CSD 2021

CSD-Demos mit Tausenden Teilnehmern in Berlin

| Lesedauer: 6 Minuten
Lea Verstl und Michael Bee

Protest für Gleichstellung: Tausende Demonstranten sind in Berlin unter dem Dach des Christopher Street Day zum Alexanderplatz gezogen.

Berlin. Solidarität und Freiheit für queere Menschen – dafür haben am Sonnabend Tausende unter dem Dach des Christopher Street Days (CSD) in Berlin demonstriert. Wegen der Pandemie wurden die Teilnehmer auf drei Züge aufgeteilt, die sich für verschiedene politische Interessen einsetzten. Sie alle starteten am frühen Nachmittag jeweils am Oranienplatz in Kreuzberg, Hermannplatz in Neukölln und an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg.

Die drei Züge gingen auf einander zu, um sich abschließend am Alexanderplatz zu treffen. Dabei bildeten die Strecken einen Stern durch ganz Berlin – darum wurde der Protest von den Veranstaltern „Stern Demo“ genannt.

CSD in Berlin: Desolate Situation während der Corona-Pandemie

Mit dem Zug „Queerschutz Now!“ wollten die Demonstranten am Hermannplatz auf die desolate Situation der Community und ihrer Infrastruktur während der Pandemie aufmerksam machen – insbesondere dass mit Gaststätten und Clubs viele Treffpunkte lange geschlossen bleiben mussten. Die Teilnehmer der „East Pride“ in Pankow befassten sich unterdessen mit der historischen Unterdrückung queerer Menschen in der DDR.

Am Kreuzberger Oranienplatz protestierten die Demonstranten für Feminismus und gegen rassistische Diskriminierung. Ein weiterer politischer Schwerpunkt war die Situation von trans- und intersexuellen Menschen. Gleich zu Anfang der Demonstrationen erklang elektronische Musik, für die der CSD schon vor der Corona- Krise bekannt war. Im Takt forderten die Animateur die Masse vom Wagen aus auf: „Abstand halten, Abstand halten!“ Neben lauter Musik bestimmten auch politische Reden das Programm.

Stolz zeigen, wer man ist

Endlich wieder Solidarität spüren. Marie Jane, so ihr Künstlername, ist begeistert, dass sie mit anderen queeren Menschen nach dem Lockdown den Cristopher Street Day feiern kann - und dabei stolz zeigen kann, wer sie ist. „Wir demonstrieren für alle, die für Freiheit und Offenheit kämpfen. Nach der langen Isolation brauchen wir dieses Gemeinschaftsgefühl“, sagt die 22-Jährige. Bunter Glitzer schmückt ihre Lieder.

Ihre Freundin Kristina Maca fühlt sich hier auf dem Oranienplatz, umgeben von all den bunten Menschen, sicher. Im Alltag leide sie unter Diskriminierung, auch heute. „Gerade ist hier ein Auto vorbeigefahren, da wurde ‚Scheiß LGBT‘ herausgerufen“, sagt sie. Für ihre Rechte demonstriert sie heute mit Flügeln in Regenbogenfarben. Demonstrativ gibt sie ihrer Freundin Jane einen Kuss.

„Meine Lockenwickler sind wichtiger als Deutschland“

Billie Stylish trägt ihre politische Überzeugung auf dem Kopf. Große blaue Lockenwickler hat sich die Drag Queen ins Haar gesteckt, sie hält ein Schild in die Höhe: „Mein Lockenwickler ist wichtiger als Deutschland“. Das meine sie durchaus ernst, sagt Stylish: „Ich bin gegen jede Form von Nationalismus.“ Sie sei zu der Kreuzberger Demo gekommen, weil es dort auch um Rassismus gehe. Die Nachrichten der letzten Tage, wonach Ungarns Präsident Viktor Orban sich gegen die Regenbogenbeleuchtung von Fußballstadien ausspricht, haben sie wütend gemacht. „Aber auch in Deutschland muss noch viel für die Rechte von Transpersonen getan werden“, sagt sie. Im Hintergrund wird arabischer Pop auf einem mit Lametta geschmückten Wagen gespielt. Langsam nimmt der Zug Fahrt auf. Die Menge jubelt.

