Bundeswettbewerb Gesang

Endlich wieder auf der Bühne

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Charlotte Bauer
Moritz Klatt ist schon mit den Rolling Stones aufgetreten.

Moritz Klatt ist schon mit den Rolling Stones aufgetreten.

Foto: Mathias Schormann

Mit 185 Bewerbungen war die Resonanz auf den Bundeswettbewerb Gesang 2021 außergewöhnlich hoch.

Berlin.  Endlich wieder auf der Bühne zu stehen - danach hat sich der Musiker Moritz Klatt lange gesehnt. Jetzt ist es soweit und der 28-Jährige steht auf der Bühne im Foyer der Deutschen Oper in Charlottenburg und performt seinen eigenen Song „Tropfen“ bei der ersten Finalrunde vom diesjährigen Bundeswettbewerb Gesang. Die Freude ist ihm anzusehen. Publikum ist – abgesehen von der Jury – zwar keines vor Ort, aber das scheint ihn nicht zu stören.

„Einfach auf der Bühne zu stehen und zu singen, das ist genau das Gefühl, wonach wir uns alle sehnen“, sagt Klatt. Es sei für ihn das erste Mal, dass er bei diesem Wettbewerb teilnimmt und eher Zufall gewesen, dass er den Aufruf im Internet entdeckt habe, sagt Klatt. Dadurch, dass Bandauftritte pandemiebedingt nicht stattfinden konnten, habe er in diesem Jahr natürlich auch mehr Zeit, sich auf den Wettbewerb vorzubereiten.

So wie Moritz Klatt ergeht es in diesem Jahr vielen Künstlern. Mit insgesamt 185 Bewerbungen war die Resonanz beim Bundeswettbewerb Gesang in diesem Jahr außergewöhnlich hoch. Die Veranstalter hatten beschlossen, wegen der derzeit fehlenden Chancen für die Künstler den Wettbewerb vom Spätherbst auf Frühsommer vorzuverlegen.

Künstlern soll eine Chance gegeben werden

„Für viele junge Musiker stellt die Pandemie eine große Herausforderung dar. Sie haben keine Möglichkeit, zu Castings zu gehen, sich zu präsentieren und darum oftmals auch keine Motivation, an sich zu arbeiten“, erklärt Geschäftsführerin Bettina Holl. „Durch den vorgezogenen Wettbewerb wollen wir ihnen ein Ziel bieten, auf das sie hinarbeiten können, um diese Zeit zu überbrücken“, so die Geschäftsführerin weiter.

„Zudem geben wir ihnen die Möglichkeit, sich vor Casting-Verantwortlichen zu zeigen und so die Weichen für Engagements zu stellen, sobald der Kulturbetrieb wieder in normalen Bahnen verläuft.“ Besonders auffällig sei, dass in diesem Jahr viele Musiker dabei sind, die schon lange im Beruf sind, aber momentan nichts zu tun haben, sagt Holl.

Auftritte können per Livestream verfolgt werden

80 Kandidaten wurden aus den vielen Bewerbungen ausgewählt und präsentieren sich nun bis zum 4. Juni in den Finalrunden der branchenkundigen Jury. Diese besteht aus dem Komponisten Rainer Bielfeldt, den Sängerinnen Frederike Haas, Melanie Haupt und Kira Primke sowie dem Klavierkabarettisten und Liedermacher Bodo Wartke. Publikum ist zwar vor Ort nicht zugelassen, dafür können aber alle Auftritte live und kostenfrei im Stream auf der Internetseite unter www.bwgesang.de von allen Interessierten verfolgt werden.

„Es ist schön, dass man wieder auf der Bühne stehen kann“, sagt der 22 Jahre alten Sänger Fabian Sedlemeier. Mittlerweile hat er sich an das Auftreten vor Kamera und ohne Publikum schon fast gewöhnt. Während seines Musical- und Show-Studiums an der Universität der Künste (UdK) in Berlin hatte er schon ein paar Auftritte per Livestream und online Gesangs- und Tanzunterricht. „Das ist auf jeden Fall auch eine Erfahrung“, sagt Sedlemeier und fügt hinzu: „aber wir sind auch alle hungrig darauf, wieder vor Publikum auftreten zu können.“

Auftritt ohne Publikum stellt Kandidaten vor Herausforderung

Schon in der Vorrunde mussten die Bewerber statt des sonst üblichen Vorsingens eine Tondatei mit einem Lied ihrer Wahl einsenden. „Als ich das erfahren habe, musste ich schon erstmal schlucken, weil ich mich als Gesamtpaket bezeichnen würde und nun alles in die Stimme legen musste“, sagt Sedlemeier. Umso mehr hat er sich dafür aber gefreut, dass es ihm gelungen sei, allein mit seiner Stimme die Jury in der Vorrunde von seinem Talent zu überzeugen. „Das ist ein schönes Gefühl“, sagt das Nachwuchstalent.

