Stadt der Tiere

Wenn es in der Videokonferenz piept, miaut oder bellt

| Lesedauer: 8 Minuten
Susanne Kollmann, Anett Seidler und Philipp Siebert
Philipp Siebert mit seinem Mischlingshund Floki.

Philipp Siebert mit seinem Mischlingshund Floki.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Ein Haustier zu haben, kann so schön sein. Manchmal ist es unfreiwillig lustig. Erfahrungsberichte der Redaktion.

Zu Hause arbeiten zu können, ist eine tolle Sache. Diese Erfahrung haben in der Corona-Pandemie auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Redaktion gemacht. Die Küche mit Kaffeemaschine und Kühlschrank ist nur wenige Schritte entfernt, der Arbeitsweg entfällt – besonders angenehm bei Früh- und Spätdiensten, und meist herrscht auch eine wohltuende Ruhe.

Allerdings erhöht sich der Gesprächs- und Abstimmungsbedarf, nicht nur mit den Kollegen, sondern auch in den eigenen vier Wänden. Vor allem wenn es tierische Mitbewohner gibt. Denn wie erklärt man einem Hund oder einer Katze, dass Frauchen oder Herrchen zwar zu Hause ist, aber dennoch nicht den erwarteten Rund-um-die-Uhr-Service leisten kann.

Andererseits haben wir nach all den Videokonferenzen mittlerweile nicht nur eine gewisse Ahnung, wie die Kollegen wohnen, sondern auch, mit wem sie sich ihr Heim teilen. Subjektiver Eindruck (sorry, liebe Hundefreunde): Unsere Redaktion wird von Katzenliebhabern dominiert. Kaum eine Abstimmung per Videochat, in der nicht eine Samtpfote mal kurz durchs Bild huscht oder sich dominant vor die Kamera drängt.

An dieser Stelle lassen wir Sie teilhaben, an unseren Erlebnissen und Erfahrungen – mit Hund, Katze und Vogelspinne. Und wir wissen, wir sind nicht allein. Laut Industrieverband Haustierbedarf leben derzeit in deutschen Haushalten rund 15,7 Millionen Katzen, 10,7 Millionen Hunde, fünf Millionen Kleintiere wie Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster und Mäuse sowie 3,5 Millionen Ziervögel wie Sittiche, Kanarienvögel und Kleinpapageien.

Das Hundekind weicht nicht von meiner Seite

Vor einem Jahr hätte ich nie gedacht, dass ich mal einen Hund haben würde. Und bis vor einem Dreivierteljahr, meine Freundin hatte mich mittlerweile überzeugt, dachte ich, dass es ein schwarzer werden müsste. Dann zeigte sie mir ein Foto des kleinen Mischlings, nur wenige Wochen alt, ganz klein und tapsig, und ich hab mich sofort verliebt. Floki war kurz nach seiner Geburt Ende 2020 mit seinen Geschwistern in Rumänien im Industriemüll entsorgt worden. Nicht alle Welpen überlebten, doch die übrigen kamen bei einer Tierschutzorganisation unter und sollten schnellstmöglich in ein richtiges Zuhause vermittelt werden.

Als der Kleine Ende März bei uns ankam, hatte er noch keinen Namen. Die ersten Tage nannten wir das knapp 4,2 Kilogramm leichte Fellknäuel einfach „Hundi“. Während wir Pipi-Pfützen vom Laminat aufwischten, Möbel vor Knabber-Attacken retteten, verschleppte Socken suchten und unser Mittagessen gegen ihn verteidigten, fiel die Wahl schließlich auf „Floki“. Der hat uns vom ersten Tag an vertraut und weicht uns bis heute nicht von der Seite.

Setzen wir uns auf die Couch, rollt er sich neben uns ein. Steht einer auf und verlässt den Raum, springt auch er auf, folgt und setzt sich mit erwartungsvollen Augen dazu. Die Pfützen in der Wohnung gehören inzwischen der Vergangenheit an und die Möbel sind auch sicher vor seinen Zähnen. Dafür denkt er sich fast täglich neue Marotten aus. Derzeit schnappt er sich mit Vorliebe Schuhe aus dem Flur, um sie irgendwo anders in der Wohnung abzulegen oder sie einem als Geschenk zu bringen.

Floki ist mittlerweile fast elf Monate alt, wiegt um die zwölf Kilogramm und ist mitten in der Pubertät. Bis zum zweiten Geburtstag kann diese Phase gehen, in der Hunde immer wieder ihre Grenzen austesten und schwer zu kontrollieren sind – dessen sollte sich jeder, der sich einen Welpen anschafft, bewusst sein. Seine Flausen gehen mitunter sehr an die Nerven. Wieder hergeben würde ich den Kleinen aber für kein Geld der Welt.

