Nachhaltigkeit

Dank Mehrweg weniger wegwerfen

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Alexander Rothe
Den wiederverwendbaren Kaffeebecher sieht man bereits häufig. In der Gastronomie wird immer mehr Wert auf Mehrweggeschirr gelegt.

Den wiederverwendbaren Kaffeebecher sieht man bereits häufig. In der Gastronomie wird immer mehr Wert auf Mehrweggeschirr gelegt.

Foto: anyaivanova / Shutterstock/anyaivanova

Mehr und mehr Gastronomiebetriebe setzen auf Mehrweggeschirr und vermeiden dadurch Verpackungsmüll. Ab 2023 wird es Pflicht.

Berlin. Eine Kundin betritt den Laden und bestellt sich Frühstück zum Mitnehmen: Ein Coffee-to-Go, ein Müsli und ein belegtes Brötchen. Nach der Zubereitung des Getränks wird das Smartphone gezückt, die Kamera auf den metallenen Becher gehalten und der darauf klebende QR-Code gescannt. In der App wird nun angezeigt: Ausgeliehen. Als das Müsli fertig ist, bleibt das Telefon in der Tasche, nur der Geldbeutel wird hervorgekramt: Eine kleine Summe fällt als Pfand an für das Glas, in das das Müsli gefüllt wird. Das Brötchen kommt direkt in die eigens mitgebrachte Brotdose.

Immer mehr Gastronomiebetriebe setzen auf sogenannte Mehrwegsysteme, bei denen Speisen und Getränke nicht in Gefäßen ausgegeben werden, die nach einmaliger Nutzung weggeschmissen werden, sondern wiederverwendbar sind. Insgesamt gibt es drei Ansätze: Kundinnen und Kunden können sich Gefäße selbst mitbringen oder das Geschirr ausleihen – vom Gastronomiebetrieb selbst oder von einem externen Anbieter, der dem Betrieb die Behältnisse zur Verfügung stellt.

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Becherausleihe per App

Der Bioladen Ökotussi in Kreuzberg bietet alle drei Optionen an und will auf diese Weise Einwegverpackungen den Kampf ansagen. Für Heißgetränke und Speisen gibt es Becher und Schalen vom Anbieter Vytal, die in jedem teilnehmenden Laden abgegeben werden können. Die Ausleihe funktioniert entweder über eine App oder eine Kundenkarte, die für zehn Euro erworben werden muss. Diese Summe entspricht dem Preis für die ausgeliehenen Gefäße, die nicht nach spätestens zwei Wochen zurückgegeben wurden. „Wir hatten am Anfang viele Diskussionen mit den Leuten, warum denn eine App notwendig sei, doch mittlerweile haben sie sich viele runtergeladen oder eine Karte zugelegt“, erzählt Tanja Rabe, die mit ihrer Geschäftspartnerin Karin Siewert den Laden 2007 eröffnet hat.

Doch es geht auch ohne App: Das Fisch.Taxi in Wilmersdorf nutzt seit mehr als einem halben Jahr die Gefäße des Anbieters Recup, der keine Online-Registrierung verlangt, sondern die Zahlung von einem Euro pro Ausleihe. Im Becher wird Kaffee serviert, in der Schale Fischspeisen. Leider gestalte sich die Herausgabe von Recup-Bechern bisher schwierig: „Während der Lockdown-Zeit haben wir circa zehn Becher pro Tag verkauft, heute sind es zehn pro Woche“, sagt Geschäftsführer Dominik Stumper.

Mäßiger Rücklauf bei hauseigenen Gläsern

Viel besser würden die Einmachgläser angenommen, die der erst im September 2020 gegründete Fischladen seit seiner Eröffnung führt. „Wir haben unseren Lieferkunden eigentlich keine Chance gelassen, sich gegen das Ausleihsystem zu entscheiden“, sagt der 26-Jährige. „Natürlich klären wir das vor der Lieferung ab, aber bisher gab es keine Kunden, die das nicht angenommen haben.“ Anfangs seien viele Gläser nicht zurückgegeben worden, mittlerweile sei die Rücklaufquote besser.

