Gasversorger

Die alte Gasag muss sich komplett neu erfinden

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Joachim Fahrun
Der Unternehmenssitz ist bereit für die neue Zeit: Die neue Gasag Zentrale auf dem energieneutralen Euref-Campus

Der Unternehmenssitz ist bereit für die neue Zeit: Die neue Gasag Zentrale auf dem energieneutralen Euref-Campus

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

In 25 Jahren soll Deutschland klimaneutral sein. Für die Gasag bricht das klassische Geschäft weg. Jetzt wird umgesteuert.

Berlin. Seit 174 Jahren produziert die Gasag in Berlin Gas und sichert mit dem meist fossilen Brennstoff fast die Hälfte des Wärmebedarfs in der Hauptstadt. Der gesellschaftliche und politische Wunsch, gegen den Klimawandel vorzugehen und bis 2045 oder noch früher klimaneutral zu werden, zwingt das Gasag-Management um den neuen Vorstandschef Georg Friedrichs jetzt zu einem kompletten Umbau des Geschäfts.

„Die Schwerpunkte in der Gasag werden sich ändern“, sagte Friedrichs am Freitag bei der digitalen Jahres-Pressekonferenz aus der neuen Firmenzentrale am Schöneberger Euref-Campus. Begonnen werde damit ab sofort. Lesen Sie auch den Kommentar: Schwierige Leitungsfrage für die Gasag

Gasag rechnet mit steigender Durchschnittstemperatur von 10,7 Grad

Die Gasag ist auch ein Opfer des Klimawandels. Weil die vergangenen beiden Jahre in der Region mit im Durchschnitt 11,3 (2019) und 11,1 Grad (2020) viel wärmer waren als das langjährige Mittel von 10,1 Grad, sanken die Erlöse aus dem Wärmegeschäft. Langfristig kalkuliert die Gasag mit Durchschnittswerten von 10,7 Grad in Berlin und Brandenburg.

Für einen Energieversorger sind es weniger die abstrakten Debatten um die Ziele der CO2-Reduzierung, sondern um die konkrete Wärmewende. „Wir haben 20 Jahre für den Umbau einer komplexen Infrastruktur“, beschrieb Friedrichs die Herausforderung. Bei der Gasag geht es oft um langfristige Investitionsentscheidungen. Ein Gas-Rohr zu einem Kraftwerk oder zu einem Wohngebiet, das heute erneuert oder neu gelegt wird, muss über 40 Jahre abgeschrieben werden. Dann wäre man also längst im fossilfreien Zeitalter angelangt, obwohl die alte Infrastruktur noch abbezahlt werden muss.

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Grünes Gas oder doch Strom? Ungewissheiten über die Zukunft der Wärmeversorgung

Friedrichs machte die Unwägbarkeiten deutlich, vor denen die Gasag-Gruppe mit ihren 1700 Mitarbeitern und 800.000 Kunden in der Region bei ihrer Neuausrichtung steht. Die Fachwelt ist sich keinesfalls einig, wie die neue Energiezukunft aussehen wird. Einige rechnen damit, dass Deutschland in Zukunft in ausreichender Menge grünes Gas und Wasserstoff wird importieren können. Für diesen Fall wären die bestehenden Netz-Systeme im Grundsatz weiter zu verwenden.

Schon heute speist die Gasag Gas aus erneuerbaren Quellen in ihre Netze ein. Andere Fachleute gehen davon aus, dass es einfacher wäre, auch die Wärmeversorgung auf Strom oder dezentrale Systeme umzustellen und dass die Ära des Gases Mitte des Jahrhunderts endet.

Gasag-Chef wünscht sich Kooperation statt Streit mit dem Senat für das Berliner Gasnetz

Friedrichs, der vor zwei Monaten vom Energiekonzern Vattenfall zur Gasag kam, glaubt derzeit an eine Mischung aus beiden Welten. Aber auch sehr kurzfristig stellt sich die Frage, ob das Gasnetz nicht an einigen Stellen zurückgebaut werden muss, ob neue Quartiere angeschlossen oder durch eigene Wärmenetze versorgt werden sollen. Hier verlangte der Gasag-Chef Klarheit von der Politik.

Bisher sei in den Konzessionsverträgen noch vorgegeben, dass jeder Anschlusswunsch ans Gasnetz auch erfüllt werden muss. Ob das sich dauerhaft lohnt, werde nicht berücksichtigt. Die Politik müsse aber „wirtschaftliche Modelle“ für den Umbau der Energieversorgung ins Laufen bringen. „Diese Transformation ist kein ordnungspolitisches Spiel“, warnte der Manager.

Nachdem die Gasag nach langem Rechtsstreit mit dem Land Berljn die Konzession für das Berliner Gasnetz gewonnen hat, setzt der Konzern nun auf Kooperation statt auf eine Konfrontation in der schon in drei Jahren anstehenden Neuausschreibung. Angesichts der anstehenden Wärmewende dürfe man nicht weitere Jahre mit dem Streit über Konzessionsthemen vergeuden. Gemeinsam sollte man bereden, wie man die Monopolinfrastruktur wie ein Gasnetz reguliert.

Gasag ist mit 270.000 Kunden größer Ökostrom-Anbieter in Berlin

Gleichwohl gab sich Friedrichs optimistisch für die Zukunft des Traditionsunternehmens, das 2020 ein Plus von 115 Millionen Euro erwirtschaftete. Die Zuversicht basiert vor allem auf den Kompetenzen der Gasag. Man sei sehr gut im Management von Netzen und kenne sich mit Rohren aus, da sei es nicht so wesentlich, was genau da durchfließe. Zudem hat die Gasag sich schon in den vergangenen Jahren weitere Standbeine aufgebaut. Ein Viertel des Umsatzes von 1,2 Milliarden Euro steuern bereits die rund 270.000 Öko-Stromkunden bei. Damit sei die Gasag Berlins größter Anbieter von grünem Strom.

Zweite Säule ist das Geschäft als Energiedienstleister, wo die Gasag im harten Wettbewerb mit anderen einzelne Gebäude oder ganze Quartiere wie das Vorzeigeprojekt Euref-Campus möglichst klimaschonend mit Wärme und Kälte versorgt. 87 solcher Projekte mit einem Investitionsvolumen von 50 Millionen Euro seien in der Realisierung. Darunter ist auch ein Wärmenetz für den Tierpark. Der neue Chef würde bei solchen Vorhaben gerne stärker auf Geothermie, also Erdwärme, setzen, obwohl die natürlichen Bedingungen dafür in Berlin deutlich schlechter seien als etwa in München. Auch Wasserstoff nimmt in den Gasag-Planungen eine starke Rolle ein. Gemeinsam mit synthetischem und Bio-Methan könnte dieser Energieträger in weniger als 30 Jahren das fossile Erdgas als wichtigste Wärmequelle der Stadt ablösen.

Die Wärmewende wird auch an den Gas-Preisen für die Kunden nicht spurlos vorbeigehen. Vorstand Matthias Trunk sagte einen „leichten Aufwärtstrend“ voraus. Denn es müssten auch die schrittweise steigenden Preise für Kohlendioxid verarbeitet werden. „Preissenkungen sehe ich in den nächsten Jahren nicht.“