Sextoys

Was die Corona-Pandemie mit der Liebe macht

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Sebastian Goddemeier
Deutsche haben im Lockdown besseren Sex

Deutsche haben im Lockdown besseren Sex

Manche lernen im Lockdown neue Sprachen, andere haben mehr Sex. Forschende haben herausgefunden, dass Deutsche im Lockdown tatsächlich anders Lieben.

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Corona hat das Leben verändert, auch den Sex in der Großstadt. Singles und Paare verhalten sich anders. Das hat Folgen.

Berlin. Tina B., 29, fühlt sich seit Beginn der Pandemie häufig allein. Vor allem, weil sie sich gleich zum ersten Lockdown von ihrem Partner trennte. Sie lud sich zwar Dating-Apps runter, versuchte aber vorrangig Kontakte zu meiden. Es blieb erstmal bei Chats. „Normalerweise durchlaufe ich nach einer Trennung Phasen, in denen ich viel ausgehe und One-Night-Stands habe. Das geht jetzt nicht.“ Durch die Vorschriften habe sie seit einem Jahr viel weniger Körperkontakt und fühle sich verstärkt isoliert.

Um dem Gefühl des Alleinseins entgegenzuwirken, versuchte sie trotz allem die Freiheiten des Singleseins zu genießen. Einfach mal für sich sein. In der Gesellschaft, sagt sie, werde oft das Bild suggeriert, dass Alleinsein etwas Gutes sei und man das genießen solle. „Ich habe mir eingeredet, ich bräuchte niemanden. Aber es war doch so.“ Der Wunsch nach einem Partner wurde immer größer. Sie ging nun hin und wieder auf Dates, um die Einsamkeit zu überbrücken. Sie wünschte sich Nähe, Zweisamkeit und Zärtlichkeit. „Es ist schwer, sich nicht einsam zu fühlen, wenn man den ganzen Tag allein ist.“

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Studie „Liebe, Intimität und Sexualität in der Covid-19-Pandemie“

Die Studie „Liebe, Intimität und Sexualität in der Covid-19-Pandemie“ untersuchte während des ersten Lockdowns die Situation von Paaren und Singles. An der Hauptstudie nahmen etwa 4700 Personen über 18 Jahren teil. Die Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller der Sigmund-Freud-Universität Wien stellte fest, dass der Beziehungsstatus wichtig für das Wohlbefinden während eines Lockdowns war: Singles wie Tina B. waren wesentlich gefährdeter einsam zu sein. Lesen Sie auch: „Man möchte nicht jeden Tag Schnitzel und Pommes essen“

Immerhin gaben 90 Prozent der Teilnehmenden an, nicht ausreichend Körperkontakt zu haben. 70 Prozent hatten zu wenig Sex. Ein Drittel der Singles, die für gewöhnlich unverbindliche Treffen mit einer oder mehreren Personen hatten, lehnte Einladungen zum Geschlechtsverkehr ab. Stattdessen fokussierte man sich auf die Suche nach einer Beziehung. Jede vierte Person sehnte sich auch während des ersten Lockdowns nach einem festen Partner oder einer festen Partnerin. Und wer die Liebe nicht fand, suchte sie vermutlich in Toys.

„Das muss man sagen, die Pandemie hat uns geholfen“

Wenn Tobias Kruse, 40, von seinem Rechner aufblickt, sieht er das Ritz-Carlton, das Sony Center und mehrere Vibratoren auf seinem Arbeitstisch. Kruse sitzt im neunten Stock des „WeWork“-Co-Workingspaces am Potsdamer Platz. Er ist für die Kommunikation der Firma „Triple A Internetshops GmbH“ zuständig, zu der unter anderem die Sextoy-Hersteller „Satisfyer“ und „EIS.de“ gehören. Seit Beginn der Pandemie konnten beide Unternehmen ihre Umsätze für Vibratoren um bis zu 300 Prozent steigern. 150 Millionen Euro erwirtschaftet EIS.de nach eigenen Angaben vor der Pandemie. Im letzten Jahr waren es 250 Millionen Euro. Andere Hersteller und Anbieter wie „Fun Factory“, „Amorelie“ und „Orion“ berichten ebenfalls von gestiegenen Umsätzen.

