Sex in Corona-Zeiten

„Man möchte nicht jeden Tag Schnitzel mit Pommes essen“

| Lesedauer: 5 Minuten
Sebastian Goddemeier
Umut Özdemir arbeitete lange für die Charité. Nun brachte er die „IN*TEAM Beziehungskiste“ raus – ein Spiel, das Paaren durch die Pandemie helfen soll.

Umut Özdemir arbeitete lange für die Charité. Nun brachte er die „IN*TEAM Beziehungskiste“ raus – ein Spiel, das Paaren durch die Pandemie helfen soll.

Foto: inteamsein.de

Paare haben weniger Sex, Singles masturbieren mehr. Wieso das so ist, erklärt Sexualpsychologe Umut Özdemir.

Umut Özdemir, 34, ist Diplom-Psychologe und Psychotherapeut mit Schwerpunkt auf Sexualität. Im Interview erklärt er, was die Corona-Pandemie für Singles, Paare und die Sexualität bedeutet.

Welchen Einfluss hat die Pandemie auf Singles?

Umut Özdemir: Auf Singles hat die Pandemie einen großen Einfluss, weil sich die meisten – egal ob glücklich oder unglücklich als Singles – in der Regel Körperkontakt, Nähe, Wärme und Sex wünschen. Für die, die sich an die Corona-Regeln gehalten haben, ist das aber ausgefallen. Manche Singles wohnen außerdem allein. Das hat zu Isolation geführt.

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Und auf Paare?

Bei Menschen in einer Partnerschaft hatte es den Einfluss, dass die Pandemie sich negativ auf das Sexualverhalten ausgeübt hat und dass das Verlangen zurückgegangen ist. Aktuelle Studien zeigen, dass der Trend nun aber wieder aufwärts geht. Im Vergleich zum ersten Lockdown haben Paare wieder mehr Sex, wir sind aber noch nicht dort, wo wir vor dem ersten Lockdown waren.

Woran liegt das?

Das Sexualverlangen ist vor allem im ersten Lockdown zurückgegangen, weil wir uns auf einmal in einer ganz neuen, ungewohnten Situation befanden. Bisher kannten wir Ereignisse dieses Ausmaßes gar nicht. Bei vielen kamen vermeintlich Ängste hinzu: Stecke ich mich an? Stecke ich einen geliebten Menschen an? Gleichzeitig fielen Menschen in Kurzarbeit, was Zukunftsängste auslösen kann. Das schlägt sehr schnell auf die sexuelle Lust. Arbeit und Freizeit haben sich dazu stärker vermischt. Paare saßen zu Hause im Homeoffice. Man kann nicht mehr so gut abschalten und es gibt kaum Themen, über die man sprechen kann, weil man nicht so viel erlebt.

Und jetzt scheinen die Menschen, die in Partnerschaften sind, wieder mehr Lust zu haben?

Zu den Befragungen muss man ganz kritisch sagen, dass die Ergebnisse nur für die Leute gültig sind, die befragt wurden: Vielleicht wurden zum späteren Zeitpunkt einfach andere Menschen befragt. Was aber auch möglich ist, ist, dass wir Menschen uns ganz schnell an Dinge und Umstände gewöhnen. Vielleicht haben wir uns an die Pandemie und ihre Einschränkungen gewöhnt und uns damit arrangiert. Wir leben immerhin seit März 2020 in dieser Situation. Deswegen ist der Sex vielleicht wieder mehr geworden. Man weiß mittlerweile, wie man im Homeoffice zu navigieren hat.

Wenn man den ganzen Tag aufeinander hockt, kommt es auch zu Streit, oder?

Eine englische Studie sagt, dass ein Viertel der Paare seit Beginn der Pandemie mehr streitet. Das ist viel. Sowas geht auch auf die sexuelle Lust und die negative Spannung kommt oft von ganz allein.

Welche Tipps würden Sie Paaren geben, trotz Corona-Blues ein erfülltes Liebesleben zu haben?

Pauschal Tipps zu geben, wie Paare trotz der Pandemie ihre sexuelle Lust aufrechterhalten, ist natürlich schwierig. Jede Partnerschaft ist anders, alle Menschen sind anders. Bei den Paaren, bei denen es funktioniert, fällt auf, dass sie ganz klar sagen: Um die Uhrzeit machen wir Feierabend. Wenn wir ehrlich sind, arbeiten die meisten von uns in Berufen, bei denen es nicht wichtig ist, um 20 Uhr noch eine E-Mail zu beantworten. Die kann man am nächsten Tag beantworten. Man sollte sich Zeit für sich als Paar nehmen. Nicht nur Hausarbeit und Arbeit. Bei klassischen Paaren ist es immer noch so, dass die Frau den Großteil der Arbeit im Haushalt macht. Wichtig ist, sich hier gegenseitig unter die Arme zu greifen. Einmal die Woche ein klassisches Date zu haben, sich über die Dinge zu unterhalten, die einen beschäftigen und bewegen, kann helfen. Man sollte den emotionalen Zugang zueinander nicht verlieren und nicht versperren. Und natürlich ist es so, dass man aktuell Dinge nicht zusammen als Paar erleben kann. Das gehört auch zu einer Langzeitpartnerschaft, dass man sich als Paar und als Einzelperson weiterentwickelt.

Welchen Einfluss wird die Pandemie auf Beziehungen haben?

Ehrlich gesagt glaube ich, dass wir die Pandemie schnell vergessen werden. Wir gewöhnen uns schnell an neue Umstände. Ich hoffe, dass sich bestimmte Dinge durchsetzen, wie eine Maske zu tragen, wenn man erkältet ist. Im sexuellen Bereich hoffe ich, dass Sextoys eine größere Akzeptanz erfahren. Das Klischee ist immer noch, dass der heterosexuelle Mann sich vom Vibrator der Partnerin bedroht fühlt. Das sollte weniger werden. Es sollte akzeptabler sein, Sextoys in den Sex allein und mit anderen einzubauen. Es ist eine Spielvariante. Man möchte nicht jeden Tag Schnitzel mit Pommes essen. Und so ist das beim Sex auch – solange natürlich alle Beteiligten freiwillig mitmachen.