Evakuierung aus Kabul

Müller: Berlin auf Ortskräfte aus Afghanistan vorbereitet

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Jens Anker (mit dpa)
Kurz nach der Landung werden die afganischen Geflüchteten von deutschen Sicherungskräften aus dem Airbus A400M geleitet.

Kurz nach der Landung werden die afganischen Geflüchteten von deutschen Sicherungskräften aus dem Airbus A400M geleitet.

Foto: dpa

In Berlin sind bislang 192 Flüchtlinge aus Afghanistan angekommen. Müller sieht das Land für die Aufnahme gut gerüstet.

Potsdam. Erst am Montag sind die ersten Ortskräfte aus Afghanistan mit ihren Angehörigen im Rahmen der Rettungsaktion der Bundeswehr in Berlin angekommen. Mit 35 Menschen war das noch eine sehr überschaubare Gruppe. Am Dienstag ist die Zahl nach weiteren Ankünften deutlich gestiegen. Mittlerweile seien 192 Menschen über die Luftbrücke aus Afghanistan zunächst nach Frankfurt am Main und dann nach Berlin gekommen, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Dienstag nach einer Senatssitzung, bei der über das Thema beraten wurde. Und der Senat stellt sich darauf ein, dass es noch mehr werden. Berlin sei darauf vorbereitet, versicherte Müller. Unterbringungsmöglichkeiten stünden zur Verfügung, auch eine ärztliche Versorgung lasse sich sicherstellen.

Die Ortskräfte aus Afghanistan und ihre Angehörigen müssten zunächst mit dem Allernötigsten ausgestattet werden. „Es kommen Menschen an, die nicht mal eine Plastiktüte bei sich haben mit irgendwelchen persönlichen Dingen. Sie haben genau das mitgebracht, was sie am Körper haben“, so der Regierende Bürgermeister. „Das bedeutet, dass diejenigen hier auch erstmal mit Kleidung, mit entsprechenden Hygieneartikeln ausgestattet werden müssen.“ Das sei auch sichergestellt. Insofern sei Berlin vorbereitet sowohl auf Aufnahme und Weiterverteilung von Menschen, die in die Hauptstadt kämen als auch darauf, dass ein Teil von ihnen zumindest mittelfristig hier bleibe.

In der Nacht zu Dienstag und in den frühen Morgenstunden sind laut einer Sprecherin der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales mehr als 150 weitere Menschen aus Afghanistan in Berlin eingetroffen. Sie seien in der Nacht und in den frühen Morgenstunden mit mehreren Bussen vom Flughafen Frankfurt in die Hauptstadt gebracht worden.

Aufnahme von Ortskräften in Berlin: Flüchtlingsunterkunft wieder reaktiviert

Bereits am Montag sei für die ersten Ankommenden eine frühere Geflüchtetenunterkunft, die bereits geschlossen war, wieder „hochgefahren“ worden, sagte die Sprecherin. Diese Einrichtung sei inzwischen komplett belegt. Deswegen solle eine zweite ehemalige Geflüchtetenunterkunft ebenfalls zur Unterbringung von Ortskräften und ihrer Angehörigen genutzt werden, mit deren Ankunft die Senatsverwaltung für die nahe Zukunft rechnet.

Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) wies darauf hin, dass die Afghanen erschöpft und traumatisiert seien. „Sie sind immer noch bedroht, und sie benötigen jetzt erst einmal Ruhe, um hier anzukommen.“ Wo genau sie untergebracht werden, teilte die Senatsverwaltung aus diesem Grund nicht mit.

Bei den Ortskräften handelt es sich um Menschen, die in Afghanistan für die Bundeswehr oder Hilfsorganisationen unter anderem aus Deutschland gearbeitet haben. Für sie besteht nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban nach Einschätzung des Westens große Gefahr für Leib und Leben.

Nach Angaben der Senatsverwaltung ist Berlin ein Verteilzentrum. Das bedeutet, dass nur ein Teil der Afghanen, die zunächst in die deutsche Hauptstadt gebracht werden, auch dort bleibt. Die übrigen werden auf weitere Bundesländer verteilt. In Brandenburg waren bereits am Freitag die ersten afghanischen Ortskräfte angekommen und in die Erstaufnahme-Stelle in Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) gebracht worden.

Brandenburg will afghanische Ortskräfte dauerhaft aufnehmen

Brandenburg steht vor ähnlichen Herausforderungen und will die im Land angekommenen Ortskräfte aus Afghanistan auch dauerhaft aufnehmen. Das erklärte Innenminister Michael Stübgen (CDU) am Dienstag. "Wir hoffen, damit einen Beitrag leisten zu können, die weiteren Belastungen für die geretteten Menschen möglichst gering zu halten und aufwendige Bürokratie zu vermeiden." Die Verteilung aller in Deutschland angekommenen Ortskräfte obliege aber dem Bundesinnenministerium, so Stübgen weiter. Brandenburg tausche sich derzeit eng mit dem Bund und den anderen Bundesländern aus, um weitere Abläufe zur Aufnahme der Ortskräfte zu klären. Zunächst hatten die "Potsdamer Neuesten Nachrichten" berichtet, dass Land wolle 300 Ortskräfte dauerhaft aufnehmen.

Afghanische Ortskräfte: "Eine Bereicherung für unser Land"

Nach Angaben des Innenministeriums sind mittlerweile 265 Menschen, davon 125 Kinder und Jugendliche, in Brandenburg angekommen und werden erstversorgt. "Wir wollen, dass die Menschen zur Ruhe kommen können und kümmern uns um die Erledigung aller notwendigen Formalitäten der Erstaufnahme", sagte Stübgen.

CDU-Fraktionschef Jan Redmann zeigte sich über die Bemühungen des Innenministeriums, die aufgenommenen afghanischen Ortskräfte im Land zu behalten, erfreut. "Das sind Menschen, die in der Vergangenheit sehr eng bereits mit deutschen Behörden, mit der Bundeswehr zusammengearbeitet haben. Sie verfügen in aller Regel über sprachliche Fähigkeiten im Deutschen oder Englischen, sind also auch gut qualifiziert und sind, denke ich, auch eine Bereicherung für unser Land."