Einschulung in Berlin

Mein Start in die Schule

| Lesedauer: 12 Minuten
Rund 36.210 ABC-Schützen werden am Sonnabend in Berlin eingeschult.

Rund 36.210 ABC-Schützen werden am Sonnabend in Berlin eingeschult.

Foto: Reto Klar

Erinnerungen an die eigene Einschulung: Acht Redakteurinnen und Redakteure der Morgenpost berichten vom Beginn ihrer Schullaufbahn.

Endlich Schule, endlich zu den „Großen“ gehören

Ich konnte es vor Aufregung kaum erwarten, in die Schule zu kommen. Zum Glück hatte ich meine beste Freundin Jale an der Seite. Kurz vor unserer Einschulung kam sie mit ihrer Familie zu uns in den Garten, damit wir noch einige Fotos mit unseren Schultüten machen konnten. Gemeinsam haben wir uns dann zu Fuß zum ersten Mal auf den Weg zur Schule gemacht – wie jeden Tag in den darauffolgenden vier Jahren. Angekommen wirkte das Schulgebäude plötzlich so groß, aber eingeschüchtert war ich nicht. Im Gegenteil, ich freute mich, endlich auch zu den „Großen“ zu gehören.

Ich erinnere mich noch so genau daran, als wäre es gestern gewesen, wie Jale und ich unsere Schultüten ausgepackt und uns gefreut haben. Meine Schultüte war gelb, das war meine Lieblingsfarbe. Es waren viele bunte Zahlen und Buchstaben darauf. Jales Schultüte war pink und voller Pferdebilder, weil sie so gerne ritt. Jale hat mir damals zur Einschulung ein personalisiertes Bilderbuch mit Figuren geschenkt, die aussahen und hießen wie wir. Es ist eines der ersten Bücher gewesen, das ich auch eigenständig versucht habe zu lesen. Ich besitze es heute noch und schaue es mir gerne an. Jale ist heute noch eine meiner besten Freundinnen und manchmal, wenn ich sie in unserer Heimat Kiel besuche, gehen wir auf unseren alten Schulhof und erinnern uns an unsere schöne und lustige Schulzeit zurück. Charlotte Bauer

Der Schulversuch war eine Enttäuschung

Mein Schulranzen war orangefarben, aus Leder und roch nach Lebertran. Mein Vater, der alles Militärische hasste, nannte ihn spöttisch „Tornister“. Er war es, der mich 1971 zur Einschulung begleitete (im Foto hinten rechts, davor ich mit roter Jacke neben einer fremden Frau). Ich fand nichts dabei, meine Eltern teilten sich uns und den Haushalt. Erst später erfuhr ich, dass meine Lehrerinnen immer wieder Anlässe gesucht hatten, meinen Eltern deswegen Vorwürfe zu machen. Selbst die Tatsache, dass ich „zu schnell“ lernte und mich dann langweilte, wurde als Problem angesehen. Schuld war mein Vater, der uns Kinder nachmittags mit in die Uni nahm, während meine Mutter ihr Referendariat absolvierte – als Lehrerin.

Die Schule war eine Enttäuschung. Wir waren Teil eines typischen pädagogischen Schulversuchs der 1970er-Jahre. Kinder aus allen sozialen Schichten sollten in der Vorschule gemeinsam spielen und lernen. Es gab keine Noten. Das Spiel koordinierte eine ältliche, ehemalige Heimerzieherin, die uns in Jungen und Mädchen aufteilte und das Toben verbot. Der Schulunterricht bestand aus Mengenlehre, pädagogischem Spielzeug und Begriffen wie „Wiewort“ und „Tuwort“, die ich nicht verstand. Ich hatte in der Grundschule zwei Fünfen. Eine in Handarbeit für einen missratenen Topflappen und einmal in Erdkunde, als wir übers Wochenende sämtliche Mittelgebirge Nordhessens auswendig lernen sollten. Mein Vater hatte mich stattdessen auf eine Radtour mitgenommen – ins hessische Mittelgebirge. Uta Keseling

Vom Leid und Neid, ohne Schultüte aufzuwachsen

Schultüten haben mich als Kind bis in meine Träume verfolgt. Ich war so neidisch! Sie waren quietschbunt und sonderbar geformt, oben mit Tüll und Stoff. Was wohl drin war? Ich stellte mir so vieles vor, was in meiner Schultüte hätte sein sollen, hätte ich jemals eine erhalten. Wir zogen im Frühjahr 1975 aus den USA zurück nach Deutschland, genauer genommen nach Bonn. Das Schuljahr hatte längst angefangen, aber ich konnte schon lesen und, wer weiß, womöglich auch ein bisschen rechnen. Also kam ich gleich in die erste Klasse. Und nicht nur das: in die erste Klasse der amerikanischen Schule in Bonn. Amis kennen keine Schultüten. Hat mich im ersten Moment nicht weiter gestört, ich kannte sie ja auch nicht.

