Juwelendiebstahl

Prozess gegen Mitglieder des Remmo-Clans gestartet

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Unter erhöhten Sicherheitsbedingungen begann der Prozess gegen sechs Clanmitglieder, die ins Grüne Gewölbe eingebrochen sein sollen.

Dresden. Normalerweise geht es ruhig zu am Hammerweg an Dresdens nördlichem Stadtrand. Am Freitag glich die schmale Straße aber einem Hochsicherheitstrakt – bewaffnete Polizisten bezogen Stellung und sperrten alle Zugänge zur Außenstelle des Oberlandesgerichts der sächsischen Hauptstadt ab. Grund war der Prozessbeginn um eines der wohl schwersten Verbrechen der letzten Jahre: der Einbruch in das Grüne Gewölbe im November 2019.

In Handschellen wurden die sechs Angeklagten in den Hochsicherheitssaal gebracht: R. (28), B. (26), W. (25), A. (23) sowie die Zwillinge M. und A. M. Remmo (22) – Sprösslinge der polizeibekannten Familie aus Neukölln, deren Mitglieder in Teilen der Clankriminalität zugerechnet werden. Die hohen Sicherheitsvorkehrungen taten ihr Übriges. So dauerte es letztlich bis in die Mittagsstunden, bis der Vorsitzende Richter am Dresdner Landgericht Andreas Ziegel die eigentlich für 9.45 Uhr angesetzte Verhandlung eröffnete.

Die Anklage gegen die sechs Männer lautet auf schweren Bandendiebstahl, Brandstiftung und gefährliche Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, am frühen Morgen des 25. November 2019 in die Schatzkammer des Dresdner Residenzschlosses eingedrungen, mit Äxten und Hämmern Vitrinen zerschlagen und 21 Schmuckstücke mit insgesamt 4300 Diamanten und Brillanten aus dem 18. und 19. Jahrhundert entwendet zu haben. Bis heute fehlt von der Beute, die in der Anklageschrift mit einem Versicherungswert von insgesamt 113,8 Millionen Euro beziffert ist, jede Spur.

Verteidiger: Zuschreibung zu Clan „mediale Vorverurteilung“

Die Angeklagten äußerten sich zu Prozessbeginn nicht zu den Vorwürfen, ließen aber ihre insgesamt 14 Verteidiger mehrere Erklärungen verlesen. Da M. und A. M. zum Tatzeitpunkt erst 20 Jahre alt und damit Heranwachsende waren, findet der Prozess vor einer Jugendkammer statt. Die Verteidiger der Zwillinge forderten, das Verfahren gegen ihre Mandanten abzutrennen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu führen.

Dadurch, dass bei ihrer Festnahme durch die sächsische Polizei ihre Fotos und Namen veröffentlicht wurden, habe eine „mediale Vorverurteilung“ stattgefunden. Sie seien als Clanmitglieder tituliert worden. Die Zugehörigkeit zu einem Clan bedeute nicht die Täterschaft, hieß es von der Verteidigung. „Zugehörigkeit zu einer möglicherweise auch deliktbelasteten Familie ändert nichts an der Unschuldsvermutung.“

Auch die Anwälte und Anwältinnen der übrigen Angeklagten äußerten sich auf ähnliche Weise. Zwei der Beschuldigten, W. und A., wurden bereits im Februar 2020 für den Diebstahl der Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Berliner Bode-Museum zu viereinhalb Jahren Jugendhaft verurteilt. Damit stehe aber nicht fest, „dass er auch andere Taten begangen hat“, sagte W.s Verteidiger.

Freistaat Sachsen tritt als Nebenkläger auf

Die Anklage listete auf, wie akribisch sich die Beschuldigten auf den Coup vorbereitet haben sollen. Mehrfach seien sie von Berlin nach Dresden gefahren, um den späteren Tatort auszuspähen. Bereits Tage vor dem Einbruch hätten sie das gusseiserne Gitter an dem Fenster entfernt, durch das sie später eingedrungen seien, und es nur lose wieder angeklebt. Unmittelbar vor der Tat wurde im Pegelhaus an der Augustusbrücke ein Feuer gelegt, in dessen Folge die Straßenbeleuchtung rund um das Residenzschloss ausfiel.