Gleich zu Anfang der Demonstration erklingen die harten Elektrobässe, für die der CSD schon vor Corona bekannt war. Im Takt ruft ein Animateur vom Wagen: „Abstand halten, Abstand halten!“ Er ruft Menschen mit Migrationshintergrund auf, sich vorne an den Zug zu stellen. Sie kommen der Aufforderung nach und schwenken wild tanzend ihre Regenbogenfahnen. Eine Rednerin betritt den Wagen: Die transsexuelle Sexarbeiterin Antonella Loca. Sie prangert Ungarns Regierung an, die vor Kurzem ein Gesetz erlassen hat, das „LGBTQ-Inhalte verbietet“ sowie die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes in Polen. „Ist das die Demokratie in der Europäischen Union? Wer steht für uns auf?“ Aus der Menge sind laute Rufe zu hören: „Buuuuh!“ Anschließend wird es wieder fröhlich - der Bass wird wieder laut gestellt.

CSD 2021 in Berlin: 9500 Teilnehmer angemeldet

Nach Angaben der Berliner Polizei waren zu den Demonstrationszügen 9500 Teilnehmer angemeldet. Es ging um verschiedene Bereiche der queeren Szene. Die Aktion ist eine Alternative zum klassischen Berliner CSD. Der CSD hatte in den Vorjahren als Parade Hunderttausende auf die Straßen gelockt und ist diesmal am 24. Juli als Polit-Demo geplant.

"Mit Hilfe der corona-konformen Einzeldemos sollen große Menschenansammlungen vermieden werden", hieß es von den Veranstaltern. Die "Stern-Pride-Demo" solle allen die Möglichkeit bieten, sich in ihrer Unterschiedlichkeit gemeinsam zu zeigen.

Die Polizei rechnete mit Verkehrseinschränkungen.

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Christopher Street Day in Berlin: "East Pride"

Am Sonnabend widmete sich der „East Pride“ der Geschichte der Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR, vorab gab es einen Gottesdienst in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. Erwartet wurden 3500 Teilnehmende.

  • 11 Uhr: Gottesdienst in der Gethsemanekirche
  • 13 Uhr: Demostart
  • Startpunkt: Gethsemanekirche (Stargarder/Greifenhagener Str.)
  • Strecke: Schönhauser Allee, Wichertstr., Prenzlauer Allee, Danziger Str./Petersburger Str., Bersarinplatz, Petersburger Str., Karl-Marx-Allee, Strausberger Platz, Alexanderplatz

Christopher Street Day in Berlin: "Queerschutz Now!"

In Neukölln wollte der Verein Travestie für Deutschland auf die „desolate Situation“ der Szene-Infrastruktur aufmerksam machen, Start war in der Hasenheide. Erwartet wurden 5000 Teilnehmende.

  • 13 Uhr: Demostart
  • Startpunkt: Hermannplatz
  • Strecke: Hasenheide, Südstern, Gneisenaustr., Mehringdamm, Wilhelmstr., Behrenstr., Glinkastr., Unter den Linden, Karl-Liebknecht-Str., Mollstr., Platz der Vereinten Nationen, Lichtenberger Str., Strausberger Platz, Karl-Marx-Allee, Alexanderplatz

Christopher Street Day in Berlin: "QTIBIPOC United"

Am Oranienplatz in Kreuzberg ging es unter dem Motto „QTIBIPOC United“ um feministische Themen und die Rassismus-Debatte. Erwartet wurden 1000 Teilnehmende.

  • 13 Uhr: Demostart
  • Startpunkt: Oranienplatz
  • Strecke: Oranienstr., Adalbertstr., Bethaniendamm, An der Schillingbrücke, Holzmarktstr., Lichtenberger Str., Strausberger PLatz, Karl-Marx-Allee, Alexanderplatz

Vergangenes Jahr fielen große Paraden wegen der Corona-Pandemie aus. Der CSD soll an die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, Intersexuellen und queeren Menschen erinnern. Ende Juni 1969 stürmten Polizisten in New York die Bar „Stonewall Inn“ in der Christopher Street und lösten einen Aufstand von Schwulen, Lesben und Transsexuellen gegen die Willkür aus.

(mit dpa)