Corona

Charité-Chef: Lage in Berlin ist besser als befürchtet

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Joachim Fahrun
Müller: Ungeimpfte bekommen Corona-Maßnahmen zu spüren

Müller: Ungeimpfte bekommen Corona-Maßnahmen zu spüren

Die von Bund und Ländern beschlossenen Corona-Beschränkungen sollen nach den Worten von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) vor allem die Ungeimpften zu spüren bekommen. Es gehe darum, dass die "vernünftige" Mehrheit Möglichkeiten habe, die andere nicht hätten, sagte Müller nach den Bund-Länder-Beratungen in Berlin.

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Charité-Chef Kroemer sieht Berlin in einer „Seitwärtsbewegung“ und besser gerüstet als andere Regionen. Aber die Lage bleibe fragil.

Berlin. Vor gut zwei Wochen zeichnete Heyo Kroemer in der Pressekonferenz des Senats ein düsteres Szenario. Von den vor zwei, drei Wochen neu mit dem Coronvirus infizierten Menschen würden dann zwei bis drei Prozent in den Krankenhäusern landen, 0,8 Prozent müssten gar auf einer Intensivstation behandelt werden, rechnete der Vorstandschef der Berliner Universitätsklinik Charité seinerzeit vor. Das wären bei rund 2500 Neuinfektionen täglich bis zu 75 Krankenhauseinweisungen wegen Corona, 20 davon Intensivfälle - pro Tag.

Ganz so schlimm ist es in der Hauptstadt, zumindest was die leichteren Fälle in den Kliniken angeht, bisher nicht gekommen. Die Senatsgesundheitsverwaltung berichtet, dass im November mit etwas über 200 sogar weniger Menschen wegen Covid-19 ins Krankenhaus mussten als im Oktober und September, 76 Prozent davon waren ungeimpft. Im Frühjahr waren fast 600 Menschen wegen Corona in eine Klinik gekommen.

Von einer Entwarnung will der Charité-Chef keineswegs sprechen, die Lage sei immer noch gefährlich und sehr fragil. Wenn sie mit ihren Prognosen falsch gelegen haben sollten, „schlagen wir drei Kreuze“, sagte Kroemer der Morgenpost: „Positiv gesehen befindet sich Berlin seit Wochen in einer Seitwärtsbewegung“, analysiert er die aktuelle Situation.

Anders als in anderen Bundesländern stieg die tägliche Zahl der neu intensivpflichtig werdenden Patienten zuletzt nicht an. Das Intensivregister des Fachverbandes DIVI zeigt für den November in anderen Bundesländern und im Bundesdurchschnitt eine steile Zunahme der täglichen neuen Intensivpatienten. Für Berlin schwanken die Zahlen seit einigen Wochen um die 25 pro Tag.


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Berlin sei „besser als befürchtet“, sagte Kroemer. Das liege wohl zum einen an der hohen Beteiligung von Jugendlichen am Infektionsgeschehen. Die Inzidenzen bei den Jungen, die meist milde Verläufe erleben oder symptomfrei bleiben, liegen deutlich über dem Durchschnitt der Bevölkerung. Jede dritte neu angesteckte Person in der Stadt ist unter 18 Jahren alt.

Zweiter Faktor in Berlin sei, dass Berlin beim Boostern für die besonders gefährdeten Älteren „weit vorne“ liege, wie Kroemer es ausdrückt. Nach Daten des Robert-Koch-Instituts sind in Berlin 40,5 Prozent der Menschen über 60 mit einer dritten Impfung frisch geschützt. Damit liegt Berlin sogar vor dem deutschen Impfchampion Bremen.

In der Gesamtbevölkerung nähert sich Berlin beim dritten Schuss der 20-Prozent-Marke. Pro Tag wurden zuletzt 37.000 Booster-Impfungen gespritzt, neben 5100 Erst- und 3500 Zweitimpfungen. Außerdem gelten in Berlin schon länger viele der Beschränkungen, auf die sich der Bund-Länder-Gipfel erst am Donnerstag verständigt hat, wie etwa 2G im Einzelhandel.

Intensivstationen laufen mit Corona-Patienten voll

Obwohl also die vierte Welle etwas weniger brutal durch Berlin rollt als befürchtet, laufen die Krankenhäuser allmählich voll, weil viele gerade jüngere Patienten länger dort liegen. Die Hospitalisierungs-Inzidenz, die angibt, wie viele Menschen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen wegen Corona ins Krankenhaus mussten, liegt jetzt bei 4,4. Vor zwei Wochen waren es 3,4. Inzwischen sind laut Gesundheitsverwaltung 20,2 Prozent der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt. Am 18. November lag der Wert bei 16 Prozent.

Der Trend macht dem Charité-Chef große Sorgen. In seinem Haus lagen am Mittwoch dieser Woche 92 Intensivpatienten mit Covid-19, fast die Hälfte dieser besonders schweren Fälle in Berlin. Man habe zwar intern mit zehn Patienten mehr gerechnet, aber die Lage könne sich immer schnell ändern. Der Professor räumt ein, dass die Charité noch nicht am Ende ihrer Kapazitäten angelangt sei. Im Herbst 2020 lagen zeitweilig 165 Menschen mit Corona auf Intensivstationen der Charité. 40 waren in einem so kritischen Zustand, dass künstliche Beatmung nicht mehr reichte und sie an die künstliche Lunge ECMO angeschlossen waren. „Das könnten wir unter Aufbietung aller Kräfte auch noch mal schaffen“, sagte Kroemer. Aber natürlich nicht lange, schränkt er ein. Derzeit hängen in ganz Berlin 30 Menschen an einer ECMO-Maschine.

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Helfen werde es auch, wenn endlich das sogenannte Save-Konzept greife und alle Berliner Krankenhäuser in die Corona-Versorgung einbezogen würden. Noch fehle aber eine Verordnung des Senats, der allen Trägern verbindliche Freihaltequoten für Betten vorgebe.

Für die überlasteten Mediziner und Pflegekräfte ist trotz allem keine Entspannung in Sicht. Denn irgendwann könne auch Berlin gezwungen sein, Patienten aus anderen Bundesländern aufzunehmen. Bisher habe man das nicht getan, so der Charité-Chef. Aber die Lage sei vielerorts dramatisch. „In Sachsen ist der Untergang“, sagte der erfahrene Klinikmanager.

Den Preis für die Corona-Pandemie zahlten ohnehin jene Patienten, die wegen der vielen belegten Kapazitäten zurückstehen müssen. Ein Drittel aller eigentlich gebotenen Operationen fänden derzeit an der Universitätsklinik nicht statt“, so der Charité-Chef: „Wir können viele Leiden nicht mehr adäquat behandeln.“