Kater Kalle wie im Schlaf die Karriereleiter hinauf

Kalles Aufstieg auf der Karriereleiter unserer Redaktion ging schnell. Dabei machte er eigentlich nur das, was er sonst auch tut: einfach sein Ding. Doch innerhalb kürzester Zeit wurde mein Kater zu einem geschätzten Teilnehmer der Videokonferenzen. Ein Seminar hat er dafür nicht absolviert, an die wichtigste Etikette hält sich Kalle intuitiv. Vor die Kamera tritt er stets gut frisiert und perfekt angezogen: Pelz – braun-schwarz-getigert mit weißen Flecken.

Kalles bevorzugte Konferenzzeit ist nachmittags, nach dem Mittagsschlaf. Seitdem wir das wissen, versuchen wir, uns bei der Planung danach zu richten. An den Videorunden beteiligt er sich nicht nur lautstark durch forderndes Miauen, Naschen an meinen Keksen und schnurrendes Betteln um Streicheleinheiten, er liefert für die Kollegen auch eine unterhaltsame Bildgestaltung: Mal wächst mir ein Katzenohr an der Schulter, mal wedelt sein Schwanz vor meinem Gesicht, mal drängt er sich in voller Größe vor die Kamera.

Die für ihn interessanteste Konferenz war, als ein Kollege von einer Maus berichtete, die urplötzlich bei ihm im Arbeitszimmer aufgetaucht war. Kalle spitzte die Ohren, bot sofort ganz uneigennützig seine Expertise an.

Eigentlich ist mein Kater mit seinen 13 Jahren ein erfahrener und abgeklärter Gesprächsteilnehmer, doch zweimal hat ihn eine Konferenz so aufgeregt, dass ihm ganz schlecht wurde. Leider bekamen alle in der Runde sein lautstarkes Protestwürgen mit.

Kalle weiß, auch andere Redaktionskollegen haben interessierte und engagierte Katzen. Wenn er also mal keine Lust zur Teilnahme hat, schickt er Pina, Rosi, Tapsi und Schmidt als Vertretung in unsere Videorunden, und ab zu mal auch seine Schwester Bine. Als aufstrebende Führungskraft hat er das mit dem Delegieren rasch begriffen.

Manchmal lassen wir nach den Konferenzen alles noch einmal Revue passieren. Meist ist es ein Monolog: Ich doziere, und Kalle heuchelt für einen Moment Aufmerksamkeit. Dann rollt er sich zusammen und schläft. Karriere kann anstrengend sein.

Vogelspinne Trude überzeugt auf den zweiten Blick

Oh Gott, dein Ernst? Warum? Sind die ersten Reaktionen, wenn ich meine Mitbewohnerin erwähne. Auf die Fragen folgt meist ein skeptischer, gerne auch angewiderter Blick. Von einer direkten Vorstellung unter zehn Augen sehe ich mittlerweile ab, teilen doch nicht so viele Menschen meine Faszination, wie ich dachte. Meine alte Wohnung in Essen haben einige Bekannte nicht mehr betreten. Bevor es in meine Berliner Wohnung geht, kommt daher erst ein „Was ich dir noch sagen wollte…“

Wer Trude aber erstmal aus der Nähe gesehen hat, widerlegt oft den ersten Gedanken. Sie sieht in Wirklichkeit gar nicht so ekelig aus, wie in den Köpfen ausgemalt. Mit ihrem rosafarbenen Korpus, der leicht metallisch schimmert, und dem flauschigen Po läuft sie ihrem Alter entsprechend gemütlich durch ihr Terrarium. Mittlerweile ist sie um die 17 Jahre alt und seit 14 Jahren an meiner Seite. Einige Jahre sollten wir noch miteinander verbringen, besagen Forschungen über die Rote Chile-Vogelspinne. Nicht ganz so träge ist Trude, wenn ich ihr eine Heuschrecke serviere. Dann mutiert sie zu einer flinken Jägerin, gleichzusetzen mit einer unterzuckerten Frau, die nach Süßem giert. Für mich ist es bis heute faszinierend zu beobachten, wie sie lossprintet, sich ihr Futter erjagt.

Sie kann aber auch anders. Beim Thema Wasser reagiert sie, sagen wir mal, eher wie ein Mädchen. Das mag sie nämlich gar nicht. Wenn ich ihr Terrarium säubere, setze ich sie in eine Schale. Sie scheint zu merken, dass ihr Zuhause danach vorerst nicht bewohnbar ist und versucht auszubüxen. Aber mit der für alte Damen angepassten Geschwindigkeit, Schnelligkeit zählt nur beim Essen. Die Erde kaufe ich nämlich gepresst, weiche sie danach in Wasser auf. Demnach ist der Boden einige Zeit etwas feucht. Ihre zarten Füße scheinen das nicht zu mögen, drum hängt sie tagelang an der Wand. Ich würde zu gern ihren Gesichtsausdruck sehen können. Der ähnelt vermutlich dem der meisten Besucher.