Bis der erste Sommer vorbei war und wieder eingeschult wurde. Wir waren bei uns in dem Neubaugebiet damals massenhaft Kinder, der letzte Jahrgang der Boomer-Generation. Alle um mich herum gingen auf normale deutsche Grundschulen, ich war auf dem Spielplatz eh schon der absolute Exot, weil ich erst Stunden nach den anderen eintraf – Ganztagsschule, damals noch völlig unbekannt. Und an diesem Sonnabend kamen mir völlig unerwartet Kinder mit Schultüten entgegen: gelb, rot, grün, bemalt, beklebt (Glitzer gab es kaum). Stolz trugen sie diese wunderbaren Objekte im Arm. Der Neid, den ich verspürte, war leidenschaftlich und unmittelbar: ich wollte so eine Schultüte. Und bekam sie nie. Susanne Leinemann

Pralle Tüte, aber gleich Übelkeit von all dem Süßkram

So einen braven Scheitel hatte ich sonst nie! Und offen gelacht habe ich auch nicht. Wegen der vielen Zahnlücken. Aber von meinem ersten Schultag sieht man ja überhaupt nur die Riesenschultüte. Immerhin nicht vorgefertigt – das gab es damals, anno 1973, noch nicht. Die hat man noch kunstvoll selber gebastelt. Ich war auf meinen Wasserfarbeneinsatz mit dem modischen Gelb und den bunten Punkten sehr stolz. Dass man den Schulanfang mit vielen süßen Sachen veredeln muss, scheint mir dagegen immer noch seltsam. Als ob man auf bittere Jahre vorbereitet würde. Von der vielen Schokolade und Lakritze war mir jedenfalls gleich schlecht. Ach ja, der Mecki aus den Comics sollte wohl auch den Schuleinstieg verniedlichen. Im Klassenzimmer saß der dann aber nirgends. Peter Zander

Die „Veteranen“ aus Klasse eins haben heute noch Kontakt

Mit meiner kleinen grünen Krawatte mit Gummizug wäre ich damals am liebsten ins Bett gegangen, ich trug sie fast immer und wollte sie gar nicht abnehmen. Bei dem braun-beige-gemusterten Hemd, das ich zur Einschulung trug, frage ich mich hingegen heute noch: Warum nur waren im Jahr 1996 solche Farbmuster und Stoffe frei legal verkäuflich? Es war eine Zumutung.

Ich erinnere mich auch noch an die Süßigkeiten und an einen großen blauen Edelstein in meiner Schultüte, die ein ähnlich auffälliges Muster wie mein Hemd aufwies und mit lilafarbenem Papier ausgekleidet war – und daran, wie erschlagen ich von der Größe des Schulgeländes war. „Nie im Leben finde ich mich da zurecht“, war mein erster Gedanke. In der ersten Klasse, in die ich kam, kannte ich zwei meiner neuen Mitschüler schon aus dem Kindergarten. Einfach wurde die Unterstufe aber nicht. Unser Klassenlehrer fiel damals ständig krankheitsbedingt aus, wechselte mehrfach und viele Schüler verließen die Klasse. Hier ein paar Zahlen: 1996 begannen wir in der 1. Klasse mit 36 Schülern.

In der 7. Klasse waren wir nur noch 18 und als ich 2007 mein Abitur ablegte, war die Klasse wieder auf 27 Leute angewachsen. Ich war einer von nur vier Schülern, die seit der ersten Klasse dabeigeblieben waren. Der Kontakt zu den anderen Dreien besteht bis heute. „Veteranen“ verlieren einander eben nicht aus den Augen. Philipp Blanke

Der schmerzhafte Weg zum Erinnerungsfoto

Mir dröhnt beim Gedanken an meine Einschulung immer noch der Kopf. Der erste Schultag war quasi schon vorbei, als ich stolz mit meiner Schultüte nach Hause kam. Und weil ich endlich wissen wollte, was ich da den ganzen Tag in dem bunten Fisch aus Wellpappe rumgetragen hatte, zupfte ich schon am Krepppapier. Meine Mutter wollte aber doch noch Fotos machen. Von mir, dem stolzen Schulkind mit Schultüte. Also nichts wie raus auf die Terrasse. Zwischen mir und den Fotos stand aber die gläserne – und geschlossene – Terrassentür. Solche Kleinigkeiten interessierten mich eher wenig, deshalb rannte ich mit voller Wucht davor. Fotos gab’s danach trotzdem. Von mir, dem stolzen Schulkind mit Schultüte, verweinten Augen und dicker Beule an der Stirn. Inga Böddeling

