Stadtflucht

Die neue Sehnsucht der Berliner nach dem Landleben

| Lesedauer: 18 Minuten
Gründerin Julianne Becker vor dem „Coconat“ in Klein-Glien. Die Amerikanerin wurde durch den Tourismusverband auf das leerstehende Gutshaus aufmerksam. Seit 2017 trifft sich hier die digitale Szene zur „Workation“ im Grünen.

Gründerin Julianne Becker vor dem „Coconat“ in Klein-Glien. Die Amerikanerin wurde durch den Tourismusverband auf das leerstehende Gutshaus aufmerksam. Seit 2017 trifft sich hier die digitale Szene zur „Workation“ im Grünen.

Foto: Reto Klar

Immer mehr Berliner ziehen aufs Land. Der Trend wird verstärkt durch steigende Mieten, die Pandemie – und durch die Digitalisierung.

Berlin. Der Spruch an der Wand des „Coconat“ bei Bad Belzig beschreibt, was der Motor der neuen Stadtflucht ist: „Zuhause ist da, wo man Wlan hat“ steht handgeschrieben auf einer Tafel. Die Sehnsucht gibt es schon länger. Schon vor der Pandemie sagten etwa ein Drittel der Deutschen, dass sie gern auf dem Dorf leben wollten. Doch nur etwa ein Siebtel lebt tatsächlich in Orten mit weniger als 5000 Einwohnern – bisher. Mit der Pandemie hat sich der Trend verstärkt – und wird nun auch in Städten spürbar. Berlin etwa verzeichnete vergangenes Jahr erstmals seit 2003 einen leichten Bevölkerungsrückgang. Zwar waren ein Grund dafür die corona-bedingt ausbleibenden Zuzüge aus dem Ausland. Aber die Wegzüge nach Brandenburg machten auch einen Gutteil des Schwunds aus.

Nach wie vor sind die Speckgürtel der Städte die größten Gewinner der Stadtflucht. Doch auch in entlegenen Regionen passiert etwas, im Osten und Westen Brandenburgs etwa, wo Demografen bis vor kurzem noch schlechte Prognosen abgaben. Doch jetzt gibt es auch in der Lausitz oder der Prignitz neue Bewohner. Oft sind sie nicht Pendler oder Rentner, die sich zur Ruhe setzen. Sondern junge Leute – Künstler, Kreative, die digitale Elite, die ihre Jobs mitbringen oder neue schaffen. Und viele kommen nicht nur fürs Wochenende oder einen Sommer, sondern sie bleiben.

Wichtigster Faktor bei der Entscheidung, aufs Land zu ziehen, sei für junge Großstädter heute gutes Internet, stellte das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung gerade in einer Studie fest. Scheinbare Mängel wie etwa etwa hoher Gebäudeleerstand würden als Vorteil gesehen – als Raum für neue Ideen. Unter dem Titel „Digital aufs Land“ untersuchte das Institut 56 Projekte, Initiativen und Netzwerke in ganz Deutschland. Die Ergebnisse überraschen: Coworking Spaces etwa, wie man sie bisher aus Berlin-Mitte kannte, entstehen mittlerweile von der Ostsee bis in die Alpen. Ebenso „Workation Retreats“, eine Mischung aus Tagungshotel, Coworking Space und Urlaub auf dem Bauernhof: Die Gäste kommen mit ihrem Laptop allein oder im Team zur kreativen Auszeit aufs Land.

Wichtig dabei: Der lockere Austausch mit anderen. Den neuen Landbewohnern geht es nicht nur um Romantik und Natur, sondern um Vernetzung. Sie wollen gemeinsam arbeiten und oft auch gemeinsam wohnen, heißt es in der Studie. Nicht jeder für sich im Einfamilienhaus, sondern im gemeinsam ausgebauten Vierseithof, im „KoDorf“, einer Art Hybrid-Dorftyp aus Stadt und Land, oder auch bewusst reduziert im Tiny House. Die Initiativen seien „inspiriert von der Stadt, kopieren aber nicht dortige Modelle, sondern orientieren sich an den aktuellen Herausforderungen ländlicher Regionen“.

