Terrorismus

„Dann ist er in meinen Armen zusammengesunken“

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Eine Schneise der Verwüstung: Der Breitscheidplatz nach dem Terroranschlag vom 19. Dezember 2016

Eine Schneise der Verwüstung: Der Breitscheidplatz nach dem Terroranschlag vom 19. Dezember 2016

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Fast fünf Jahre nach dem Anschlag vom Breitscheidplatz starb Anfang des Monats der Helfer Sascha Hüsges. Sein Mann erinnert sich an ihn

Berlin. Vielleicht wären sie jetzt in der Bretagne unterwegs, einem ihrer Lieblingsziele im Urlaub, und vielleicht würden sie es sich nach einem Rundgang auf dem Markt beim Abendessen im Ferienhäuschen bei frischem Fisch und erlesenen Meeresfrüchten gut gehen lassen. Vielleicht wären sie aber auch auf Usedom. Vielleicht säßen Hartmut und Sascha Hüsges aber auch einfach in ihrer Wohnung in Moabit und würden Pläne für den nächsten Theaterbesuch schmieden. Mit ziemlicher Sicherheit wären Hartmut und Sascha Hüsges jedenfalls gemeinsam unterwegs – und würden sich des Lebens und ihrer Liebe zueinander erfreuen.

Ja, so wäre es wohl. Wenn es da nicht diesen einen Tag gegeben hätte.

Den 19. Dezember 2016. Den Tag, an dem ein Islamist, dessen Name in diesem Text unerwähnt bleiben soll, mit seiner Lkw-Todesfahrt über den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz den bis heute folgenschwersten islamistischen Anschlag der Bundesrepublik verübte.

Der 30-Tonner fuhr nur knapp an ihnen vorbei

Hartmut und Sascha Hüsges wollten damals eine Freundin besuchen, die auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühweinstand betrieb. Dann sahen sie den 30-Tonner auf sich zurasen, er fuhr nur knapp an dem Paar vorbei. „Ich war in Schockstarre und konnte mich nicht vom Fleck bewegen“, erinnert sich Hartmut Hüsges.

Sascha, sein Mann, sei aber sofort aufgesprungen um zu helfen. Als er wieder auftauchte, blutete er am Kopf und wirkte benommen. „Dann ist er in meinen Armen zusammengesunken“, erinnert sich Hartmut Hüsges.

Er half Geflüchteten bei Behördengängen

Was Sascha Hüsges in den Wirren des Geschehens nach dem Anschlag am Kopf traf, ist bis heute nicht geklärt. Klar ist nur: Seit jenem Moment war er ein Pflegefall. Er konnte nicht mehr sprechen, musste künstlich ernährt werden.

Vor gut drei Wochen, am 5. Oktober, starb Sascha Hüsges an den Spätfolgen seiner Verletzungen. Er ist das dreizehnte Opfer des Anschlags. Sein Tod war am Montag durch eine Meldung des RBB bekannt geworden. Sascha Hüsges wurde 49 Jahre alt.

Wenn Hartmut Hüsges über die gemeinsame Zeit spricht, die er mit seinem Ehemann verbringen durfte, über die 29 Jahre ihrer Liebe, wirkt er gefasst. Hüsges spricht über die Zeit, in der sein Mann ums Überleben kämpfte. Über die Zeit, in der die Ärzte ihn in der Schlossparkklinik behandelten. Über die Entscheidung, aus der Hauptstadt nach Troisdorf bei Bonn zu ziehen und das Haus behindertengerecht umzubauen. Über die Zeit, in der er es seinem Liebsten – nach den depressiven Phasen, dem Leiden und der tiefen Unzufriedenheit – zwischenzeitlich etwas besser ging.

