Wirtschaft

Gewerkschaft warnt vor Mitarbeiter-Flucht aus Gastronomie

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Joachim Fahrun
Corona-Virus und Personalmangel setzen der Gastronomie in Berlin zu.

Corona-Virus und Personalmangel setzen der Gastronomie in Berlin zu.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Beschäftigte in Hotels und Restaurants verdienen in Berlin 40 Prozent weniger als Mitarbeiter anderer Branchen. Personal fehlt schon.

Berlin. Die Gäste in Berlins Kneipen, Restaurants und Hotels müssen sich mittelfristig auf steigende Preise oder schlechteren Service einstellen. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Berlin hat kurz vor dem Auftakt der Tarifverhandlungen für das regionale Gastgewerbe auf die weit unterdurchschnittlichen Löhne in der Branche hingewiesen und gewarnt, Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte „könnten aus Geldsorgen ihrer Branche immer häufiger den Rücken kehren“.

Zudem dürften die Preise vieler Speisen und Getränke steigen. Zuletzt hatten die großen Brauereien in Deutschland angekündigt, die Preise für Bier spürbar anzuheben. Die Rede ist von 30 bis 50 Cent pro Glas in der Kneipe.

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Vollzeitkräfte im Gastgewerbe verdienen keine 2000 Euro brutto

Hinzu kommen absehbar höhere Löhne für Servicekräfte, Köche und anderes Personal. Die NGG verweist auf eine Analyse der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die Daten der Bundesagentur für Arbeit ausgewertet hat. Demnach verdienen Fachkräfte in Vollzeit im Gastgewerbe 1988 Euro brutto im Monat. Branchenübergreifend liege der Median bei Vollzeit in Berlin bei 3.484 Euro.

„Wenn Hotel- und Gastro-Beschäftigte 43 Prozent weniger verdienen als der Schnitt, dann darf sich keiner darüber wundern, dass sie sich in Zeiten der Corona-Krise einen neuen Job suchen. Denn viele von ihnen mussten monatelang mit dem Kurzarbeitergeld auskommen, ein Teil der Beschäftigten ist noch immer darauf angewiesen. Das sind harte Einbußen bei einem ohnehin niedrigen Einkommen“, betont Sebastian Riesner, Geschäftsführer der NGG-Region Berlin-Brandenburg.

In Kneipen, Restaurants und Herbergen fehlt jetzt schon Personal

Tatsächlich fehlt es in Berlins Kneipen, Restaurants und Herbergen schon jetzt an Personal. Viele Betriebe legen einen zusätzlichen wöchentlichen Ruhetag ein, andere schließen früher oder reduzieren die Zahl der Tische. „Alle suchen“, beschreibt Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes Dehoga Berlin, die Lage. Fachkräftemangel habe es allerdings auch schon vor der Pandemie gegeben, und zwar „vom Empfang über den Chefkoch bis hin zum Kellner“. Lengfelder widerspricht aber der Lesart der Gewerkschaft, dass vor allem das Lohnniveau in Berlin den Mangel auslöse. Schließlich suchten auch andere Branchen vom Einzelhandel über die Pflege oder die Lieferdienste händeringend Personal.

Statistik belegt: Fast ein Drittel weniger Menschen als 2020 arbeiten in der Gastronomie

Die Daten des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg belegen den Schwund von Gastro-Beschäftigten in Berlin. Seit dem Beginn des Jahres 2020 hat sich die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von seinerzeit 80.000 Vollzeitkräften drastisch reduziert. Im ersten Halbjahr 2021 verdienten fast ein Viertel weniger Menschen in Berlin ihr Brot in Hotels oder Gastronomiebetrieben. Das sind noch einmal erheblich weniger als im ersten Corona-Sommer, als der Rückgang gegenüber den Vor-Pandemiezeiten nur halb so stark ausgefallen war. Dabei sind dem eigentlichen Beherbergungssektor, also Hotels und Pensionen, deutlich weniger Mitarbeitende abhanden gekommen als Kneipen, Cafés und Restaurants. Hier betrug der Rückgang fast ein Drittel, obwohl inzwischen die allermeisten der rund 19.000 Gastronomiebetriebe der Stadt wieder geöffnet haben.

Überall in Deutschland sind die Löhne in der Branche vergleichsweise niedrig

Dass man regulär in der Gastronomie und Hotellerie im Vergleich zu anderen Branchen nicht viel Geld verdient, ist allerdings kein Berliner Phänomen. Die Löhne in Berlin rangieren etwa auf dem Niveau des gesamten Bundesgebietes, wie die Analyse der Böckler-Stiftung zeigt. Nur in einzelnen wohlhabenden Städten mit insgesamt höherem Lohnniveau bekommen auch die Gastro-Leute merklich mehr Geld als in Berlin. In München liegt der Median der Branche bei 2219 Euro monatlich, in Frankfurt am Main bei 2237 und Stuttgart bei 2102 Euro. Der Wert für Ostdeutschland beträgt hingegen 1831 Euro im Monat, deutlich weniger als in Berlin.

In der Hauptstadt unterscheidet sich die Bezahlung auch nach der ausgeübten Tätigkeit. Wer Speisen zubereitet, geht mit 2076 Euro brutto im Monat nach Hause. Ausgebildete Hotellerie- und Tourismusfachkräfte verdienen knapp 2000 Euro. Servicekräfte, Barkeeper, Zapfer, Spülkräfte und andere Berufe, die die Statistiker unter Gastronomie zusammenfassen, kommen in Berlin auf 1844 Euro, also noch einmal mehr als 150 Euro weniger als in der Branche insgesamt.

Gewerkschaft verlangt mindestens 13 Euro als Lohnuntergrenze und mehr Geld für alle

Die Gewerkschaft NGG verlangt für die am Donnerstag beginnende Tarifrunde erhebliche Lohnsteigerungen. Obwohl die Wirte und Hoteliers ebenfalls stark von den Folgen der Corona-Pandemie getroffen seien, müsse alles dafür getan werden, Löhne und Arbeitsbedingungen attraktiver zu machen. Gelinge das nicht, dürfte es in vielen Hotels, Gaststätten und Cafés schon bald nicht mehr genügend Personal geben, warnt NGG-Gewerkschafter Riesner. Die NGG fordert eine armutsfeste untere Lohngrenze von 13 Euro für die Branche und eine entsprechende Erhöhung der übrigen Löhne sowie ein Plus bei den Ausbildungsvergütungen von monatlich 200 Euro.