Schule in Berlin

Amtsarzt: Aussetzung der Präsenzpflicht "Dummheit"

| Lesedauer: 6 Minuten
Nicole Dolif
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Mit einer neuen Kampagne will die Bundesregierung weitere Menschen zu einer Impfung gegen das Coronavirus bewegen. Ab Dienstag soll es neue Plakate und Radio- und Fernseh-Spots geben, die "kreativer" sein sollen als die bisherigen.

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Berliner Eltern können nun selbst entscheiden, ob ihr Kind die Schule besucht. Ein Amtsarzt übt heftige Kritik daran.

Berlin. 
  • Corona breitet sich in der Omikron-Variante rasend schnell in Berlin aus.
  • Deswegen wird die Präsenzpflicht an Schulen ausgesetzt.
  • Ein Amtsarzt nannte die Maßnahme eine "entsetzliche Dummheit".

Corona in Berlin: Angesichts steigender Corona-Infektionszahlen wegen der Omikron-Variante wird die Präsenzpflicht an Berliner Schulen vorläufig ausgesetzt. Ab sofort können Eltern selbst entscheiden, ob ihr Kind die Schule besucht oder zu Hause an Aufgaben und Projekten arbeitet und lernt, wie Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) am Montag mitteilte. Das gelte zunächst bis Ende Februar.

Der Präsenzunterricht bleibe die „Regelform“, hieß es in einer Mitteilung der Bildungsverwaltung. „Schulen werden allen Schülerinnen und Schülern soweit möglich Lernangebote unterbreiten. Sollten sich Eltern gegen die Präsenz ihres Kindes in der Schule entscheiden, muss das der Schule unmittelbar formlos schriftlich mitgeteilt werden.“ Mit der Entscheidung vollziehen die Bildungsverwaltung und der Senat einen Richtungswechsel. Zuletzt hatte die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) immer betont, am Präsenzunterricht so lange wie irgendmöglich festhalten zu wollen.

Senatorin: "Wir nehmen auch die Sorgen und Ängste von Eltern sehr ernst"

„Wir stehen auf der Seite der Kinder, Jugendlichen und Familien in dieser Stadt. Daher halten wir an unserem Hauptziel fest, die Schulen auch weiterhin geöffnet zu lassen, damit diese ihrem wichtigen Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsauftrag nachkommen können“, erklärte Senatorin Busse am Montag zu der neuen Entscheidung. „Aber natürlich nehmen wir auch die Sorgen und Ängste von Eltern sehr ernst“, so Busse weiter. „Nachdem die Amtsärzte angekündigt haben, die Kontaktnachverfolgung für Schülerinnen und Schüler zu beenden und direkte Kontaktpersonen nicht mehr in Quarantäne zu schicken, halte ich die temporäre Aussetzung der Präsenzpflicht für angemessen.“

Und da die Gesundheitsämter auch die Bescheinigungen über Corona-Infektionen zunächst eingestellt hätten, würden diese nun übergangsweise durch ein von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie bereitgestelltes Formblatt bescheinigt. Dieses könne auch dem Arbeitgeber vorgelegt werden.

Franziska Giffey: Aussetzung der Präsenzpflicht an Schulen wegen neuer Lage

Giffey begründete die Aussetzung der Präsenzpflicht mit einer veränderten Lage infolge steigender Corona-Infektionszahlen. „Die Entscheidung, die wir getroffen haben, (...) basiert auf der Erklärung der Amtsärzte in den Gesundheitsämtern, dass sie eine Kontaktnachverfolgung in allen über 800 Schulen bei über 300.000 Schülerinnen und Schülern nicht mehr so nachvollziehen können“, sagte die SPD-Politikerin nach Bund-Länder-Beratungen.

„In diesem Moment, wo wir eine solche Situation haben, solche Fallzahlen haben, ist auf der einen Seite für uns wichtig, dass wir den Schulbetrieb aufrechterhalten, dass es ein Angebot weiter gibt.“ Gleichzeitig machten sich aber auch manche Eltern Sorgen und würden gerne selbst entscheiden, ob sie ihr Kind in die Schule schicken oder nicht. Das sei nunmehr ab Dienstag unkompliziert möglich.

„Trotzdem ist für uns wichtig: Die Schulen bleiben offen, das Präsenzangebot ist das Regelangebot auch weiterhin“, so Giffey. Die Aussetzung der Präsenzpflicht sei aber ein Weg, um verschiedenen Bedürfnissen gerecht zu werden. Das sei eine Reaktion auf eine veränderte Lage. „Das ist das, was auch von uns erwartet wird. Das hat nichts mit Kontrollverlust zu tun.“


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Corona: Zahl der infizierten Schüler hatte sich verdoppelt

Die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Schüler hatte sich binnen einer Woche etwa verdoppelt. Demnach meldete die Bildungsverwaltung am vergangenen Freitag 13.571 infizierte Schülerinnen und Schüler, eine Woche zuvor waren es 6911. Auch beim Personal hat sich die Zahl fast verdoppelt, von 774 auf 1473 Fälle. Die Zahl der coronabedingt geschlossenen Lerngruppen stieg von 207 auf 397. Deshalb hatte es aus der Elternschaft in den vergangenen Wochen immer wieder Forderungen gegeben, die Präsenzpflicht auszusetzen.

Auch Arnd Niedermöller, Schulleiter des Lichtenberger Immanuel-Kant-Gymnasiums und Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektorinnen und Oberstudiendirektoren (VOB), findet die Maßnahme vor dem Hintergrund des dramatischen Infektionsgeschehens richtig. „Auch wenn das Aussetzen der Präsenzpflicht für die Schulen organisatorische Schwierigkeiten mit sich bringt, ist es zur Zeit einfach absolut nötig“, sagt er. Es dürfe nur nicht zu lange andauern.

Als „Bankrotterklärung“ bezeichnete hingegen Paul Fresdorf, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, die Maßnahme. „Anstatt Sicherheit und gesundes Lernen zu ermöglichen, zieht RGR nun die Notbremse und gibt in dieser desolaten Situation den Eltern die Möglichkeit zu entscheiden, wie die Situation an der jeweiligen Schule ist und ob sie dies mittragen können“, sagte er.

Amtsarzt: Aussetzung der Präsenzpflicht „entsetzliche Dummheit“

Die überraschend beschlossene Aussetzung der Präsenzpflicht für Schülerinnen und Schüler an Berliner Schulen ist aus Sicht des Reinickendorfer Amtsarzts Patrick Larscheid eine „entsetzliche Dummheit“. „Wir wurden in keiner Weise beteiligt, es ist eine einsame Entscheidung der Senatorin gewesen“, sagte Larscheid am Montagabend der Deutschen Presse-Agentur. Der Widerstand und die Wut im Hygiene-Beirat, in dem die Politik sich mit Bezirken, Amts- und Kinderärzten und der Wissenschaft auch über das Vorgehen in der Corona-Pandemie berät, sei „maximal“. „Es wird allgemein befürchtet, dass diese Entscheidung dazu führt, dass die soziale Spaltung zwischen den Kindern verschärft wird“, sagte Larscheid.

Kritik kam auch vom Kinderhilfswerk Unicef. „Mit der Entscheidung übertragen Politik und Verwaltung die Verantwortung, ob Kinder zur Schule gehen, vollständig an die Eltern“, teilte Unicef-Abteilungsleiter Sebastian Siedlmayr am Montagabend mit. „Das Versprechen, Schulen zuletzt zu schließen, droht damit unterlaufen zu werden.“

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