Und an vielen Orten sind die „Neuen“ willkommen. „Den Zuzug aus der Stadt brauchen viele ländliche Regionen dringend, um dem demografischen Wandel etwas entgegenzusetzen“, sagt Catherina Hinz, Direktorin des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Ob das neue, digitale Zusammenleben auf dem Land gelingt, hängt neben der Internetfrage auch von den Kommunen ab. Wo Verwaltungen Initiativen unterstützen, könnten auch sie selbst profitieren, so die Studie: vom Know-how der sozialen Netzwerker und Digitalisierungsprofis nämlich – und natürlich, indem sie neue Bürger gewinnen. Wie das funktionieren kann, zeigen drei Beispiele.

Wittenberge macht es vor

Der Tiefpunkt kam 2010. Unter der harmlosen Zeile „Wissenswertes über Wittenberge“ listete das „Zeit“-Magazin „25 zentrale Beobachtungen“ über die Kleinstadt am nordwestlichen Rand Brandenburgs auf, die nach dem Mauerfall fast die Hälfte der einst 33.000 Bewohner verloren hatte. Was das für die verbliebenen Wittenberger bedeutete, hatten Soziologen drei Jahre lang in einer Studie untersucht. An sich sei die Studie sehr gut gewesen, sagt Oliver Hermann, Historiker und seit 2008 Bürgermeister der Stadt. Doch was in den Medien daraus wurde, würde man heute vielleicht als „Ost-Shaming“ bezeichnen. Leerstehende Industriebauten, verfallende Gründerzeitstraßen, die tristen Plattenbauten – Wittenberge wurde in den Medien zum Symbol des verlorenen Ostens. Die Bewohner fühlten sich als Wende-Verlierer vorgeführt, sagt Hermann. „Wittenberge brauchte Jahre, um das hinter sich zu lassen.“

Wenn heute Journalisten im Rathaus anrufen, geht es meist ums genaue Gegenteil. Die eigentlich sehr malerische Stadt an der Elbe gilt heute als Vorbild beim Wandel im ländlichen Raum. Vor allem seit 2019, als rund 30 junge Leute aus Berlin und anderen Großstädten zum „Probewohnen“ nach Wittenberge kamen – und die Hälfte von ihnen nach einem Jahr tatsächlich dablieb und seitdem immer mehr Großstädter anlockt. „Summer of Pioneers“ hieß die Aktion, erdacht vom Berliner Gründer und Journalisten Frederik Fischer, der auch Projekte wie die „KoDörfer“ erfand, bei denen Städter in eine Art Hybriddörfer aufs Land ziehen. Wittenberge war ein Erfolg – die nächsten „Pioneers“ starten dieser Tage im nordhessischen Homberg (Efze). Was, nebenbei bemerkt, im einstigen Westteil Deutschlands liegt. Strukturschwache Regionen gibt es eben nicht nur im Osten.

Wichtigstes Element des „Summer of Pioneers“ war ein Coworking Space, damals kostenlos, in dem die „Neuen“ arbeiten und sich kennenlernen konnten. Was alle mitbrachten, waren Jobs „to go“– die meisten hatten digitale oder kreative Berufe, die sich von überall ausüben lassen. Dazu kam das Bedürfnis nach einem entschleunigten Leben – möglichst aber mit einigen Bedingungen wie in der Stadt, etwa Internet und Mobilität. Das sagt Christian Soult, der 2019 auch aus Berlin kam. Heute ist er Sprecher des Netzwerks „Elblandwerker*“, das aus dem Probesommer hervorging. Das Netzwerk vereint inzwischen mehr als 50 Neu- und Alt-Wittenberger, die die Stadt mit Ideen und ihrer jeweiligen Expertise lebenswerter machen wollen. Soult selbst ist PR-Berater, arbeitet unter anderem für Start-ups. In Wittenberge organisiert er inzwischen auch die Probe-Wohnungen. Denn die seien nach wie vor gefragt, sagt er. Die Möglichkeiten, das Landleben erstmal zu testen, sei für viele ausschlaggebend für die Entscheidung für den „ländlichen Raum“, zu dem Kleinstädte wie Wittenberge zählen.