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Bei schönem Wetter schob sein Mann ihn auf die Terrasse

An der Fernbedienung des Fernsehers habe er mit der linken Hand selbstständig die Sender auswählen können. Er habe mit den Augen kommunizieren können, gelacht, wenn man Witze erzählt habe. Bei schönem Wetter und Sonnenschein habe er Sascha auf die Terrasse geschoben. „Es gab eine Phase, da dachte ich, der Zustand wäre stabil und wir hätten noch einige Jahre“, sagt Hartmut Hüsges.

Dann senkte sich die Sonne im Leben des Sascha Hüsges endgültig. Sein Immunsystem war ohnehin schon geschwächt. Keime in der Hirnflüssigkeit führten zu einer Meningitis, die schließlich den Tod bringen sollte. „Es war ein fast fünfjähriger Kampf um das Überleben“, sagt Hartmut Hüsges. „Und ich habe diesen Kampf begleitet“.

Sascha sprach seinen späteren Ehemann im Lokal an

Kennengelernt hatte sich das Paar in Köln. Hartmut Hüsges war damals im diplomatischen Dienst beschäftigt. Er hatte eine anstrengende Woche hinter sich, wollte sich vom Arbeitsstress beim Ausgehen erholen.

In einem Lokal wartete der Mann auf ihn, der ihn bis zu seinem Tod begleiten sollte. „Sascha kam einfach auf mich zu, dann haben wir uns verliebt und seitdem sind wir immer zusammengeblieben“, sagt Hartmut Hüsges. Vor zehn Jahren hätten sie ihre Liebe mit einer eingetragenen Lebenspartnerschaft besiegelt.

Sein Mann sei sehr kommunikativ gewesen, viel mehr als er selbst. „Er war immer hilfsbereit und kommunikativ“, sagt Hartmut Hüsges auf die Frage, wie er seinen Mann beschreiben würde.

Sascha unterstützte Geflüchtete, half regelmäßig in einem Heim in der Levetzowstraße in Moabit, unterstützte die neu in Berlin Angekommenen bei Behördengängen. „Manchmal war mir sein Engagement sogar zu viel, weil ich selbst gerne mehr Zeit mit ihm verbracht hätte.“ Hartmut Hüsges hält kurz inne. Dann sagt er: „Am meisten vermisse ich die Kommunikation mit ihm.“

In den Ruhestand, um seinen Mann zu pflegen

Die Kritik, die andere Hinterbliebene an der aus ihrer Sicht mangelnden Unterstützung durch Behörden äußerten, macht sich Sascha Hüsges nicht zu eigen. Die Unfallkasse sei für die Pflege seines Mannes aufgekommen, eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Das habe gut funktioniert. Das Wichtigste aber sei gewesen, dass ihm die Menschen, von denen er Unterstützung erbat, mit viel Empathie begegnet seien. Einiges sei zwar etwas bürokratisch abgelaufen. Aber Bürokratie gehöre eben dazu. Das wisse er durch seinen Job.

Hartmut Hüsges arbeitete im Bundesfinanzministerium, leitete das Referat zur Analyse der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, stand dem Arbeitskreis Steuerschätzung vor. Im Juli vergangenen Jahres ließ er sich in den vorzeitigen Ruhestand versetzen. Um seinen Mann besser pflegen zu können.

Der Name soll in den Gedenkort integriert werden

Vom Berliner Senat erhofft er sich, dass der Name seines Ehemannes in den Gedenkort zu Füßen der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz aufgenommen wird. Der Senat signalisierte am Dienstag seine Bereitschaft dazu. Es sei klar, dass Sascha Hüsges, der Ersthelfer, der seine Einsatzbereitschaft mit dem Leben bezahlte, als Anschlagsopfer anzusehen sei, hieß es. Wenn es der Wunsch der Angehörigen sei, werde der Name selbstverständlich in die Gestaltung des Gedenkortes integriert.

Hartmut Hüsges würde die Aufnahme des Namens seines Ehemannes begrüßen. „Das wäre ein Zeichen der Anerkennung und des Respekts, das er verdient hätte.“