Krieg in Osteuropa

Afrikaner in der Ukraine: Geflüchtete zweiter Klasse

| Lesedauer: 8 Minuten
Flüchtlinge aus Afrika nach ihrer Flucht aus der Ukraine im polnischen Przemysl.

Flüchtlinge aus Afrika nach ihrer Flucht aus der Ukraine im polnischen Przemysl.

Foto: Reto Klar

Die Hautfarbe kann bei der Flucht aus der Ukraine einen Unterschied machen. Afrikaner im Land erheben Rassismus-Vorwürfe.

Ronald Manga kämpft mit den Tränen, wenn er über die langen Stunden an der ukrainischen Grenze zu Polen spricht. Nicht weil er das Land verlassen muss, in dem er seit sechs Jahren lebt. Er zeigt den zerrissenen Ärmel seiner Jacke und eine Schwellung unter seinem linken Auge. Ein ukrainischer Soldat an der Grenze habe ihn geschlagen, sagt er. Eine Stunde lang habe er geweint, seine Ehefrau habe ihn am Telefon trösten müssen. „Es ist traurig, dass die ganze Welt hinter der Ukraine steht, aber die Ukraine nicht hinter den Menschen im eigenen Land.“

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Ronald Manga, 27, ist Kameruner. Er studiert Politikwissenschaften in Kiew und hat eine ukrainische Frau. Als Putin seinen Truppen am 24. Februar befiehlt, die Ukraine zu überfallen, entscheiden sie zu fliehen – wie so viele andere Menschen im Land. In Eile packen sie ihre letzten Sachen, steigen in den Zug nach Lwiw und laufen bis an die Grenze zu Polen – 40 Kilometer. Es ist Samstag, als Manga ankommt. Die Autos stauen sich an jenem Tag vor dem Grenzübergang, viele Menschen wollen nach Europa, erzählt er. Nach nur wenigen Stunden lassen die Soldaten Mangas Frau und ihre Kinder die Grenze passieren. Manga muss warten. „Sie haben anfangs nur ukrainische Frauen und Kinder durchgelassen“, sagt er zwei Tage später in einem Auffanglager in Mynly.

Afrikaner wie Menschen zweiter Klasse behandelt

Eine Ungerechtigkeit, wie er findet. Er habe an jenem Tag auch viele schwarze Frauen mit jungen Kindern und Babys gesehen, die nicht durchgelassen werden. „Das ist rassistisch, also bin ich für meine Schwestern aufgestanden“, sagt er. Lautstark fordert er einen Grenzbeamten auf, nicht nur die ukrainischen Frauen über die Grenze zu lassen, sondern auch schwarze Frauen. Daraufhin stößt der Soldat ihn zurück. „Was habe ich getan?“, fragt Manga. Plötzlich kommen weitere Grenzbeamte. Zwei oder drei. Sie nehmen ihn mit in eine Ecke, aus der Aufmerksamkeit. Dann schlägt ein Soldat drei Mal zu und sagt: „Halt deine Fresse!“.

In Gesprächen mit Geflüchteten an der Grenze erzählen immer wieder Menschen, dass sie an der Ausreise gehindert werden. In den sozialen Medien machen am Wochenende Videos mit Szenen an der polnisch-ukrainischen Grenze die Runde, die für Empörung sorgten. Viele afrikanische Flüchtlinge haben den Vorwurf erhoben, auf ukrainischer Seite tagelang in bitterer Kälte und ohne Versorgung von Grenzbeamten rüde am Passieren der Grenze gehindert worden zu sein, während weiße Flüchtlinge sie passieren konnten.

Die Afrikanische Union zeigte sich angesichts der Berichte über Rassismus „verstört“. Versuche, Afrikaner daran zu hindern, während eines Konfliktes internationale Grenzen zu überqueren, sei rassistisch und ein Bruch internationalen Rechts, hieß es in einer Mitteilung.

Polnischer Grenzschutz: Afrikaner nicht zurückgewiesen

Polens Grenzschutz hat dem Vorwurf widersprochen, wonach Afrikaner bei ihrer Flucht vor dem Ukraine-Krieg aus rassistischen Gründen zurückgewiesen worden seien. Entsprechende Berichte in sozialen Medien seien „Unfug“, sagte eine Behördensprecherin am Montag. „Die Beamten des polnischen Grenzschutzes helfen allen Menschen, die aus dem Kriegsgebiet der Ukraine fliehen. Die Staatsangehörigkeit oder Nationalität spielen keine Rolle.“ Es würden täglich Menschen von mehreren Dutzend unterschiedlichen Nationalitäten an der Grenze abgefertigt, darunter auch Bürger von Staaten außerhalb der Schengen-Zone, aus Afrika und Asien.