Rund 17.000 Menschen leben hier heute. Die Zahl sei seit zehn Jahren konstant – noch, sagt Bürgermeister Hermann. Inzwischen steigt die Geburtenrate. Eine zweite Grundschule wurde nicht wie geplant abgerissen, sondern saniert, eine Kita und ein Hort werden gerade gebaut.

Was der „Summer of Pioneers“ in der Stadt veränderte, lässt sich am Bismarckplatz gut ablesen. Mit seinen pastellfarbenen Gründerzeitbauten und dem grauen „Leerstand“ dazwischen erinnert der Platz an Berliner Aufbruchzeiten nach dem Mauerfall. Ähnlich das Lebensgefühl. „Raus mit der Sprache!“ steht an einer Bücherbox – eine Aufforderung an alte und neue Bewohner, sich mit Ideen für die Stadt einzubringen. Die Box haben die Betreiber des „Stadtsalon Safari“ aufgestellt, der 2019 entstand. Der einstige Eckladen liegt in einem leerstehenden Gründerzeitbau, ist eingerichtet im schönsten Berliner Upcycling-Stil und bringt mit Erzählsalons, Konzerten oder Mitmach-Aktionen alte und neue Wittenberger zusammen. Was bis zur Pandemie auch ganz gut gelang, sagt Mitgründerin und „Elblandwerkerin“ Juliette Cellier (36). Sie ist eigentlich Dokumentarfilmerin – und lebt nach 13 Jahren in Berlin nun in einem Dorf bei Wittenberge zur Miete, in einer WG mit einer weiteren Ex-Berlinerin, deren Beruf: Online-Marketing.

In Wittenberge, sagt Cellier, „gibt es noch Raum für Ideen, für Träume“. Auch der Safari-Laden ist so ein Traum. Inzwischen überlegen sie, mit einem Verein das komplette, verfallene Haus neu zu beleben. „Dazu bräuchten wir aber Hilfe“, sagt Cellier. Rat und Ideen finden sie zum Beispiel im Netzwerk der „Elblandwerker“. Die Idee: Hier tauschen sich Landmenschen und -erneuerer aus. Und auch die Stadtverwaltungen gehören dazu.

Denn ohne Unterstützung aus dem Rathaus ginge nichts – ein Satz, den man in Wittenberge ebenso hört wie in Bad Belzig und anderen Orten. In Wittenberge betreibt die Wirtschaftsförderung TGZ den Coworking Space der „Pioneers“ weiter, längst treffen sich hier auch lokale Unternehmen. Geplant ist ein Gründerzentrum im historischen Bahnhof, der mit einem weiteren Clou aufwartet: In Wittenberge hält seit jeher der ICE zwischen Berlin und Hamburg – Vernetzung per Schiene ist ein mobiles Plus.

Der „Sommer of Pioneers“ hat auch schon länger Zugezogene ins Netzwerk gebracht. Etwa Tobias Spill (40), aufgewachsen bei Magdeburg. Nach 1990 war er zehn Jahre im Rhein-Main-Gebiet IT-Systemelektroniker, inzwischen hat er in Wittenberge etwas gefunden, das ihn mehr fasziniert als IT: Äpfel. Spill betreibt heute die „Elbland-Mosterei“ auf einem historischen Industriehof in der Stadtmitte. Gerade baut er eine Halle zum Regionalmarkt für lokale Produkte aus. Auch ein Café samt Terrasse ist geplant – mit Blick in einen riesigen, frisch sanierten Park.

In dem könnte, davon träumt wiederum Bürgermeister Hermann, 2026 die Landesgartenschau stattfinden. Denn zwar ist Wittenberges prächtiges Elbufer längst auch bei Touristen bekannt und beliebt. Jetzt aber, sagt Hermann, ist es Zeit, auch die historische Innenstadt wieder herzuzeigen. Nicht als Lost Place wie damals, sondern, weil sie schön ist. Vor zehn Jahren, sagt er, „hätte uns für so eine Bewerbung das Selbstbewusstsein gefehlt“.