Als Erwachsener bleibt man auch ein wenig Erstklässler

Wir waren mal wieder zu spät. Mein Vater hielt mich an der Hand und ich hielt meine Pokémon-Schultüte. Die Autotüren knallten und da standen sie auch schon auf dem Schulhof: Die älteren Schüler und Schülerinnen hatten eine Gasse gebildet, durch die die Neuankömmlinge, die Erstklässler, mit ihren Schultüten wie kleine Flummis in einer Reihe trippelten.

Bepackt mit meinem Schulranzen und ganz viel Aufregung, ging ich durch den Gang bis zur Turnhalle. Später erzählte mir meine damalige Nachbarin, die bereits in der zweiten Klasse war, dass sie mir auf den Ranzen gehauen hatte, um sich bemerkbar zu machen. Davon bemerkte ich aber nichts – zu viele neue Gesichter, zu viele neue Eindrücke. In der Turnhalle gab es eine kurze Ansprache, an mehr kann ich mich nicht erinnern.

Und dann: das Kennenlernen der Klasse und der Klassenlehrerin. Frau Haupt leitete die 1d, in der ich für zweieinhalb Jahre bleiben sollte. Wir Schüler und Schülerinnen lernten uns am ersten Tag gegenseitig kennen, stellten uns vor. Mit dabei die Eltern, die am Rande des Zimmers wie Schiedsrichter wachten, dass ihrem Nachwuchs nichts passierte. Wenn ich heute auf diesen Tag zurückblicke, war es nach dem Kindergarten der erste Schritt in Richtung Selbstständigkeit: allein zur Schule fahren, die Hausaufgaben erledigen und für Klassenarbeiten lernen. Dazu die sozialen Konstrukte, die neuen Freundschaften, die teilweise bis heute anhalten. Ein bisschen bleibt man auch als Erwachsener dieses Kind, das in der ersten Klasse ankommt: Mit jedem Umzug, mit jedem neuen Job kehrt die Unsicherheit des ersten Tages wieder zurück. Was damals die schützende Anwesenheit des Vaters war, der ans Fenster gelehnt wartete und das Geschehen im Klassenzimmer beobachtete, ist eine mittlerweile gewonnene Selbstsicherheit geworden: Das wird schon alles werden. Sebastian Goddemeier

Eine Schmach: Meine Mutti konnte keinen „Fu“ nähen

Von meiner Einschulung im Jahr 1988 gibt es keine Fotos. Mein Vater, normalerweise der große Fotograf der Familie, fehlte an meinem ersten Schultag aus nicht mehr bekannten Gründen. Nur meine Mutter war dabei. Und Fu. Fu ist der Einzige, an den ich mich genau erinnere. Eine Handpuppe aus einer orangefarbenen Socke mit angenähten Schlappohren und schwarzen Knopfaugen. Damals musste jeder Erstklässler einen Fu mitbringen, das war Vorschrift. Und, ganz wichtig: Fu sollte selbstgenäht sein. All die handarbeitsaffinen Achtziger-Jahre-Muttis hatten das natürlich drauf.

Meine Mutter dagegen verzweifelte und gab die Socke klammheimlich bei einer Profi-Schneiderin in Auftrag. Die nähte Fu dann leider so perfekt, dass es meiner strengen Lehrerin sofort auffiel. Sie missbilligte meinen Fu daraufhin und lobte alle, die keine so makellose Socke hatten. Die erste Schmach meines Schullebens! Trotzdem liebte ich Fu. Mit ihm lernte ich die Grundtypen der Kommunikation. „Fu ruft Uta“, „Uta ruft: Nanu“ oder „Fu ruft: Tut“, diese Sätze standen in unserer Fibel. Erfolgreicher Schriftspracherwerb, so heißt das heute. Bei einem Umzug vor Jahren habe ich Fu in einem Schrank gefunden. Von Motten zerfressen. Der Anblick brach mir das Herz, ich musste ihn wegwerfen. Mach’s gut, alte Socke. Doch die Erinnerung ans Lesenlernen bleibt.“ Sibylle Haberstumpf

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