In der Finalrunde trifft Sedlemeier nun das erste Mal persönlich auf die Jury. „Ich versuche mit der Konzentration ganz bei mir zu bleiben und einfach Spaß zu haben“, sagt er. Auch wenn es ohne Publikum zwar weniger Ablenkung gebe, performe er grundsätzlich lieber vor anderen Menschen. „Man bekommt so Energie zurück und das pusht einen auch vorwärts.“ So oder so freue er sich, sein Programm zeigen zu können. „Wenn dabei auch ein Preis rauskommt, dann ist das noch mal eine Freude mehr“, sagt er. In diesem Fall will er den größten Teil sparen. Die Gewinner des Wettbewerbs können sich auf ein Preisgeld zwischen 1000 und 5000 Euro freuen.

„Durch die Corona-Krise haben wir alle gelernt, wie schnell den Künstlern die Existenz genommen werden kann“, sagt Sedlemeier. Einen kleinen Teil vom Preisgeld würde er aber auch für Reisen ausgeben wollen, die er ebenfalls vermisse.

Keine Kontakte knüpfen können

Auch Kandidatin Salyma Chatty würde sich sehr über einen Preis freuen, sagt sie. Aber zuallererst gehe es auch ihr darum, „einfach auf der Bühne Spaß zu haben und zu zeigen, was ich kann.“ Sie bedauer es, dass sie nicht persönlich die Menschen kennen lernen kann, die genauso für Musik brennen wie sie und Kontakte zu knüpfen. Mittlerweile habe sie sich damit aber gut arrangieren können, genauso wie mit dem Auftreten ohne Publikum.

„Am Anfang war das für mich eine große Umstellung mit der Kamera zu spielen und es war schwierig so die Spannungsbögen zu halten“, sagt sie. „Aber irgendwie hat es auch etwas Spannendes, wenn nur die Jury vor einem sitzt.“ Für sie sei das einfach nur Gewöhnungssache und sie könne sich mit solchen Gegebenheiten ganz gut arrangieren. „Ich hab ehrlich gesagt auch gar nicht darüber nachgedacht, wie es unter normalen Umständen sein könnte“, sagt sie.

Ihr großer Traum sei es, hauptberuflich Musicaldarstellerin zu werden, sagt die 19-Jährige weiter. Das sie ihr seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr klar gewesen. Den Ausschlag habe Besuch mit ihrer Mutter im Musical „König der Löwen“ in Hamburg gegeben. „Mich hat das unglaublich begeistert und da wusste ich: Das ist es!“

Auftritt mit dem Rolling Stones

Um das zu erreichen, bereitet sich die 19-Jährige gerade auf ein Musicalstudium vor. Die Corona-Pandemie habe sie als Künstlerin gar nicht so mitgenommen, sagt sie, weil sie erst vergangenes Jahr hat ihr Abitur gemacht und die Zeit zur Vorbereitung genutzt habe. „Mein junges Alter nimmt mir auch ein bisschen den Druck, weil ich noch Anfängerin bin und mich noch ausprobieren kann“, sagt sie.

Auch Moritz Klatt, der Bandsänger, ist froh, dass er in der Krise noch seinen Hauptberuf als Musiklehrer an einer Musikschule in Schöneberg ausüben kann. „Das gibt mir Sicherheit“, sagt er. Lampenfieber hat er vor seinem Auftritt in der Deutschen Oper nicht. Mit dem Chor der UdK stand er sogar schon zusammen mit den Rolling Stones auf der Waldbühne vor mehr aus 25.000 Zuschauern.

„Das ist natürlich ein großer Unterschied“, sagt er. „Wenn die Zuschauer zu Hause sitzen, ist es auch schwieriger eine persönliche Bindung zu ihnen aufzubauen.“ Für ihn habe das Auftreten nur vor der Jury eher etwa von einer Prüfung. „Es wird mit Sicherheit ungewohnt, aber auf jeden Fall auch spannend.“

Der Bundeswettbewerb Gesang findet in diesem Jahr zum 50. Mal statt. Eine Jubiläumsfeier kann es zu diesem Anlass aktuell noch nicht geben, soll aber, wenn die Lage es zulässt, nachgeholt werden.