„Das muss man leider so sagen: Die Pandemie hat uns sehr geholfen, da die Leute zu Hause geblieben sind und sich mit sich selbst beschäftigt haben“, erklärt Kruse. Neben den Vibratoren waren auch Spiele für Paare beliebt. „Wir führen Würfel, auf denen Aktivitäten vorgegeben werden wie zum Beispiel Küssen oder zärtliches Lecken am Ohr.“ Paaren sei laut Kruse wichtig gewesen, trotz der Pandemie die Lust an der Partnerschaft aufrecht zu halten. Lesen Sie auch: Berliner Dildo-Manufaktur: Schluss mit schmuddelig

Dass die Sextoys von „EIS.de“ und „Satisfyer“ sich verkaufen, dafür ist Samuel Bodner, 33, zuständig. Er ist Produktdesigner bei „Triple A“. Studiert hat er Maschinenbau, durch Zufall kam er zu den Sextoys. In seinem Büro liegen Modelle in der Fertigung herum, Skizzen hängen an den Wänden und ein 3D-Drucker druckt einen Prototypen. „Ob nun eine große oder kleine Maschine zu entwickeln – der Unterschied ist gar nicht so groß“, sagt er. Seine Aufgabe ist es, Toys zu designen, die immer wieder neu sind, überraschen und besser als das Vorgängermodell sind. „Von der ersten Skizze arbeiten wir uns voran, detaillieren aus, drucken in 3D und gehen dann in eine Ergonomiestudie.“ Anschließend werde weiter optimiert, bis das Produkt in die Herstellung gehe.

Tina B. nutzt Pandemie zur Selbsterkenntnis

Die Pandemie sieht Tina B. heute als Chance, sich selbst besser kennenzulernen. Um sich mit ihrer Lust auseinanderzusetzen, selbst wenn sie keinen Partner hat. Auch sie benutzt Toys. Das half ihr, das Gefühl der Isolation zu schmälern und Stress abzubauen. Außerdem konnte sie so erstmals herausfinden, was ihr überhaupt gefällt. Vor der Pandemie hatte sie nie die Zeit dazu gehabt. „Manchmal tut man Dinge für jemand anderes, nur weil die Person darauf steht und man selbst ist sich gar nicht so sicher.“ Sich ihrer Wünsche bewusst zu werden, das helfe ihr bestimmt auch in ihrer nächsten Beziehung.

Während Tina B. ihre Bedürfnisse entdeckte und nebenbei auf Dating-Apps chattete, war etwa ein Drittel der befragten Singles der „Liebe, Intimität und Sexualität in der Covid-19-Pandemie“-Studie erleichtert, dass nicht von ihnen erwartet wurde, ein aktives Sexualleben zu leben. Stattdessen intensivierten sich die Beziehungen zu Familienmitgliedern. Zu Freunden hingegen sei der Kontakt, vor allem im ersten Lockdown, um 70 Prozent zurückgegangen. Viele Freundschaften seien laut der Studie in die Brüche gegangen, da der Kontakte fehlte, aber auch, weil man unterschiedliche Ansichten hatte – wenn es zum Beispiel um das Thema Pandemie-Maßnahmen geht.

Corona – Menschen in Beziehungen offenbar zufriedener

Menschen in Beziehungen hingegen schienen zufriedener zu sein: Zwei Drittel gaben an, mit der Situation klar zu kommen. Drei Viertel fanden sogar, dass der oder die Partnerin die beste Person für eine Isolation sei. Die „Liebe, Intimität und Sexualität in der Covid-19-Pandemie“-Studie gibt auch Aufschluss über das Sexualverhalten während der Pandemie. Ein Viertel gab an, mehr Lust auf Sex zu haben. Bei der Hälfte der Befragten habe sich nichts am Begehren geändert. Ein Viertel empfand hingegen weniger Lust.

Vom neunten Stock aus am Potsdamer Platz werden Produkte designt, die die einen befriedigen und die anderen reich machen. Wenn Samuel Bodner an neuen Produkten feilt, fragt er sich, was die Kunden und Kundinnen sich wohl wünschen. Die Ergebnisse stapeln sich neben Tobias Kruses Arbeitsplatz: Pakete voller Produkte aus dem „EIS.de“-Sortiment, die von Kunden und Kundinnen wie Tina B. geordert werden. Die wiederum wünscht sich, auch wenn sie allein klarkommt, vor allem eins: die Nähe zu einem anderen Menschen.

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