Bereits ein halbes Jahr zuvor sollen die späteren Fluchtwagen, ein Audi A6 und eine Mercedes E-Klasse, besorgt und mit falschen Kennzeichen versehen worden sein. Mit dem Audi fuhren die Angeklagten laut Staatsanwaltschaft nach dem Einbruch vom Grünen Gewölbe in eine Tiefgarage und zündeten ihn dort an, um Spuren zu beseitigen. Durch den Rauch wurde ein Bewohner des darüber liegenden Hauses verletzt. Dann sollen sie mit dem Mercedes, den sie vorher als Taxi getarnt hätten, zurück nach Berlin gefahren sein.

Mit diesem Auto flohen die Einbrecher des Grünen Gewölbes
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Die Verteidigung zog am ersten Prozesstag die Beweise, auf denen die Staatsanwaltschaft ihre Anklage aufbaut, in Zweifel. Dass DNA-Spuren von A. Remmo im Mercedes gefunden wurden, könne auch daran liegen, dass der bereits seit Monaten im Besitz seiner Familie war. Die DNA-Spuren von M. Remmo an der Mauer vor dem Fenster des Grünen Gewölbes, durch das die Täter eindrangen, „ermöglichen keinerlei Aussage darüber, wann sie dahingelangt sind“, hieß es.

Angeklagter laut Verteidiger Opfer eines „Polizeiskandals“

A. ist laut seines Verteidigers ferner Opfer eines „Polizeiskandals“. So hätten die Mantrailing-Hunde der Ermittler Geruchsspuren seines Mandanten erst eineinhalb Jahre nach der Tat am Tatort festgestellt, was schlichtweg nicht möglich sei. „Unter dem Stichwort ‘Mantrailing’ sollen in Sachsen Wunder möglich sein“, sagte er und bezeichnete das als „hochgefährliche kriminalistische Esoterik“.

Im Laufe des ersten Verhandlungstages brachte die Verteidigung noch weiter Anträge hervor – unter anderem auf Einstellung des Verfahrens. Denn die Entscheidung des Gerichts, den Freistaat Sachsen als Nebenkläger zuzulassen, sei erst wenige Tage vor Prozessbeginn gefallen. Dass der Anwalt, der den Freistaat vertritt, Akteneinsicht erhielt, verletze das Recht auf informelle Selbstbestimmung.

Für einige Belustigung unter den zahlreich anwesenden Pressevertretern sorgte aber insbesondere der Antrag, vor der Fortführung des Prozesses das Bundesverfassungsgericht anzurufen. Begründung: Die vom Gericht benannten Schöffen seien jeweils zwei Männer und zwei Frauen. Jemanden zu benennen, der dem sogenannten „dritten Geschlecht“ angehört, also weder männlich noch weiblich ist, sei im Vorfeld abgelehnt worden. Damit widerspreche das Gericht geltender Rechtssprechung des Verfassungsgerichts.

Ermittlungen zum Raub sind noch nicht abgeschlossen

Entsprechende Stellungnahmen der Staatsanwaltschaft zu den Anträgen forderte der Richter für die kommende Woche ein. Der Prozess selbst soll am 11. Februar mit der Vernehmung der ersten Zeugen fortgesetzt werden. Insgesamt sind 50 Verhandlungstage bis Ende Oktober geplant. Dass dies ausreicht, wird bereit jetzt bezweifelt.

Auch die Ermittlungen zu dem Fall selbst sind noch bei weitem nicht abgeschlossen. Laut Dresdner Staatsanwaltschaft stehen neben den sechs Angeklagten noch 40 weitere Personen im Fokus, die unterstützend tätig gewesen sein sollen. Da es aber bislang keinen dringenden Tatverdacht gegeben habe, seien bislang keine weiteren Anklagen erhoben worden, heißt es. Die Vermutung, dass die Täter Tipps von Wachleuten des Museums bekamen, bestehe aber weiterhin, heißt es.

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