Studie

Berliner weniger anfällig für Verschwörungstheorien

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Corona: Das bedeutet eine mögliche Impfpflicht

Corona: Das bedeutet eine mögliche Impfpflicht

Die Corona-Infektionszahlen steigen immer weiter in die Höhe. Experten sehen die Impfpflicht als notwendig an im Kampf gegen das Virus. Eine Übersicht über die Bedeutung und der möglichen Umsetzung einer Corona-Impfpflicht.

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Querdenker, Rechtsradikale oder Opfer von Diskriminierung - eine repräsentative Studie des Senats zeigt, wie die Berliner ticken.

Berlin. Verschwörungstheorien, etwa im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, verfangen sich bei den Berlinerinnen und Berlinern deutlich weniger als im Bundesvergleich. Das geht aus dem „Berlin Monitor 2021“ hervor – einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Berliner Senats, die am Donnerstag vorgestellt wurde.

Demnach hängen mit 21 Prozent ein Fünftel der Hauptstädterinnen und Hauptstädter einer typischen These aus dem Querdenker-Milieu nach, dass das politische Personal von geheimen Mächten gesteuert wurde. Bundesweit hängen 33 Prozent dieser These an. 19 Prozent der Menschen in der Hauptstadt glauben demnach, dass die Corona-Krise nur für den Profit einiger Weniger groß geredet werde (Bund: 31 Prozent). 32 Prozent gehen davon aus, dass die Hintergründe der Pandemie „nie ans Licht der Öffentlichkeit kommen“ werden (Bund: 47 Prozent).

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Verschwörungstheorien mit höherer Gewaltbereitschaft verbunden

Einen Zuwachs bei solchen Einstellungen gegenüber der letzten Erhebung von vor zwei Jahren kann die Studie nicht verzeichnen. „Der Glaube an Verschwörungstheorien ist in der Bevölkerung konstant vorhanden, er tritt jetzt nur offener auf“, sagte Oliver Decker, Sozialpsychologe an der Universität Leipzig und einer der Verfasser. Die Verschwörungstheorien seien eine „dunkle Ressource“, die durch die Corona-Pandemie aktiviert worden seien.

Sie würden mit deren Ende nicht verschwinden, sondern sich neue Reibungspunkte suchen, ergänzte Gert Pickel, Soziologe ander Universität Leipzig und Mitverfasser. „Man sieht es jetzt schon an der Klimadebatte“, so Decker weiter. „Ich fürchte, dass es durch die Radikalisierung zu mehr Bedrohungslagen kommen wird.“

Verschwörungstheorien seien oft mit Antisemitismus und einer steigenden Gewaltbereitschaft verbunden und würden eine Gefahr für die Demokratie bedeuten, heißt es in der Studie. Das zeige etwa der Mord eines Maskenverweigerers an einem Tankstellenmitarbeiter in Idar-Oberstein im September, sagte Pickel. „Verschwörungstheorien bilden ein Scharnier zwischen dem Rechtsextremismus und der Mitte der Gesellschaft.“

23 Prozent aller Berliner wünschen sich eine „starke Partei“

Dass die unterschiedlichsten Menschen von Verschwörungserzählungen angezogen werden, bestätigt auch Bianca Klose, Leiterin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR). Ihre Eindämmung müsse „als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen werden“. Gemeinsamkeiten zum Rassismus und Rechtsextremismus gebe es dabei, „dass hinter gesellschaftlichen Verhältnissen und Strukturen direkt verantwortliche und schuldige Gruppen stehen sollen, die zum Feind erklärt werden.

Insgesamt sagen 73 Prozent der Berliner, dass sie mit der Demokratie zufrieden sind (Bund: 59 Prozent) und 93 Prozent sagen, dass sie am besten zu unserer Gesellschaft passt (Bund: 94 Prozent). Allerdings wünschen sich mit 23 Prozent auch deutlich mehr Berliner als Bundesbürger eine „starke Partei“, die „die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“. 21 Prozent der Hauptstädter sehen Deutschland als „durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“.

„Bei diesen Zustimmungswerten lässt sich bei rassistischen Aussagen zumindest nicht mehr gänzlich von einem Minderheitenphänomen sprechen, wie es der Berlin-Monitor 2019 noch tat“, so MBR-Leiterin Klose. Laut Studie haben vier Prozent aller Menschen in der Hauptstadt ein geschlossen rechtsextremes Weltbild. Damit liegt Berlin genau auf dem Bundesdurchschnitt. Gleiches gilt für antisemitische Einstellungen. Ebenfalls vier Prozent würden eine rechte Diktatur befürworten (Bund: drei Prozent).

20 Prozent aller Berliner AfD-Anhänger sind rechtsextrem

Rechtsextreme Einstellungen sind bei Männern deutlich mehr verbreitet als bei Frauen. Häufiger anzutreffen sind sie bei Menschen mit niedriger Bildung und niedrigerem Einkommen. Hinsichtlich der Präferenz für politische Parteien zeigt sich ein klares Bild.

So haben 20 Prozent der AfD-Anhänger rechtsextreme Einstellungen, was dem mit Abstand höchsten Wert entspricht. Auf dem zweiten Platz liegen CDU/CSU mit sieben Prozent, die FDP mit vier, die SPD mit drei, Die Linke mit zwei und die Grünen mit einem Prozent.

Schwarze sind „besonders gute Sportler“: Fall von positivem Rassismus

Die Ergebnisse zeigen laut Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) „einmal mehr Licht und Schatten im Zusammenleben unserer Stadt“. Neben einer verbreiteten positiven Einstellung zur aktuellen Demokratie gebe es „vorurteilsbelastete und rassistische Einstellungen“ gegenüber schwarzen Menschen, „auch wenn die hier gemessene Zustimmung zu problematischen Aussagen dabei geringer als bei ähnlichen Untersuchungen für ganz Deutschland liegt“.

So gaben zwölf Prozent der Befragten an, dass sie eine natürliche Hierarchie zwischen schwarzen und weißen Menschen sehen. Mit 47 Prozent waren fast die Hälfte der Meinung, das Schwarze „besonders gute Sportler“ sind. Was erst einmal positiv klinge, sei dennoch eine rassistische Zuschreibung, sagte Pickel. „Vielleicht haben sich die Befragten nichts Negatives dabei gedacht, trotzdem steckt dahinter eine Differenzierung.“

42 Prozent aller Befragten sind Opfer von Diskriminierung

Mit 42 Prozent gab fast die Hälfte aller Befragten an, bereits Opfer von Diskriminierung geworden zu sein – zumeist wegen ihres Geschlechts (16 Prozent), gefolgt von der Herkunft (elf Prozent) und der ökonomischen Lage (zehn Prozent). Nur sechs Prozent davon haben sich an einen entsprechenden Beauftragten gewandt oder den Vorfall angezeigt, 33 Prozent taten nichts. Diskriminierung findet dabei am häufigsten am Arbeitsplatz statt. So gaben 22 Prozent der Betroffenen an, von Arbeitskollegen diskriminiert worden zu sein, 19 Prozent vom Arbeitgeber.