Arbeiten wie im Urlaub: „Workation“ in Klein-Glien

Man stellt sich die Stadtflucht ja gern so vor, dass Menschen durch traumhafte Landschaften fahren, plötzlich ein Paradies entdecken, und zack! steht da ein tolles Projekt. Aber so war es nicht, wobei: Etwas Paradiesisches hat das „Coconat“ in Klein-Glien schon. So, wie Gründerin Julianne Becker da auf der Wiese steht, zwischen acht freundlichen Hennen, den Wind im Haar, der auch in den Baumschaukeln für die Gäste spielt – da möchte man einfach nur hierbleiben. An den Tischen im großen Garten, wo vereinzelte Gäste an Laptops arbeiten, oder im gemütlichen Gutshaus, wo es im „Pub“ nach Kaffee durftet, auf den Sofas in der Bibliothek mit Kamin oder unter der Palme im großen Saal. Der, vielleicht, mal ein Tanzsaal war, wer weiß.

Aber das Paradies will nicht per Zufall gefunden werden, sondern durch harte Arbeit, sagt Julianne Becker. Im früheren Leben gehörte sie zu den „digitalen Nomaden“, sie stammt aus St. Louis (USA), bereiste die Welt, wohnte zuletzt in Berlin. Das „Coconat“ entstand gemeinsam mit ihrem Mann Janosch Dietrich zunächst als Projektentwurf: „CoCoNat“ steht für „Community and Concentrated Work in Nature“. Konzentriertes Arbeiten in einer Umgebung, in der andere Urlaub machen: „Workation“ war 2017, als das „Coconat“ eröffneten, deutschlandweit ein Pilot. Tatsächlich war es der Tourismusverband, der von Julianne Beckers Suche hörte und sie auf das leerstehende Gutshaus in Klein-Glien bei Bad Belzig aufmerksam machte, erzählt sie. Da hatten sie eine erste „Location“ gerade verworfen, Argument: „Es gab dort kein Internet, ein Glasfaserkabel hätten wir auf eigene Kosten für 40.000 Euro verlegen müssen.“

In Klein-Glien war das kein Problem. Das Gutshaus war schon als Hotel ausgebaut worden, der Bürgermeister der Kreisstadt Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark) sicherte Unterstützung zu – und auch die örtliche Feuerwehr hatte nichts dagegen, deren Spritzenhaus auf dem Areal steht. Jetzt hängt daran eine „Give Box“, in der Gäste gebrauchte Dinge einwerfen können: „Gib Dingen ein zweites Leben, bitte keinen Schrott“, steht in Schreibschrift daran.

54 Gäste können sie maximal beherbergen, während der Pandemie nur die Hälfte, aber immerhin – das „Coconat“ ist geöffnet. Natürlich mit strengen Hygiene-Regeln, weswegen die Sauna derzeit geschlossen ist, aber zum Programm gehören Angebote wie Filme, Musik, Lagerfeuer oder auch eine „Stretching Class“. Die Atmosphäre: Irgendwo zwischen Start-up und Jugendherberge, wobei, Achtung: Hier wird gearbeitet. Selbst die Baum-Schaukeln sind kein Spielplatz, sondern ein „Meeting Baum“, samt Flip-Chart.

Etwa Dreiviertel der Gäste kommen aus Berlin, sagt Julianne Becker, die anderen kamen bis zur Pandemie aus der ganzen Welt – sogar aus Island gab es schon einen Gast. Manche bleiben nur kurz, andere Monate, um Bücher oder Projekte abzuschließen. Manche nutzen die Auszeit mit dem Team, es gab auch schon Gäste mit Familie. „Derzeit kommen aber viele allein, die einfach eine Auszeit von der Arbeit im Homeoffice mit Homeschooling brauchen.“ Manche sind auch ganz geblieben – wie auch die Gastgeber selbst, die mit den Kindern inzwischen in Bad Belzig wohnen. Im Garten sitzt Joanna Walton, die 34-Jährige kommt aus Nürnberg. Sie ist Coach, sagt sie, und nutzt ihre zweiwöchige Auszeit auf dem Land auch für einen Perspektivwechsel, wie sie sagt. Dabei helfe die ruhige Umgebung ebenso wie der Austausch mit Menschen aus ganz anderen Bereichen. Die Idee herzukommen hatte sie schon lange, sagt sie: „Ich habe früher in Berlin gewohnt und dort davon gehört.“

