Gesundheit

Neue Arztpraxen für drei Berliner Bezirke

| Lesedauer: 5 Minuten
Peer Hauschild
Wer bereits einen Hausarzt hat, kann sich glücklich schätzen.

Wer bereits einen Hausarzt hat, kann sich glücklich schätzen.

Foto: Jens Büttner / dpa

In Berlin gibt es einen Hausärztemangel. Die Kassenärztliche Vereinigung öffnet deswegen eigene Hausarztpraxen.

Berlin. Wer in Marzahn-Hellerdorf einen festen Hausarzt hat, zu dem er jederzeit kommen darf, wenn ihn eine Erkältung oder ein anderes Übel quält, kann sich glücklich schätzen. Denn in immer mehr Hausarztpraxen heißt es lapidar: „Tut uns leid, aber wir nehmen keine neuen Patienten mehr auf.“ Oft sind dann längere Wartezeiten auf einen Termin die Regel.

21 Millionen Euro will die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin daher in den kommenden Jahren in neue Hausarztstellen investieren. Mit dem Förderprogramm soll die ärztliche Versorgung in den Bezirken Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick verbessert werden.

Hausarztversorgung im Osten Berlins verschlechtert sich weiterhin

Bereits im vergangenen Jahrzehnt verschlechterte sich die Versorgung mit Hausärzten in einigen Berliner Bezirken zusehends. Zwar gehört Berlin insgesamt gesehen zu den gut versorgten Regionen in Deutschland. Doch der Unterschied zwischen den einzelnen Bezirken wächst zunehmend. Während 2016 beispielsweise der Versorgungsgrad in Charlottenburg-Wilmersdorf bei 148 Prozent lag, waren es in Marzahn-Hellersdorf lediglich 103 Prozent. Heute sind es nur noch 90,3.

Bereits während seiner Amtszeit als Gesundheitssenator hatte 2013 Mario Czaja ein Letter of Intent zwischen seiner Senatsverwaltung, der KV Berlin sowie der AOK und weiterer Ersatzkassen erarbeiten lassen. Darin wurde festgeschrieben, dass neue Stellen nur in Bezirken mit einem geringen Versorgungsgrad vergeben werden dürfen. Doch die Zahl der Hausärzte sank in diesen Bezirken trotzdem weiter.

Bisherige Konzepte des Senats griffen nicht

Kritiker, wie Wolfgang Albers, gesundheitspolitischer Sprecher der Fraktion der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus, werfen Czaja angesichts sinkender Hausarztzahlen ein Scheitern seines Konzept vor. „Bei dem Konzept wurde zu stark auf die Aufgabe von Praxen in gut versorgten Bezirken und die Eröffnung neuer in den unterversorgten gesetzt“, so Albers. Darüber hinaus wäre die Zusammenarbeit mit den Bezirken zu kurz gekommen.

Mario Czaja, der seinen Wahlkreis in Marzahn-Hellersdorf und damit in einem solchen geringer versorgten Bezirk hat, hält dagegen, dass von seinen Nachfolgern das Konzept nicht weiterentwickelt worden sei. Gestern nun lud er den Vorstand der KV Berlin in seinen Wahlkreis ein, mit der Bitte, das neue Förderprogramm vorzustellen.

Umfangreiches Förderprogramm für Hausärzte

Dr. med. Burkhard Ruppert, Vorstand der KV Berlin, hob die Besonderheit des Programms hervor: „Es handelt sich um das umfangreichste Förderprogramm zur Verbesserung der Hausarztversorgung, das in Berlin jemals aufgelegt wurde“. Dabei hätte die Vertragsärzteschaft die Erarbeitung intensiv unterstützt und die Vertreterversammlung in der vergangenen Woche grünes Licht gegeben. „Wichtig ist uns, dass es sich dabei um kein Konkurrenzprogramm zu den bereits niedergelassenen Ärzten handelt“, so Ruppert.

Erstmals plant die KV, einen eigenen Praxisbetrieb in den betroffenen Bezirken zu gründen. Diese GmbH wird dann Ärzte anstellen. „Wir haben immer wieder festgestellt, das gerade junge Ärzte den Schritt in die Selbstständigkeit scheuen und lieber im Angestelltenverhältnis arbeiten möchten“, sagte Ruppert. So hätten sich 2017 von 50 Ärzten, die in Berlin ihre Tätigkeit aufnahmen, nur 20 bei der KV gemeldet. Den im Eigenbetrieb angestellten Ärzten will die KV nach einigen Jahren das Angebot machen, die Praxis zu übernehmen.

Finanzielle Unterstützung und Stipendien in Aussicht gestellt

Ärzte, die sich in den Bezirken Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und Treptow-Köpenick neu niederlassen beziehungsweise eine Praxis übernehmen wollen, können eine finanzielle Unterstützung von bis zu 60.000 Euro erhalten. Wer eine Zweigpraxis einrichten möchte, wird ebenfalls mit bis zu 40.000 Euro gefördert. Niedergelassene Vertragsärzte, die in der hausärztlichen Versorgung arbeiten und einen zusätzlichen Arzt anstellen möchten, erhalten eine Fördersumme bis zu 30.000 Euro. Darüber hinaus will die KV auch in die Ausbildung von nicht-ärztlichen Praxisassistenten investieren. Für Medizinstudenten und für Ärzte die ein Praktikum in der hausärztlichen Versorgung machen, werden Stipendien vergeben.

Neben der finanziellen Förderung sieht der Vorstand der KV aber auch andere Faktoren für wichtig an. „Wir wollen enger mit den Bezirken zusammenarbeiten. Dabei wird es um die Suche geeigneter Praxisräume ebenso gehen wie beispielsweise um Kita-Plätze“, so Ruppert. Denn oft seien auch solche weichen Faktoren entscheidend, in welchem Bezirk sich ein Arzt niederlässt.

Bezirke Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg wollen unterstützen

Dagmar Pohle, Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf, nimmt den neuen Kurs der KV Berlin zur Kenntnis. Gemeinsam mit ihrem Amtskollegen, Michael Grunst aus Lichtenberg, sagt sie eine Zuarbeit aus den Bezirken zu: „Wir haben die notwendige Arbeitsstruktur geschaffen, um die Umsetzung des Programms in unseren Bezirken zu unterstützen.“

Die KV Berlin rechnet damit, dass im zweiten Halbjahr 2022 erste Ergebnisse des Förderprogramms zu verzeichnen sein werden. Ob allerdings gleich ein Anwachsen der Zahl der Hausärzte zu verzeichnen sein wird oder aber der Abwärtstrend erst einmal nur verlangsamt werde, könne man nicht sagen. Es gilt also weiterhin: Wer bereits einen Hausarzt hat, kann sich glücklich schätzen.