Die Aussagen der Behördensprecherin sollte man zumindest anzweifeln. Denn dass Ausländerinnen und Ausländer an der Flucht gehindert werden, zeigt auch die Situation einer jungen indischen Frau, die am Grenzübergang in Medyk gestrandet ist. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Sie berichtet, dass sie am Samstagvormittag angekommen sei. Mehrere Male will sie die Grenze passieren, als sich das Tor öffnet – sie wird aber immer wieder von Grenzbeamten zurückgedrängt. Bis sie Gewehre auf sie und andere Inderinnen richten. „Wir schießen, wenn ihr nicht wartet“, haben sie der jungen Frau zufolge gesagt. „Es ist nicht akzeptabel, dass sie Gewalt anwenden“, sagt sie.

Chandramohan Nallur organisiert die Weiterfahrt für viele Inderinnen und Inder, die in Medyk ankommen. Rund 150 Menschen habe er schon geholfen, aber es würden noch mehr als 3000 Inderinnen und Inder in der Ukraine warten. Teils müssten sie 48 Stunden in der Kälte verbringen und bekämen weder zu essen noch zu trinken. Andere kämen mit geschwollenen Armen und Beinen in Polen an. „Sie drängen sie mit Schlagstöcken zurück“, sagt Nallur. Es sei eine schlimme Situation, viele müssten nach der Ankunft behandelt werden, manche bringt er sogar ins Krankenhaus.

Nallur berichtet auch, Inderinnen und Inder seien an der Grenze Schikanen der Grenzbeamten ausgesetzt. Einer Gruppe von indischen Studenten sei gesagt worden, sie dürften lediglich an der Grenze zu Rumänien ausreisen. „Uns tut es leid für die Ukrainer, was mit ihrem Land geschieht. Aber wie sie uns behandeln, ist nicht akzeptabel.“

"Ausländische Männer haben es schwer"

Von unschönen Szenen und einer Priorisierung bei der Ausreise berichtet auch Oleksandra Suprun. Sie ist mit dem Zug von Lwiw, rund 45 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, nach Przemysl gekommen. „Einen Zug in Lwiw zu bekommen, ist sehr hart.“ Der Bahnhof sei riesig, sagt sie. Als sie dort am Wochenende ankommt, stehen Menschen Schulter an Schulter und es gibt Gedränge. Jeder versuche, in den nächsten Zug zu gelangen. Hinter ihr hätten sich Menschen gar geschlagen. „Ausländische Männer haben es schwer“, sagt sie. Zuerst seien Frauen und Kinder in den Zug gelassen worden.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind bereits mehr als 500.000 Menschen aus der Ukraine seit dem russischen Angriff aus dem Land geflohen. Viele Nachbarländer, wie etwa Polen zeigten sich hilfsbereit und kündigten die Aufnahme der Geflüchteten an. Noch am Wochenende, so schien es, ist die Hilfsbereitschaft in Polen grenzenlos. In Auffanglagern verteilten Helferinnen und Helfer Tee und Essen an die Geflüchteten aus der Ukraine, hauptsächlich Frauen mit Kindern. Menschen aus Polen, Österreich und Wien machten sich auf den Weg, um den Frauen Weiterfahrten zu organisieren. Das Auffanglager in Mynly schien ein Symbol dieser Hilfsbereitschaft zu sein.

Doch am Montag bleibt nicht mehr viel davon übrig. Die Helferinnen und Helfer sind durch Soldaten ersetzt worden, auch die Polizei ist in großer Präsenz vor Ort. Im ehemaligen Einkaufszentrum stinkt es nach Fäkalien, auf den Feldbetten liegen keine Frauen mit Kindern, sondern Männer – teilweise aus Nigeria, Kamerun, Usbekistan, Äthiopien. Ihnen bietet keiner mehr eine Weiterfahrt an. Viele müssen sich von hier aus selbst organisieren.

So auch Ronald Manga. Er steht noch immer vor dem Auffanglager neben seiner Frau. Er sagt, in den vergangenen Nächten seien fast 2000 Menschen hier angekommen. Damit hätten die Helfer vor Ort nicht gerechnet. Er hofft nur, dass er selbst mit seiner Familie weiterkommt. Sein Traum: Deutschland.