Bildung

Ganztagsbetreuung: Berlin braucht Zehntausende neue Plätze

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Nicole Dolif
In Berlin fehlen Tausende Betreuungsplätze.

In Berlin fehlen Tausende Betreuungsplätze.

Foto: Picture Alliance

Bis 2029 müssen an den Grundschulen der Hauptstadt 30.000 bis 43.000 neue Betreuungsplätze entstehen

Berlin/München. Auch in diesem Jahrzehnt müssen an Berliner Grundschulen zwischen 30.000 und 43.000 neue Ganztagsplätze geschaffen werden. Das ergeben Berechnungen einer umfangreichen Studie des Deutschen Jugendinstituts, die zu Beginn der Woche vorgestellt wurde. Der Bedarf entspricht einem Ausbau des bisherigen Ganztagsangebots um 29 bis 40 Prozent und liegt damit im bundesweiten Durchschnitt.

Momentan kann Berlin neun von zehn Familien, die einen Ganztagsplatz beantragen, ein ordentliches Betreuungsangebot machen, doch der Bedarf wird laut Studie in den kommenden Jahren rapide ansteigen. Hintergrund ist der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder, dem der Bundestag und der Bundesrat im September zugestimmt haben. Der Anspruch wird ab 2026 schrittweise an den Schulen eingeführt. Bundesweit fehlen dadurch nach den Angaben des Instituts bis 2029 rund 600.000 Ganztagsplätze, besonders großer Bedarf bestehe in den westdeutschen Flächenländern.

Um den berechneten Bedarf in Berlin decken zu können, müssten laut Studie insgesamt bis zum Schulstart im Herbst 2029 zwischen 1200 bis 2400 neue Vollzeitstellen geschaffen und 136 bis 193 Millionen Euro investiert werden. Dazu kämen zusätzliche jährliche Betriebskosten von 80 bis 185 Millionen Euro im Schuljahr 2029/2030.

Eine Mammutaufgabe, der die Senatsbildungsverwaltung jedoch überwiegend gelassen entgegen gesehen wird. „Was die Ganztagsplätze angeht steht Berlin schon heute gut da“, sagt Martin Klesmann, Sprecher der Verwaltung auf Anfrage der Morgenpost. Und das werde auch in Zukunft so bleiben. „Durch die Schulbauoffensive entstehen in den nächsten Jahren 60 Schulen neu und andere werden ausgebaut, deshalb sollte es kein Problem sein, den steigenden Bedarf an Räumlichkeiten zu decken.“

Auch bei den zusätzlich benötigten Fachkräften, bei denen es sich vor allen Dingen um Erzieherinnen und Erzieher handeln wird, ist die Verwaltung optimistisch. „Die Ausbildungskapazitäten konnten bereits jetzt erhöht werden“, so Klesmann. Befanden sich im Jahr 2012/2013 gerade mal 6903 Erzieherinnen und Erzieher an den Fachschulen für Sozialpädagogik, sind es im Jahr 2020/2021 immerhin 10.509. Und man gehe davon aus, dass die Zahl der Absolventen weiter steige und der Bedarf so auch hier gedeckt werden könne.

Kritik kommt dennoch von Tom Erdmann, Vorstand der Bildungsgewerkschaft GEW: „Das sind trotzdem noch immer viel zu wenig Fachkräfte“, sagt er. Er nennt den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung „gut gemeint, aber nicht gut gemacht“. „Um dem nun steigenden Bedarf gerecht zu werden, muss es ganz schnell eine große Ausbildungsoffensive geben, damit wirklich zur richtigen Zeit genügend Fachkräfte zur Verfügung stehen“, so Erdmann.

Paul Fresdorf, Bildungspolitischer Sprecher der FDP, ist skeptisch, ob Berlin das ohne Weiteres schaffen kann. „Es ist schlichtweg zu wenig Personal vorhanden, um den Bedarf an Ganztagsbetreuung für die Schülerinnen und Schüler in Zukunft zu decken.“, sagt er. „Und dies ist leider nur die Spitze des Eisbergs.“

Der Druck auf die Schulen werde in Zukunft auf jeden Fall weiter steigen, prognostiziert Elvira Kriebel, Referentin beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin und Sprecherin des Berliner Bündnis Qualität im Ganztag. „Es ist eine riesige Aufgabe, die wir hier bewältigen müssen“, sagt sie. Es gehe nicht nur darum, für jedes Kind irgendwie einen Platz zu finden, „vielmehr müssen wir dafür sorgen, dass die Ganztagsbetreuung keine Aufbewahrung ist. Die Qualität muss stimmen, wir müssen den Kindern, die den ganzen Tag in der Schule sind, etwas anbieten, wir müssen einen Lebensort schaffen“.

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