Nach Berlin kommt man von Bad Belzig aus in etwa einer Stunde mit dem Zug. Derzeit wird ein Radweg aus Klein-Glien gebaut, „endlich“, sagt Julianne Becker. Ein Stück Berlin ist dieser Tage direkt vor der Tür des „Coconut“ aufgestellt worden – ein alter S-Bahn-Waggon, den sie dem Historischen S-Bahn-Verein abgekauft haben. Der Waggon wird zum Coworking Space. Er war einst ein Prototyp, sagt Julianne Becker, und findet, das passt. Das „Coconut“ ist ja selbst sozusagen als Prototyp gestartet. Inzwischen gibt es „Workation“ auch in Deutschland an mehreren Orten.

80 Berliner ziehen nach Prädikow

Wer aus Berlin mit dem Auto Richtung Nordosten fährt, bekommt einen Eindruck, was an der Grenze von Stadt und Land passieren kann, wenn niemand aufpasst. Blechlawinen winden sich durch winzige Ortschaften, Riesensupermärkte und kreischbunte Neubauviertel wachsen zwischen rissigen DDR-Fassaden. Erst hinter Strausberg wird die Straße hubbelig und schmal, und die Landschaft öffnet sich wie eine Bühne. Dann das Dorf Prädikow: Kirche, Höfe, Schafe, Katzen, in der Mitte ein riesiges Landgut. Schmiede, Ställe, Brennerei, Brauerei, Scheune und Schweizerhaus stehen im Karree, als hätte jemand einen Dorf-Bausatz ordentlich im Rechteck aufgestellt. In der Mitte grasen friedlich ein paar Zebus.

Philipp Hentschel (37) ist selbstständiger IT-Manager, Familienvater aus Friedrichshain – und einer der rund 80 Berlinerinnen und Berliner, die ab November nach und nach hier einziehen werden. An den Rand der Märkischen Schweiz und doch mit S-Bahn-Anschluss nach Berlin ab Strausberg-Nord. Sie kommen nicht einfach so, sondern mit einem genauen Plan. „Wir wollen nicht hier landen wie ein Ufo“, sagt Hentschel. Vielmehr solle das Gut, einer der größten Vierseithöfe Brandenburgs, nach längerem Leerstand wieder ein Ort für alle Bewohner werden. „Das war es nämlich früher auch, das Herz des Ortes“, sagt Hentschel. Treffpunkt wird die historische Scheune, die der eigens gegründete Verein Hof Prädikow e.V. betreiben wird, Hentschel ist Vorstand. Im August ist zunächst die Feldsteinscheune fertig saniert, die Wohnbauten folgen nach und nach. In der Scheune werden ein Coworking-Space, Gastronomie und eine Terrasse zum gemeinsamen Arbeiten oder Essen einladen, zu Kultur oder Diskussionen, sagt Hentschel. Viele der „Neuen“ arbeiten in digitalen und kreativen Bereichen, doch die Idee ist auch eine „Vernetzung“ mit der Umgebung.

Prädikow ist nicht irgendein Projekt. Es wird in Studien und Berichten gern als Beispiel für den Wechsel von Städtern aufs Land genannt. Die Sanierung der denkmalgeschützten Gebäude etwa: Für Einzelne kaum finanzierbar, fand sich die Lösung in Berlin, wo es genossenschaftliches Bauen schon seit dem 19. Jahrhundert gibt. Das neun Hektar große Areal gehört heute der Stiftung Trias, die es nach Erbbaurecht an die SelbstBau Genossenschaft verpachtet. Die Bewohner haben Genossenschaftsanteile erworben, sagt Hentschel. Die Miete wird mit zwölf Euro warm pro Quadratmeter etwa so hoch sein wie in Berlin. Soll heißen: Prädikow wird kein Zweitwohnsitz, sondern neues Zuhause. Für Hentschel wird es auch eine Rückkehr, er und seine Frau sind in der Gegend aufgewachsen. Ausschlaggebendes Argument seien die Kinder gewesen, „sie können hier freier und in der Natur aufwachsen“. Er selbst freut sich aufs gemeinsame Arbeiten und Wohnen. „Dass man morgens aus der Tür tritt und mit niemandem ein Wort spricht wie in Berlin, das wird hier wohl eher nicht passieren.“