am Ende ist es oft nicht nur ein Bett, das die Geflüchteten erhalten. Sie bekommen zudem einen ersten Ansprechpartner für ihre Fragen, eine soziale Anbindung in einer fremden Umgebung. „Das ist viel mehr als das, was in einer Unterkunft wörtlich drin steckt“, sagt Kunert, der sich auch selbst auf der Plattform registriert hat. Bislang sei der angebotene Wohnraum im eher ländlichen Raum zwar nicht gebraucht worden, aber: „Wir stehen jederzeit zur Verfügung.“

Ziel ist eine sichere Lösung für die Geflüchteten

Mit der Online-Plattform, dem Vermitteln von Tausenden Schlafplätzen geht zugleich auch eine Verantwortung einher. Kunert ist sich dessen bewusst. „Wir haben ein Freiwilligenteam, das bei den Leuten anruft, die sich eingetragen haben. Wir wollen einen Eindruck gewinnen, wie es bei ihnen zu Hause ist, und wenn es passt, dann vermitteln wir.“

Mithilfe dieses Teams, so ist das Ziel, soll eine sichere Lösung für die Geflüchteten auf der Suche nach einer Unterkunft gefunden werden. Vor allem glaubt Kunert aber an das Gute im Menschen und daran, dass gerade in furchtbaren Situationen von Krieg und Flucht auch das Beste im menschlichen Miteinander zum Vorschein tritt. „Sonst“, sagt er, „hätte ich das Projekt nicht gestartet.“

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