Humboldt-Universität

HU-Präsidentin Sabine Kunst tritt aus Protest zurück

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Joachim Fahrun
Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin.

Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin.

Foto: Britta Pedersen/dpa

Sabine Kunst begründet ihren Rücktritt mit ihrer Unzufriedenheit über das neue Hochschulgesetz der rot-rot-grünen Koalition in Berlin.

Berlin. Die Präsidentin der Humboldt-Universität (HU), Sabine Kunst, tritt zurück. Sie werde ihr Amt zum Jahresende aufgeben, erklärte die Professorin im Akademischen Senat und später in einer längeren Erklärung auf der Internet-Seite der HU.

Die frühere Wissenschaftsministerin von Brandenburg und Ex-Chefin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes begründete ihre Entscheidung mit der Unzufriedenheit über das neue Hochschulgesetz (BerlHG) der rot-rot-grünen Koalition in Berlin. Die neuen Regeln für unbefristete Beschäftigungen von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gefährdeten den errichteten Exzellenzstatus der Humboldt-Universität, so Kunst.

Sabine Kunst: „Gut gemeint, aber schlecht gemacht“

Die politischen Weichenstellungen seien „gut gemeint, aber schlecht gemacht“, so Kunst. Die Änderungen gefährdeten die exzellente Weiterentwicklung der Humboldt-Universität und letztendlich den Wissenschaftsstandort Berlin. Sie können diese politische Entscheidung nicht mit tragen.

Entscheidend für den Exzellenzstatus der HU sei gewesen, dass die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gewonnen werden konnten. Diese Möglichkeiten sieht die Professorin nun in Gefahr. Denn Rot-Rot-Grün hat auch auf Druck vieler Universitäts-Beschäftigter vorgeschrieben, die immer wieder verlängerten befristeten Verträge für Post-Docs, also promovierte wissenschaftliche Mitarbeiter, die auf eine Professur hoffen, zu beenden und sie stattdessen fest an der HU zu beschäftigen.

Das ist aus Sicht von Kunst aber ein Problem. Die Zahl der unbefristet beschäftigten wissenschaftlichen Mitarbeiter werde sich „über die nächsten Jahre hinweg deutlich erhöhen“, warnt sie. Darauf seien die Strukturen aber nicht ausgerichtet. Die Lösung der damit verbundenen Zielkonflikte werde eine Aufgabe der nächsten fünf bis zehn Jahre werden. Es gelte also, eine langfristige Strategie zu entwickeln für Veränderungen auf den verschiedenen Ebenen der Universität, für die gegenwärtig aber keine Gegenfinanzierung in Sicht sei.

Der Zielkonflikt, den Kunst beschreibt, liegt in den Wünschen neuer Professoren. Viele wollen bei einer Berufung einige befristet beschäftigte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitbringen. Für solche Modelle könnte es künftig weniger Raum geben als bisher, weil feste Stellen besetzt sind.

Berliner Landespolitik zeigt sich überrascht

In der Landespolitik war man am Dienstag überrascht über den Schritt von Kunst. Der Regierende Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD) sagte, er nehme den Rücktritt „mit Bedauern und Verwunderung zur Kenntnis“. Die Anforderungen des neuen Hochschulgesetzes mögen anspruchsvoll sein, aber sie seien wichtig „für die langfristige Stärkung des Standorts und im konstruktiven Miteinander zwischen Hochschulen und Senat gut umsetzbar“.

Der Linken-Wissenschaftsexperte Tobias Schulze wunderte sich, weil der Akademische Senat der HU erst vor zwei Wochen einem Personalkonzept auf Grundlage des neuen Hochschulgesetzes zugestimmt habe. Kettenbefristungen von qualifizierten, womöglich habilitierten Wissenschaftlern über 40 aufzuheben, sei auch ein Argument, um erfolgreich um Personal werben zu können.

Kunst befürchtet aber, dass erst ab 2026, wenn die Hochschulverträge auslaufen, ausreichend Geld zur Verfügung stehen könnte, um die Transformation der Personalpolitik auch bezahlen zu können.

SPD-Hochschulexpertin Ina Czyborra räumte Mängel am Hochschulgesetz ein, die auch an anderen Universitäten für Unzufriedenheit sorgten. So fehle eine Übergangsfrist zum neuen System. Darüber werde man in den Koalitionsverhandlungen für eine neue rot-grün-rote Landesregierung reden.

So sei es schwierig, wenn die Universitäten zeitlich befristet Geld aus der Exzellenzinitiative bekommen, aber angehalten seien, dauerhafte Stellen zu schaffen. Für den gesamten Bereich der aus Drittmitteln etwa der Industrie oder der großen Forschungsinstitutionen finanzierten Projekte gelte das aber nicht, hier gebe es weiterhin befristete Stellen.

Der Präsident der Technischen Universität Berlin, Christian Thomsen, sprang Kunst zur Seite. Er kritisierte, mit der Novelle des Hochschulgesetzes habe das Land Berlin „der international viel beachteten Erfolgsgeschichte der Berliner Universitäten einen schmerzhaften Dämpfer versetzt“. Er forderte eine „Novelle der Novelle“. CDU-Wissenschaftsexperte Adrian Grasse verlangte, das Gesetz zurückzunehmen.