Auch bei Ökotussi sei dieses Problem bekannt: Da viele der hauseigenen Gläser anfangs nicht zurückgebracht worden seien, habe man sie eine Zeit lang aus dem Sortiment genommen. „Die sind nun mal auch ziemlich praktisch“, führt Rabe als Begründung für den eher mäßigen Rücklauf an. „Wir haben in den letzten fünf Jahren 1500 Gläser erworben, müssen allerdings immer wieder nachkaufen.“

Befüllung der Kundenbehälter verboten? Ein Irrglaube

Außerdem bieten beide Läden ihren Kundinnen und Kunden an, ihr Geschirr selbst mitzubringen, was auch viel genutzt werde: „15 bis 20 Prozent unserer Kundschaft – vor allem Ältere – bringt sich eigene Gefäße mit, was für uns am einfachsten ist“, erzählt Stumper vom Fisch.Taxi. „Wegen Corona dürfen wir die Gefäße jedoch nur auf Tabletts auffüllen.“ Generell gelten für dieses sogenannte Individualmehrwegsystem strenge Hygienevorschriften. Seitlich an der Kaffeemaschine von Ökotussi hängt deshalb eine kleine Check-Liste für die Mitarbeitenden, auf der steht, was in Fällen von selbst mitgebrachten Behältern beachtet werden muss. „Unter vielen Gastronomiebesitzern existiert immer noch der Irrglaube, dass die Befüllung von Gefäßen, die die Kundschaft mitbringt, nicht erlaubt ist“, erzählt Rabe.

Die Einführung von Mehrwegsystemen bedeutet nicht, dass damit keine Einwegverpackungen mehr herausgegeben werden. Sowohl Ökotussi als auch Fisch.Taxi bieten weiterhin Einwegverpackungen in Form von Papp-Bechern und -Schalen an. Bei Letzterem würden diese lediglich als Reserve fungieren: „Vor zwei Monaten haben wir 500 Einwegverpackungen auf Vorrat gekauft, von denen jetzt noch 480 übrig sind.“ Tanja Rabe von Ökotussi hingegen sieht weiterhin eine stärkere Nachfrage nach Einwegverpackungen, weshalb im individuellen Gespräch mit der Kundschaft wie auch durch kleine Anreize auf die wiederverwendbaren Alternativen aufmerksam gemacht werde: „Auf jeden selbst mitgebrachten Kaffeebecher gibt es bei uns zehn Prozent Rabatt.“ Dennoch merke sie, dass eine Trendwende im Gange sei, insbesondere seit der Einführung von Vytal. „Es gibt immer mehr Schulkinder, die morgens mit dem eigenen Brotbeutel in den Laden kommen.“

Mehrwegpflicht ab 2023

Insgesamt würden sich die Mehrwegalternativen rechnen und bedeuteten auch keinen zusätzlichen Arbeitseinsatz für beide Läden – die Spülmaschine werde so oder so angeschmissen. Außerdem weist Stumper auf die sich bald verändernde gesetzliche Lage hin: „Die Pflicht für Mehrwegsysteme kommt, warum sollten wir mit der Einführung warten?“ Demnach sind ab Januar 2023 alle großen Gastronomiebetriebe in Deutschland dazu verpflichtet, Mehrwegverpackungen anzubieten. Diese dürfen nicht teurer als die Einwegsysteme sein und müssen kommuniziert werden. Kleine Betriebe, mit weniger als fünf Mitarbeitenden sind von dieser Verordnung zwar ausgeschlossen, müssen aber sicherstellen, dass Kundinnen und Kunden selbst mitgebrachte Gefäße auffüllen lassen können.

Um diese Umstellung so früh wie möglich einzuleiten, unterstützt die durch das Bundesumweltministerium geförderte Kampagne „Essen im Mehrweg – wir machen mit!“ Gastronomiebetriebe in Berlin und Bremen bei der Einführung der neuen Systeme. „Es gibt von den Betrieben, den Städten und Kommunen eine verstärkte Nachfrage“, erklärt Tanja Menkel von LIFE e. V. Bisher würden 45 Gastronomieunternehmen an der Kampagne teilnehmen, davon 15 in Berlin. „Gemäß einer groben Schätzung vorab gehen wir von mindestens 30.000 eingesparten Einwegverpackungen aus, eher aber mehr.“ Bei ungefähr 5000 Restaurant, Cafés und Bars in Berlin ist diesbezüglich noch viel Luft nach oben.