Finanzierungen

10,5 Milliarden Euro: Geldsegen für Berliner Start-ups

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Dominik Bath
Berlins Digitalwirtschaft zog im vergangenen Jahr so viel Geld von Risikokapitalgebern an wie nie zuvor.

Berlins Digitalwirtschaft zog im vergangenen Jahr so viel Geld von Risikokapitalgebern an wie nie zuvor.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Die Rekordsumme von 10,5 Milliarden Euro floss 2021 in Berliner Start-ups. Investoren setzten vor allem auf Fintechs und E-Commerce.

Berlin. Die Corona-Pandemie hat der jungen Digitalwirtschaft in Berlin einen wahren Geldsegen beschert: Start-ups in der deutschen Hauptstadt erhielten im vergangenen Jahr so viel Geld wie nie zuvor von Investoren. Konkret floss Risikokapital in Höhe von 10,5 Milliarden Euro in die digitalaffinen Berliner Firmen. Das waren sieben Milliarden Euro mehr als noch ein Jahr zuvor, wie aus dem am Donnerstagmorgen veröffentlichten Start-up-Barometer der Beratungsgesellschaft EY hervorgeht. Der Bericht lag der Berliner Morgenpost vorab vor.

Der Analyse zufolge flossen 2021 rund 60 Prozent des in Deutschland in Start-ups investierten Risikokapitals an Jungunternehmen mit Sitz in Berlin. Der Gesamtwert aller Risikokapitalinvestitionen in deutsche Start-ups habe sich laut EY von 5,3 auf fast 17,4 Milliarden Euro mehr als verdreifacht (+ 229 Prozent). Der Standort Berlin aber ist mit Blick auf die Gesamtverteilung des Kapitals enteilt. Bayern auf Platz zwei der Statistik kommt lediglich auf 4,4 Milliarden Euro investiertes Geld (26 Prozent Marktanteil).

Hoher Anlagedruck von Investoren einer der Gründe für höhere Finanzierungen

Die Pandemie erweise sich immer mehr als Katalysator für einen regelrechten Start-up-Finanzierungsboom, sagte Start-up-Experte Thomas Prüver von EY. „Branchen- und standortübergreifend steigen die Investitionsaktivitäten. Das heißt: Immer mehr Start-ups kommen an frisches Geld. Zudem entwickeln sich die Investitionssummen geradezu explosionsartig. Der Grund ist das neu entfachte Interesse an potenziell disruptiven Geschäftsmodellen, vor allem im Technologiebereich“, erklärte er. Hinzu komme, dass auf Investorenseite ein hoher Anlagedruck herrsche. Es sei viel Geld im Markt. „Das kommt den erfolgversprechenden Jungunternehmen derzeit zugute“, so Prüver weiter.

Vor allem große Finanzierungsrunden haben den Daten zufolge 2021 deutlich zugenommen: Großdeals mit einem Volumen von mehr als 100 Millionen Euro gab es 33. Im Vorjahr waren es nur acht. Die größte Transaktion in Deutschland fand im September statt und war eine Finanzspritze von 861 Millionen Euro für den Berliner Lieferdienst Gorillas. Danach folgt mit einer Finanzierung von 830 Millionen Euro der Münchner Prozessoptimierer Celonis. Auf den Plätzen drei und vier rangieren mit N26 und Trade Republic zwei Berliner Fintechs, die im Oktober 775 Millionen Euro beziehungsweise im Mai 747 Millionen Euro erhielten.

Berliner Wirtschaftssenator: Wirtschaft findet Wege, der Pandemie zu trotzen

Vor allem im Bereich der jungen Finanz- aber auch der E-Commerce-Unternehmen ist der Standort Berlin im deutschlandweiten Vergleich enteilt: An Fintechs oder Insurtechs aus der Hauptstadt floss mit 3,2 Milliarden Euro gut 85 Prozent des in dem Segment von Investoren eingesetzten Kapitals. Auch beim E-Commerce lagen die Berliner Jungfirmen 2021 deutlich vorne: Mit fast 3,4 Milliarden Euro gingen sogar 91 Prozent der im Bereich E-Commerce insgesamt investierten 3,7 Milliarden Euro an Hauptstadt-Start-ups. Lediglich im Bereich Software & Analytics führt der Standort Bayern knapp vor Berlin.

Der neue Wirtschaftssenator in der Hauptstadt, Stephan Schwarz (parteilos, für SPD), sagte der Berliner Morgenpost, der Finanzierungsboom zeige sehr eindrucksvoll, dass Berlins Wirtschaft Wege finde, der Corona-Pandemie zu trotzen. „Berlin hat seinen Spitzenplatz als Start-up-Hauptstadt deutlich gefestigt. Die enorme Steigerung des Kapitalzuflusses zeigt, dass Berlin sich unaufhaltsam zu einer innovativen Wirtschafts- und Technologiemetropole wandelt. Die Stadt ist heute attraktiver denn je für ausgebildete Talente und erfahrene Investorinnen und Investoren, die – unterstützt von unserer Wirtschafts- und Technologieförderung – Fachkräfte aus aller Welt anzieht“, so Schwarz weiter.

Berlin Partner: Gründer hätten sich von Rückschlägen nicht beeindrucken lassen

Stefan Franzke, der Chef der Berliner Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner, sagte, dieser neue Rekord sei kein Versehen, sondern das Ergebnis harter Arbeit aller Beteiligter. „Die Gründerinnen und Gründer in Berlin haben sich von Rückschlägen nicht beeindrucken lassen. Dieses Comeback ist sensationell, dieses Comeback macht Mut, dieses Comeback ist einfach mega. Wir sind stolz auf unseren Beitrag. Wir sind froh, dass unsere Unterstützung in den Milliarden-Branchen Fintech, E-Commerce, Mobility, Health und Energy sich auszahlt“, erklärte Franzke. Dass diese Branchen fast deckungsgleich mit den Berliner Innovationsclustern seien, seien ebenfalls kein Versehen, sondern zeige, dass man auf die richtigen Themen setze.

Vom Bundesverband Deutsche Start-ups hieß es mit Blick auf die Berliner Dominanz, die Stadt boome dank ihres lebendigen Start-up-Ökosystems. „Die hohe Lebensqualität und Internationalität der Stadt tragen zur Attraktivität für Top-Talente aus dem In- und Ausland bei. Die historisch hohen Investitionsvolumen in 2021 sind dabei insgesamt Ausdruck der wachsenden Reife des Startup-Ökosystems, das sich zu Teilen aus sich selbst heraus befeuert“, erklärte Verbandsgeschäftsführer Christoph Stresing gegenüber der Morgenpost.

Bundesverband sieht weiter enormes Potenzial für die Berliner Start-ups

Gleichzeitig sieht Stresing weiter enormes Potenzial für die Berliner Jungunternehmen: Mit den richtigen Rahmenbedingungen könnten neue starke Firmen entstehen und weitere Tausende von zukunftsorientierten Arbeitsplätzen geschaffen werden. „Neben dem klaren Bekenntnis zum Technologiestandort Berlin brauchen wir die im Koalitionsvertrag angekündigte Start-up-Agenda, die die unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Unternehmen berücksichtigt und die Themen Talente, Kapital und fairer Wettbewerb in den Fokus rückt“, forderte er.